«Bodybuilder sind die Pazifisten der Körperkultur»

Sie stilisieren die eigene Natur zur totalen Künstlichkeit und überlassen dabei nichts dem Zufall. Wieso das kein Spass ist, aber doch süchtig macht, erklärt der Bodybuilder und Kunstwissenschaftler Jörg Scheller.

Schätzt am Training die Langeweile: Jörg Scheller.

Schätzt am Training die Langeweile: Jörg Scheller. Bild: Sabine Bobst

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Herr Scheller, ist Bodybuilding natürlich?
Es hat mit Natur insofern zu tun, als es darum geht, diese zu überwinden. Beim Bodybuilding entstehen haarlose Maschinenkörper. So etwas gibt es in der Natur nicht. Bodybuilding steht stark in der modernistischen Tradition, etwas Besseres sein zu wollen als die Natur.

Was ist der Antrieb dahinter?
Der Mensch hat kein eigenes Biotop, keinen festen Platz in der Umwelt. Deshalb schafft er immer wieder neue künstliche Räume. In diesem Rahmen ist auch Bodybuilding kulturbildend.

Das müssen Sie erklären.
Ursprünglich ging es bei menschlicher Kultur darum, eine Grenze zwischen sich und der bedrohlichen, wilden Natur zu ziehen. Das mache ich als Bodybuilder heute auch. Da gibt es eine chaotische Aussenwelt, und da gibt es mich und meinen Körper, den ich höchst regelmässig trainiere. Im Training habe ich Routinen und Rituale. Bodybuilding hat wahnsinnig viel mit Kontrolle zu tun.

Das tönt nicht sehr locker.
Bodybuilding ist eine komplette Spassbremse im Leben. Bodybuilder haben viel mit Mönchen gemein. Sie müssen einen strikten Diätplan einhalten, suchen regelmässig dieselben Orte auf, wo sie immer wieder dieselben Prozeduren durchlaufen, dieselben Rituale.

Was ist der Reiz daran?
Die Welt ist unkontrollierbar. Im Training kann ich mir einen Raum schaffen, wo alles sehr kontrollierbar ist. Viel stärker als etwa im Fussball oder im Basketball. Ich kann mich auf die Übungen konzentrieren, kann zehn beinahe identische Bewegungen am Stück machen – und mich dabei ständig im Spiegel kontrollieren. Diese Selbstkontrolle wird schnell manisch.

«Das Verführerische am Bodybuilding ist, dass man die Resultate unmittelbar sieht.»

Schafft man es, sich davon zu lösen?
Arnold Schwarzenegger hat es geschafft. Er war auf mehreren Ebenen erfolgreich – und nahm das Bodybuilding locker. Zumindest hat er so getan. Ganz so locker war es auch bei ihm nicht.

Und wenn man nicht Schwarzenegger ist?
Man kann sich einen bestimmen Körper antrainieren und versuchen, diesen so gut wie möglich zu konservieren. Dann hat man auch Zeit, nebenbei noch anderes zu machen. Aber man braucht weiterhin die Disziplin, die Ordnung, die Kontrolle. Sonst geht es nicht.

Wenn es nur um Selbstdisziplin geht, könnte man sich ja auch auf ein Rennvelo setzen.
Das Verführerische am Bodybuilding ist, dass man die Resultate unmittelbar sieht. Ein Velorennfahrer bekommt dicke Beine. Bei Bodybuildern wächst der ganze Körper. In unserer stark auf das Visuelle ausgerichteten Kultur ist es etwas ganz anderes, wenn man meinem Körper ansieht, dass ich ihn trainiere, als wenn ich erzählen müsste, dass ich Fahrrad fahre.

Auf der einen Seite trainieren Bodybuilder für sich zur Abgrenzung. Zum andern wollen sie damit aber auch auffallen?
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Alles, was ein Mensch tut, hat etwas mit der Welt zu tun, in der er lebt. Es gibt nicht «die Individuen», es gibt nur «die Dividuen». Sprich, wir alle sind Teile eines Ganzen. So spiegeln wir uns etwa an anderen, wenn kein Spiegel da ist. Und wir messen unser Leistungen – etwa im Job. Das Training an sich ist zwar sehr individualistisch. Der Prozess ist sehr selbstbezogen. Doch sobald man aus dem Studio rausgeht, ändert sich das.

Ohne die bewundernden Blicke geht es nicht?
Es gibt viele Bodybuilder, die ihre Muskeln verstecken und eigens weite Kleidung anziehen.

Wieso denn?
Weil sie sich schämen und nicht auffallen und ständig angesprochen werden wollen.

