Bruder Klaus und die Berner

Lange wurde Niklaus von Flüe von den Protestanten mehr geehrt als von den Katholiken. Mit Bern war er eng verbunden.

Bruder Klaus (vorne links) im Bild «Der Bundesschwur» von 1586

Bruder Klaus (vorne links) im Bild «Der Bundesschwur» von 1586 Bild: Archiv

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Mit keinem anderen eidgenössischen Ort war der Obwaldner Niklaus von Flüe (1417–1487) derart eng verbunden wie mit Bern. Das bedeutendste authentische Dokument des Bruder Klaus ist ein Brief an die Berner Obrigkeit aus dem Jahre 1482. Darin bedankt er sich für eine grosszügige Gabe, die er für seine Vermittlerrolle beim Stanser Verkommnis erhalten hat. Die Berner haben damit insbesondere den Einsatz des Ranft-Eremiten für die Aufnahme der verbündeten Städteorte Freiburg und Solothurn in die Eidgenossenschaft honoriert.

In seinem Schreiben mahnt von Flüe die mächtigen Ratsherren, «auf den Frieden abzustellen» sowie «Witwen und Waisen zu beschirmen». Der Schlüsselsatz lautet: «Darum sollt ihr schauen, dass ihr einander gehorsam seid.» Es gibt für diese seltsame Aussage zwei Interpretationen, die sich allerdings nicht widersprechen müssen. Peter von Matt hat in seiner Rede an der offiziellen Bruder-Klaus-Feier in Sarnen vom 30. April betont, dass sie bedeute, in Konflikten «aufeinander zu hören». Der ebenfalls aus der Innerschweiz stammende Schriftsteller Manfred Züfle interpretierte die Aussage als «Korrektur» am Stanser Verkommnis, das zusätzlich die Obrigkeiten zur Solidarität gegen aufständische Untertanen verpflichtete: «Klaus sagt’s den Herren, die endgültig auf dem Weg sind, zu ‹Gnädigen Herren› zu avancieren.»

Adrian von Bubenberg dürfte Bruder Klaus in seiner kritischen Haltung zur Reisläuferei bestärkt haben. 

Niklaus von Flüe war besonders eng mit dem 1479 verstorbenen Adrian von Bubenberg verbunden. So hat dieser als Einziger den eigensinnigen Eremiten vor dem misstrauischen Bischof von Konstanz geschützt. Der mehrfache Berner Schultheiss dürfte Bruder Klaus in seiner kritischen Haltung zur Reisläuferei bestärkt haben. Während der Reformation war es der Berner Chronist Valerius Anshelm, der die Warnungen des Eremiten vor den schädlichen Folgen der fremden Kriegsdienste am aktivsten verbreitete. In seiner «Berner Chronik» ist übrigens die Frau von Bruder Klaus, Dorothea Wyss, erstmals namentlich erwähnt.

Wie Anshelm war auch der erste offizielle Biograf von Bruder Klaus ein späterer Pionier des Berner Protestantismus. Zehn Jahre nach dem Tod des Eremiten hatte der humanistische Gelehrte Heinrich Wölfli von der Obwaldner Regierung den Auftrag gefasst, das Leben des legendären Eremiten aufzuzeichnen. Einer seiner damaligen Lateinschüler war ein aufgeweckter Toggenburger namens Ulrich Zwingli. Dass der spätere Zürcher Reformator in Bern beim wohl besten Kenner des Niklaus von Flüe in die Schule gegangen war, zeigte sich in seinen späteren Predigten und Pamphleten gegen klerikale Protzerei und das Söldnerwesen. Bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde Bruder Klaus von den Protestanten mehr geehrt und zitiert als von den Katholiken.

Dazu beigetragen haben auch Glaubensflüchtlinge wie der in die Waadt geflohene Hugenotte Humbert Mareschet. Im Auftrag der Berner Regierung schuf er 1586 für die Bürgerstube im Rathaus das allererste Gemälde über Bruder Klaus. «Der Bundesschwur» (heute im Bernischen Historischen Museum) zeigt, wie von Flüe dem katholischen Solothurner und dem reformierten Basler (dessen Stand zu von Flües Lebenszeit nicht eidgenössisch und schon gar nicht reformiert gewesen ist) die Hände auf die Schultern legt. Das Flunkern mit der historischen Wahrheit diente einem höheren Zweck. Das Bild sollte die katholischen Orte ermahnen, sich nicht von den reformierten abzusondern.

Bernische Expansion

Selbst der berühmteste Satz, der Bruder Klaus zugeschrieben wird, betrifft die Berner: «Steckt den Zaun nicht zu weit!» Die Warnung stammt allerdings nicht vom Obwaldner Eremiten, sondern vom Luzerner Glaubenskämpfer Hans Salat. Mit dieser wohl erfundenen Aussage protestierte der militante Katholik 1537 gegen die bernische Expansion nach Westen. Was ihm nicht passte, war die Ausweitung der Reformation in die Waadt und die damit verbundene Befreiung des calvinistischen Genf aus der savoyischen Umklammerung. Dass Bruder Klaus einer Vergrösserung der Eidgenossenschaft nicht abgeneigt war, bewies er beispielsweise, als er 1481 den Widerstand der Länderorte gegen die Aufnahme der Städte Freiburg und Solothurn in den Bund brach – ganz im Sinne der Berner.

Josef Lang ist Historiker und war Nationalrat der Zuger Alternativ-Grünen. Anlässlich der ökumenischen Feier «500 Jahre Reformation – 600 Jahre Bruder Klaus» hat er den Vortrag gehalten: «Was Bruder Klaus und die Reformation verbindet». (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2017, 08:17 Uhr

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