Bieler Romands bevorzugen Nebeneinander statt Miteinander

Welsche SP- und FDP-Stadträte spalten sich von ihren Fraktionen ab und enttäuschen damit ihre Kollegen.

Die Romands wollen im Stadtrat wieder sichtbarer werden.

Die Romands wollen im Stadtrat wieder sichtbarer werden.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Die Zweisprachigkeit ist das Markenzeichen der Stadt Biel. Ob es mehr ein Miteinander oder ein Nebeneinander der beiden Sprachgruppen sein soll, muss jedoch ständig neu ausgehandelt werden. Vorgänge der letzten Wochen weisen derzeit mehr auf ein Auseinanderdriften statt auf eine Annäherung von Deutsch und Welsch hin.

Bereits Anfang Jahr hatten die Vertreterinnen und Vertreter des Welschfreisinns beschlossen, sich von der deutschsprachigen Schwesterpartei abzuspalten und eine eigene Stadtratsfraktion zu gründen. «Wir wollen nicht immer nur als petit cousin der grossen FDP wahrgenommen werden», begründet Natasha Pittet, Vizepräsidentin des Parti Radical Romand (PRR). Wenige Wochen später vollzogen die französischsprachigen Sozialisten den gleichen Schritt. «Manchmal muss sich die Minderheit von der Mehrheit trennen, um wahrgenommen zu werden», sagt Samantha Dunning, Kopräsidentin des Parti Socialiste Romand (PSR).

Dominante Mehrheit

Mit dem politischen Gegner abgesprochen war die Abspaltung der Romands nicht. PRR wie PSR beschäftigt aber offenbar dasselbe Unbehagen: Sie fürchten, in der deutschsprachigen Mehrheit unterzugehen. Natasha Pittet sagt es so: «Der Fraktionspräsident ist Deutschschweizer, im Stadtrat wird mehrheitlich Deutsch gesprochen, und auch die Medien zitieren vor allem deutschsprachige Politiker.» Und Samantha Dunning sagt: «Wir wollen als Minderheit sichtbarer werden und uns besser Gehör verschaffen.» Bisher war es Tradition, dass die Schwesterparteien FDP und PRR sowie SP und PSR gemeinsame Fraktionen bildeten.

Einen besonderen Anlass für die Trennung gab es nicht. Doch vielleicht hat gerade dies zum überraschenden Schritt geführt. Das Zusammenleben der Sprachgruppen funktioniert in Biel praktisch reibungslos, und die Zweisprachigkeit wird gerne als Standortvorteil gepriesen, darüber diskutiert wird jedoch kaum noch. «Es ist etwas in Vergessenheit geraten, dass wir als Minderheit immer zu kämpfen haben», sagt Dunning, «wir wollen das den Leuten wieder bewusst machen und wieder stärker für die Anliegen der Romands eintreten.»

Die Romands wollen ihre Entscheide nicht als Zeichen gegen die Zweisprachigkeit gewertet wissen. «Unsere Abspaltung richtet sich nicht gegen den Bilinguismus, sondern ist eine Massnahme zum Schutze unserer Kultur und unserer Sprache», so Samantha Dunning. Auch für Natasha Pittet spielt die Wahrung der eigenen Identität eine wichtige Rolle: «Wir leben in Biel zwar sehr nahe beieinander, die Kulturen sind aber dennoch unterschiedlich.» Die wenigsten seien tatsächlich in einer zweisprachigen Kultur aufgewachsen.

Aufseiten der Mehrheit ist die Angst vor dem Identitätsverlust naturgemäss kaum vorhanden. Hier ist man über den Alleingang der Welschen enttäuscht. «Es ist ein schlechtes Zeichen für den Bilinguismus, wenn nicht einmal Vertreter der gleichen politischen Gruppierung einen gemeinsamen Nenner finden», sagt FDP-Fraktionspräsident Stefan Kaufmann. Er bedauere zwar den Entscheid des PRR, respektiere jedoch dessen Selbstbestimmungsrecht. Etwas macht ihm aber trotzdem Kopfschmerzen: «Wenn man sich abheben will, kann man nicht immer gleicher Meinung sein», sagt Kaufmann. Um sich zu profilieren, könnte der traditionell etwas weiter links stehende PRR künftig ab und zu mit der Linken statt mit der FDP stimmen und damit die extrem knappen Mehrheitsverhältnisse kippen.

Sozialdemokraten verunsichert

Bei den Sozialisten verläuft die Trennung weniger friedlich. Teile der Partei sehen sich in ihrem elementaren Selbstverständnis getroffen: «Auch wenn vieles die Menschen trennt, so ist es doch eine der wichtigsten Überzeugungen der Sozialdemokratischen Bewegung, dass wir als Erstes Menschen und Genossinnen und Genossen sind und erst danach Mann oder Frau, Schweizerin oder Belgier, Romands oder Deutschschweizer», schreibt Frank-Dominik Imhof, Kopräsident der SP-Gesamtpartei, in einer Stellungnahme. Entsprechend bedauert er den «überstürzten Entscheid» des PSR und versucht nun, die welsche Sektion wieder umzustimmen. Selbst die welschen Sozialisten unter sich scheinen sich nicht ganz einig zu sein. Der erfahrenste Vertreter der siebenköpfigen Gruppe ist jedenfalls bei der deutschsprachigen Fraktion geblieben.

Ist die Spaltung der Fraktionen entlang der Sprachgrenze nun ein Indiz, dass sich in Biel der Röstigraben öffnet? Stadtpräsident Erich Fehr (SP) hält den Ball flach: «Als Zeichen gegen aussen bedaure ich die Trennung zwar, die Probleme dahinter halte ich aber nicht für dramatisch.» Die Gräben zwischen links und rechts seien nach wie vor deutlich tiefer als zwischen Deutsch- und Französischsprachigen.

Unbehagen der Romands

Virginie Borel, Geschäftsführerin des Forums für die Zweisprachigkeit, stellt hingegen durchaus ein Unbehagen bei den Bieler Romands fest. «Die Minderheit muss ihre Bedürfnisse ausdrücken können. Im Moment hat sie das Gefühl, dass sie das nicht mehr so gut kann», sagt Borel. Die Spaltung der Fraktionen hält sie für einen vernünftigen Schritt. Das Ziel sei nicht die Trennung der Sprachgruppen, sondern die angemessene Vertretung der Interessen. «Es ist besser, jetzt zu reagieren, bevor ein Malaise entsteht.»

Der Bund

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