Es gibt Studien, die zeigen, dass viele Bodybuilder eine krankhaft negative Körperwahrnehmung haben. Frauen würden magersüchtig – die Männer trainieren sich Muskelberge an. Und wollen immer mehr davon.
Das ist doch symbolisch für unsere Kultur. Wenn ich ein Auto mit 70 PS habe, will ich eines mit 100 PS. Dann will ich bald eines mit 150 PS. Unsere Wahrnehmung verschiebt sich ständig. Ein Profibodybuilder steht vor dem Spiegel und sagt: «Um Gottes Willen, ich bin ausser Form.» Dabei wiegt er 120 Kilogramm.

Sie sprechen oft vom Trainieren als philosophischem Akt. Ist es in der Praxis nicht viel simpler?
Das stimmt schon – eigentlich ist trainieren schlicht und langweilig. Mich spricht es aber gerade deshalb an. Denn unser Leben ist wahnsinnig spannend. Das Training hat da etwas Heilsames. Ich lese und schreibe den ganzen Tag. Da gefällt mir das Nichtintellektuelle.

»Wenn ein Bodybuilder am Strand entlang läuft und die Menschen ihn schön finden, hat er etwas falsch gemacht.»

Auch im Bezug auf das soziale Milieu?
Es gibt in der Szene intelligente Leute. Es gibt aber auch viele, die sprechen nur über die Übungen und über Broccoli und Poulet. Das langweilt mich. Wie auch Kunsthistoriker, die nur über Raffael sprechen.

Reis und Poulet essen, stundenlang vor dem Spiegel stehen. Das hat mit dem traditionellen Bild eines kräftigen Mannes wenig gemein.
Absolut. Als Bodybuilder in den 1940er-Jahren auftraten, wurden sie von den Gewichthebern und Boxern als «feminisierte Schwule» verspottet. Tatsächlich hat Bodybuilding nichts mit Kraft zu tun oder mit Kampf. Aber das ist doch auch das Schöne, weil es das martialische, kriegerische Männerbild transformiert. Statt Kampf gibt es nun einen Wettbewerb der Körperbilder. Auch dieser bringt Probleme mit sich, ist aber doch ungleich zivilisierter. Bodybuilding ist also fast eine Art Friedensförderung und die Bodybuilder sind die Pazifisten der Körperkultur.

Sind es solche Rollenbilder, die dazu beitragen, dass Bodybuilder bis heute belächelt werden?
Bodybuilder passen nicht in übliche Schemata, bewegen sich in einem komischen Zwischenbereich. Auch in ihrem Lebensstil. Sie quälen sich im Studio, nehmen anderseits Flüssignahrung zu sich, ähnlich jener von Säuglingen. Sie schlafen viel, schonen ihre Körper. Dieses Spannungsfeld interessiert mich.

Obwohl sie oft belächelt werden, waren Bodybuilder auch Trendsetter. Heute wollen die meisten jungen Männer – seit kurzem auch die Frauen – Muskeln haben.
Genau so wie sich die Autoindustrie an den technisch hochgezüchteten Formel-1-Autos orientiert. Doch das Manische, Obsessive der Bodybuilder war für die Massen zu extrem. Das wurde runtergebrochen – daraus entstand der Fitnesssport.

Was ist der Unterschied?
Fitnesstraining ist funktional, Bodybuilding dysfunktional. Im Bodybuilding geht es darum, die Muskeln bis zum absoluten Maximum zu trainieren. Das Ziel ist das Monströse. Im Fitnessbereich existiert dagegen ein klassizistisches Körperbild, dass sich etwa an historischen Statuen orientiert. Wenn ein Bodybuilder am Strand entlang läuft und die Menschen ihn schön finden, hat er etwas falsch gemacht. Wenn die Menschen sagen: «Das ist nicht mehr schön», hat er alles richtig gemacht.

Die meisten Menschen in Fitnessstudios sind also keine Bodybuilder?
Das ist so.

Wie erklären Sie sich den Fitnesstrend?
Viele wollen einfach fit sein – Arbeiter ebenso wie Professoren. Andere kommen, weil sie eine Strandfigur wollen. Oder weil sie übergewichtig sind und sich dafür schämen. Die meisten wollen dem Normbild entsprechen. Unsere Gesellschaft drängt die Leute dazu. Das hat mit dem Geist des Bodybuildings nur wenig zu tun. Bodybuilder sind Körper-Punks, die das Abnorme anstreben. Die Bodybuilderszene in Kalifornien war einst eine echte Gegenkultur.

Was ist Ihr Körperideal?
Das Ziel muss sein, eine Körperform zu finden, die der eigenen Persönlichkeit und dem Lebensstil gerecht wird. Wenn ich ein Mensch bin, der Ordnung und Kontrolle braucht, dann ist ein Bodybuilding-Körper wohl ideal. Wenn ein Mensch im Leben aber Abwechslung sucht, kann er eigentlich kein Bodybuilding betreiben. Dann wäre er viel zu abhängig von seinem Körper, den er ständig pflegen, füttern, trainieren muss.

