Dann halt eine Co-Leitung

Eine urbane Kita-Leiterin und ein Seklehrer aus dem Oberland sind neu an der Spitze der Berner SP. Das Amt ist im bürgerlichen Kanton nicht besonders beliebt.

Zwei Plätze an der Sonne: Ueli Egger und Mirjam Veglio vor dem Berner Rathaus.

Zwei Plätze an der Sonne: Ueli Egger und Mirjam Veglio vor dem Berner Rathaus. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er habe auch aus Pflichtgefühl zugestimmt, sagt der neu gewählte Parteipräsident Ueli Egger. Der 60-jährige Sekundarlehrer war bislang in der Öffentlichkeit wenig aufgefallen. Seit 2017 sitzt er im Grossen Rat, davor war er je acht Jahre Gemeinderat und Gemeindepräsident von Hilterfingen.

Alleine habe er sich das Amt nicht zugetraut, sagt Egger. Denn der gebürtige Grindelwalder möchte auch weiterhin, zumindest bis im Sommer, in Hünibach unterrichten. Die Partei war mit einer Co-Leitung einverstanden – für die kantonale SP ein Novum, wechselten sich doch bislang Mann und Frau an der Spitze strikt ab.

«Wenn Bauern und Bergler gegen den Staat wettern, kann ich das nur schlecht nachvollziehen.»Ueli Egger ?

Andererseits: Heute sind 23 der 38 Grossratssitze der SP von Frauen besetzt. Angesichts solcher Geschlechterverhältnisse wäre ein Mann alleine an der Spitze der Berner SP irgendwie auch unzeitgemäss. Für das Parteipräsidium sollten die Kandidaten zudem stark mit dem Kanton verbunden sein. Bei den meisten infrage kommenden SP-Grossräten hielt sich die Begeisterung für das zeitintensive Amt jedoch in Grenzen. Dann eben die Co-Leitung.

Teilen wird sich Egger das Präsidium nun also mit der 51-jährigen Mirjam Veglio. Wie ihr neuer Kollege ist auch Veglio zum Gespräch mit dem «Bund» im obligaten Sozi-Rot erschienen. Die gebürtige Bernerin wohnt heute in Zollikofen und politisiert dort im Gemeinderat. Die Betriebsökonomin sitzt wie Egger seit 2017 im Grossen Rat und leitet in Zollikofen eine Kita.

Weniger Flüsterbeläge

Neben dem gemeinsamen Rot sind aber vor allem die Unterschiede der beiden auffällig, sozusagen der personalisierte Stadt-Land-Graben: hier die im Tscharnergut aufgewachsene Veglio mit dem Selbstbewusstsein der urbanen SP-Frau. Da der zurückhaltende Seklehrer Egger mit der Demut des Oberländer-SPlers. Ein Hinterwäldler ist Egger aber nicht: Im Gegensatz zu Veglio spricht er dank zahlreicher Auslandaufenthalte fliessend Französisch. Diese Zuständigkeit wäre also schon mal geklärt. «Dafür bin ich dann die Frau fürs Grobe», sagt Veglio halb im Scherz.

«Es braucht nicht in jeder abgelegenen Region einen
Flüsterbelag oder ein eigenes Spital.»
Mirjam Veglio

Typisch für den Kanton Bern und für die Stadtpartei SP besonders nervig: Die urbanen Zentren sorgen für Wachstum und Beschäftigung, werden aber von den Randregionen regelmässig überstimmt. Hier vergeht Veglio das Lachen: Wenn schon gespart werden müsse, dann bei teuren Infrastrukturprojekten in der Peripherie und nicht bei den Schwächsten der Gesellschaft: «Es braucht nicht in jeder abgelegenen Region eine Strasse mit Flüsterbelag oder ein eigenes Spital.» Vor den Wahlen in diesem Jahr wanderte Egger durch alle 33 Gemeinden seines Wahlkreises, um für den Sozialstaat zu werben. Nun sagt er: «Wenn von Subventionen abhängige Bauern und Bergler gegen den Staat wettern und für Steuersenkungen stimmen, kann ich das nur schlecht nachvollziehen.»

Hoffen auf «Schnegg-Effekt»

Wie wollen die beiden im traditionell bürgerlichen Kanton die Menschen von der SP überzeugen? Sie hoffen weiterhin auf den «Schnegg-Effekt». Bei den letzten Grossratswahlen gewann die SP fünf Grossratssitze dazu, viele deuteten dies als Reaktion auf die Sparpolitik von SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg. So auch Egger: Bisher habe ein rot-grüner Regierungsrat die Sparmassnahmen jeweils noch abfedern können, doch «jetzt spüren auch die Bewohner der ländlichen Regionen die Sparmassnahmen der bürgerlich dominierten Regierung». Beide sind sich einig: Mobilisieren lassen sich Wählerinnen und Wähler vor allem, wenn sie persönlich betroffen sind. Social-Media-Kampagnen überlassen sie aber lieber der Juso.

SP-Themen auf dem Land

Die Kampagne gegen die Sparpolitik des Regierungsrats ist vor allem ein Reagieren. Eigene Themen der Bevölkerung in Randregionen schmackhaft zu machen, ist ein schwierigeres Unterfangen. Egger ist trotzdem optimistisch: «Landwirtschaft, Bildung und öffentlicher Verkehr sind Themen, welche die Landbevölkerung stark beschäftigen.» Da gebe es durchaus Gemeinsamkeiten. Viele seien sich aber zu wenig bewusst, dass Entscheide auf Kantonsebene ihr Leben unmittelbarer beeinflusse als etwa ein EU-Beitritt. Zunächst aber werden die beiden mit den kommenden National- und Ständeratswahlen beschäftigt sein. Zu möglichen Wunschkandidaten ist von ihnen nichts zu erfahren, und auch am 66-jährigen Ständerat Hans Stöckli halten sie fest. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2018, 06:39 Uhr

Artikel zum Thema

Berner SP-Präsidentin Ursula Marti gibt ihr Amt ab

Die Kantonalbernische SP braucht eine neue Führungsriege: Präsidentin Ursula Marti und Vizepräsident Roberto Bernasconi haben ihren Rücktritt angekündigt. Mehr...

Der Landschreck

Er kämpft seit jeher dafür, dass Autos aus der Berner Innenstadt verschwinden. Heute provoziert der einstige Berner SP-Stadtrat Beat Zobrist mit der Idee eines Halbkantons Bern-Stadt. Mehr...

Vierköpfiges Vizepräsidium

Am gestrigen Parteitag in Bern verabschiedete die SP die bisherige Präsidentin Ursula Marti und bestimmte ihre Nachfolger. Man bedauere ihren Rücktritt sehr, teilte die Geschäftsleitung mit, Marti habe der Partei ein Gesicht gegeben und die SP Kanton Bern stark geprägt. Marti hatte nach den erfolgreichen Wahlen im Frühling ihren Rücktritt bekannt gegeben. Es ist nicht der einzige Rücktritt in der Parteileitung: Neben Marti gab auch der Vizepräsident Roberto Bernasconi gestern sein Amt ab. An seiner Stelle wählte der Parteitag gleich drei Neue: die 35-jährige Könizer Grossrätin Tanja Bauer, den 51-jährigen Bieler Gemeinderat Cédric Némitz und den 23-jährigen Stadtberner Matteo Langenegger. Die bisherige Vizepräsidentin Margrit Junker Burkhard bleibt im Amt.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...