Brexit à la jurassienne

Die heutigen Separatisten im Berner Jura verkörpern nicht den Aufbruch. Das ist eine historische Ironie.

Eine Wand in Moutier: Die Gemeinde steht zwischen zwei Kantonen.

Eine Wand in Moutier: Die Gemeinde steht zwischen zwei Kantonen. Bild: Adrian Moser/Keystone

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Freundschaften gingen in die Brüche, sogar Liebschaften. Es gab Anschläge und Brandstiftungen. Die Frage, ob der Jura sich von Bern lösen und ein eigenständiger Kanton werden soll, riss Gräben quer durch Dörfer und Parteien. Bis die Jurassier 1978 ihren eigenen Kanton bekamen.

Für die meisten Schweizer ist der Jura-Konflikt seither erledigt. Im bernjurassischen Städtchen Moutier, wo am 18. Juni über den Wechsel zum Kanton Jura abgestimmt wird, ist er wach geblieben. Die Unversöhnlichkeit von einst lebt im Kleinen wieder auf. Wie ist das möglich, wo doch im heutigen Alltag für die meisten Menschen Gemeinde- und Kantonsgrenzen keine Rolle mehr spielen und selbst Landesgrenzen für viele bedeutungslos sind?

Der Jura-Konflikt handelt von Identität, Nationalismus und Hoffnung. Kräftig zu glühen beginnt der seit dem 19. Jahrhundert schwelende Konflikt in den heissen 1960er-Jahren. Damals sagen sich Länder in Afrika und Asien von den einstigen Kolonialmächten los. In Spanien wollen sich die Basken in die Unabhängigkeit bomben. Die alten Autoritäten in den westlichen Gesellschaften wanken. Minderheiten und neue Bewegungen fordern Gehör, Respekt und Rechte. Die Schweiz schwankt zwischen Landi-Geist und Aufbruch aus der Enge. Europa beginnt zusammenzurücken, die Schweiz weiss nicht, wie sie reagieren soll.

All das heizt den Jura-Konflikt an und gibt ihm Bedeutung. Die Berner erscheinen als Kolonialherren, die endlich das Feld räumen sollen; der Jura war ihnen am Wiener Kongress 1815 als Ersatz für die verlorene Waadt und den Aargau zugeschlagen worden. Die Berner Regierung unternimmt in den 1960er-Jahren vieles, um den Vorwurf der Machtarroganz zu nähren: Seit der ersten Abstimmungsniederlage der Separatisten von 1959 tut Bern so, als habe sich der Jura-Konflikt in Luft aufgelöst.

In dieser Zeit des Umbruchs setzen die jurassischen Separatisten auf sprachlichen Nationalismus: Zusammen gehört, wer Französisch spricht. Das stiftet Identität, schweisst zusammen – und provoziert, weil es einen Nerv der mehrsprachigen Schweiz trifft. Die Separatistenführer schwärmen von Charles de Gaulles Idee eines «Europas der Vaterländer», die ethnisch möglichst homogen sind.

Der propagierte radikal frankofone neue Kanton wird zum Versprechen für das Land stilisiert: Die Schweiz, ungehobelt, verbohrt, kriegerisch und vom dumpfen Deutschschweizer Geist beseelt, soll am weltoffenen Esprit der Jurassier genesen. Als es so weit ist und der Kanton Jura aus der Taufe gehoben ist, sind viele Schweizer ein bisschen stolz. Weil sich so der Welt zeigen lässt, dass die Schweiz Konflikte nicht kriegerisch, sondern demokratisch löst. Und weil die Kantonsgründung, so schmerzhaft sie für viele war, als Zeichen des Aufbruchs gelesen werden kann. Bundesrat Willi Ritschard, der Mann für die treffenden Worte, sagt 1978: «Von einem jungen Kanton können für die ganze Schweiz neue Impulse ausgehen. An Elan, Neues zu wagen und zu erproben, fehlt es den politischen Kräften des Nordjura nicht.»

Der Jura als Sehnsuchtsort

Und heute? Wofür steht der Wunsch jener Einwohner Moutiers, die zum Kanton Jura wechseln wollen? Wieder geht es um Wurzeln, Sprache und Identität. Aber dem ethischen Nationalismus der heutigen Separatisten fehlt die progressive Note von einst. Politischer und gesellschaftlicher Aufbruch? Wenn die meist älteren Befürworter des Kantonswechsels am Freiheitsfest in Moutier die «Rauracienne», die Kantonshymne des Juras, anstimmen, tönt dies nicht nach Aufbruch. Sondern nach nostalgischer Wehmut in einer komplizierten Welt.

Die heutigen Separatisten passen zum gegenwärtigen Trend der Renationalisierung: Brexit à la jurassienne, Jura first. Auch im Südjura spürt man, wie die Macht der globalen Märkte nationale und kulturelle Grenzen aufgehoben hat. Auch im Südjura besteht dadurch eine gesteigerte Nachfrage nach Heimatgefühl, nach etwas Eigenem und vermeintlich Beschützendem.

Abschottung bedeutet hier nicht, eine Mauer zu bauen oder aus der EU auszutreten. Emotionalen Halt bietet hier die Flucht zu den Gleichsprachigen. Der Kanton Jura wird zum Sehnsuchtsort, wo alles möglich scheint, die Welt angeblich noch in Ordnung ist. Ein Ort der Verheissung und des Versprechens.

Erstellt: 08.06.2017, 06:50 Uhr

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