Bildungsgewerkschaft sieht rot

Mit der Aktion «Rotes Tuch» will der Lehrpersonenverband Bildung Bern vor kantonalen Sparmassnahmen warnen.

Auch vom Schulhaus Lorraine in Bern hängen die roten Flaggen des Protests.

Auch vom Schulhaus Lorraine in Bern hängen die roten Flaggen des Protests. Bild: Adrian Moser

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Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution wehen im Kanton Bern derzeit rote Fahnen. Mit dem Bolschewismus hat das aber nichts zu tun. Ab Montag wollen bernische Lehrerinnen und Lehrer mit dem Aushängen von roten Tüchern an Schulgebäuden auf die Sparmassnahmen des Kantons im Bereich der Bildung aufmerksam machen.

Die Aktion, welche während der Novembersession des bernischen Grossen Rats stattfindet, wurde vom Lehrpersonenverband Bildung Bern lanciert. Weitere Sparübungen des Kantons seien nicht mehr zu verkraften, hielt die Organisation in einer Medienmitteilung fest. «Das soll ein Stoppsignal an den Kanton darstellen, es symbolisiert, dass Abbau bei der Bildung ein rotes Tuch ist», sagt Anna-Katharina Zenger, Gewerkschaftsleiterin beim Verband. «Wir sind uns nicht sicher, dass für die kantonalen Parlamentarier die Qualität der Bildung eine Priorität ist.» Deshalb wollten mehrere Schulen ein Zeichen setzen: «Bis jetzt läuft es gut, es machen bereits etwa 130 Schulen mit.»

Wie ein rotes Tuch wirkt die Aktion jedoch auf Corinne Schmidhauser. «Das geht gar nicht, das ist eine Instrumentalisierung der Schule und insbesondere der Schüler», sagt die FDP-Grossrätin und Leiterin der Feusi-Sportschule. Bei der Aktion würden Andersdenkende überstimmt. «So werden Schüler und Lehrer, die diese Meinungen nicht teilen, zwangsläufig Teil eines Protests.» Zwar sei Schmidhauser für Diskussion und Meinungsvielfalt an der Schule. «Aber mit so einer plakativen und übergreifenden Aktion wird genau die freie Meinungsäusserung beschnitten.»

Ein «politisches Konstrukt»

Anna-Katharina Zenger weist den Vorwurf der Übertönung von abweichenden Meinungen zurück. Die Schulen hätten sich innerhalb ihrer Kollegien demokratisch für oder gegen eine Teilnahme entschieden. «Wenn eine Schule nicht mitmachen wollte, haben wir das akzeptiert.» Einige Lehranstalten hätten abgelehnt, «beispielsweise, weil sie in der Vergangenheit Ärger mit symbolträchtigen Flaggen hatten». Bedenken zur Instrumentalisierung von Kindern seien vom Verband berücksichtigt worden. «Es machen nur die Lehrer mit, wir wollten die Schüler nicht einspannen und auch nicht den Unterricht beeinträchtigen.»

Auch das Schulhaus Lorraine in der Stadt Bern schliesst sich dem Protest an. Die Angelegenheit habe man sich gut überlegt, sagt Schulleiter Jürg Lädrach. «Es war keine Frage, ob wir mitmachen. Uns war aber wichtig, dass wir achtsam damit umgehen.» Bei einer Sitzung habe sich auch der Elternrat dafür ausgesprochen. Dies zeigt laut Lädrach, dass die Frage der Instrumentalisierung von Schülern «eher ein politisches Konstrukt» sei. «In diesem konkreten Fall ist das weit hergeholt. Wenn das eine tatsächliche Besorgnis wäre, dann wäre das wohl eher von den Eltern angesprochen worden.»

Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) verurteilt die Aktion nicht. Politische Proteste an Schulen seien jedoch eine Gratwanderung. «Ich empfehle es generell nicht, die Schulhäuser für so etwas zu verwenden.» Im Interesse der Meinungsfreiheit solle die Direktion nicht zu schnell intervenieren. «Werden aber die Schüler dafür benutzt oder der Unterricht missbraucht, ist eine Grenze überschritten.» In solchen Fällen könne das Schulinspektorat eingreifen.

(Der Bund)

Erstellt: 20.11.2017, 19:48 Uhr

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