Sind Sie mit Ihren Muskeln zufrieden?
Von Natur aus komme ich nicht über 86 Kilogramm. Jeder hat ein solches Plateau. Manche wollen über diese natürliche Grenze. Die beginnen dann, Zusatzstoffe zu nehmen, und spritzen sich auch Steroide, künstliches Testosteron. Ich wollte das nicht, schliesslich verdiene ich mein Geld nicht damit.

Im Internet gibt es Fitness-Models, die Millionen von Fans haben. Für junge Menschen sind sie Vorbilder. Da ist die Verlockung doch gross, medikamentös nachzuhelfen.
Es sind immer mehr Mittel im Umlauf.

Gehört das einfach dazu?
Wir leben in einer rundum gedopten Gesellschaft. Im Finanzwesen wird mit Derivaten nachgeholfen, in der Politik mit Fake-News und im Sport eben mit Medikamenten. Diese können gesundheitliche Folgen haben. Problematisch ist, dass junge Leute heute tendenziell weniger Bedenken haben, leistungsfördernde Substanzen einzunehmen. Auch weil sie in einer Welt mit krassen Körperbildern aufwachsen. Das setzt sie enorm unter Druck. Manche wollen bereits mit 15 Jahren einen Bizeps wie Schwarzenegger haben.

Stellt das Doping ein grosses Problem dar?
Ein riesiges. Vor allem im Breitensport. Durch das Internet kommen heute alle an Stoff. Zusammengepanscht wird dieser etwa in Aserbeidschan. Was in den Präparaten enthalten ist, weiss niemand. Es gibt keine Zahlen, keine Kontrolle. Die gesundheitlichen Kollateralschäden sind enorm. Profibodybuilder haben Ärzte, die sie begleiten – die jungen Männer in den Studios nicht.

Tragen die Profis als schlechte Vorbilder nicht eine Mitschuld?
Die Jungen wollen heute nicht mehr aussehen wie Schwarzenegger. Das Massive, Groteske ist nicht mehr im Trend. Vorbilder sind durchtrainierte Schauspieler. Es gibt auch immer weniger Teilnehmer an Bodybuilding-Wettbewerben. Derweil boomt der Sport in Asien oder auch in Afghanistan.

Egal wo auf der Welt: Die Körper sehen künstlich aus. Doch in den Muskeln passieren biologische Prozesse. Ist man sich dessen beim Trainieren eigentlich bewusst?
Bodybuilder sind Hobbywissenschaftler. Sie überlegen sich etwa ausführlich, wie sie die Kontur eines Unterarmmuskels besser herausarbeiten können. Und sie wissen genau, wie man den Körperfettanteil reduzieren kann und mit welchen Mitteln man den Körper entwässert.

Also ein sehr praktischer Zugang.
Angewandte Wissenschaft sozusagen. Mit einem einzigen Ziel: möglichst grosse und schöne Muskeln zu bekommen. (Der Bund)

Erstellt: 02.08.2017, 07:01 Uhr

Sommerserie Natürlich Bern





Wir machen Wanderferien, bauen unsere Tomaten selber an und nicht wenige von uns ziehen natürliche Präparate der Schulmedizin vor. Kurz: Natur und Natürlichkeit stehen hoch im Kurs. Im Rahmen der diesjährigen Sommerserie widmet sich der «Bund» in mehreren Beiträgen dem Objekt der Begierde. Allerdings lässt sich die Natur nicht unabhängig vom Menschen denken, der die Natur gestaltet, betrachtet, schützt, sie schädigt und in ihr wirkt. Der Auftakt der Serie bestritt daher der Kultursoziologe Robert Schäfer, der zurzeit vielfältige Rückgriffe auf ein idealisiertes Naturverständnis beobachtet, das seinen Ursprung in der deutschen Romantik hat. Zum Abschluss der Serie, so viel sei bereits verraten, thematisieren wir die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Umgebung. (chl)

Jörg Scheller – Vielseitiger Querdenker

Der 1979 geborene Jörg Scheller arbeitet als Kunstwissenschaftler, Musiker und Journalist. Er unterrichtet an der Zürcher Hochschule der Künste. Seine Promotion erlangte er mit einer Arbeit über Arnold Schwarzenegger. Scheller schrieb mehrere Bücher zum Thema Bodybuilding. Darunter «No Sports! Zur Ästhetik des Bodybuildings». Er kuratierte zudem eine Ausstellung zum Thema. Anfang Jahr sorgte er für Schlagzeilen, als er ein Podium mitorganisierte, an welchem der Vordenker der Alternative für Deutschland teilnehmen sollte. Es kam zu Protesten. Scheller selbst in Mitglied bei der liberalen Operation Libero. Er lebt in Bern. (bwg)

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