Bieler Genossenschaften sollen bei Stadtplanung helfen

Die Stadt Biel will, dass Wohnbaugenossenschaften ihre Siedlungen verdichten. Bern setzt eher auf Neubauten.

Möösliacher in Biel. Beispiel einer klassischen Genossenschaftssiedlung, die denkmalpflegerisch zwar wertvoll aber städtebaulich wenig verdichtet ist.

Möösliacher in Biel. Beispiel einer klassischen Genossenschaftssiedlung, die denkmalpflegerisch zwar wertvoll aber städtebaulich wenig verdichtet ist.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Immobilienspekulanten mag niemand, Wohnbaugenossenschaften geniessen bei Mietern hingegen einen guten Ruf. Ihre Wohnungen sind in der Regel günstig, die Siedlungen lebendig und sozial sowie altersmässig gut durchmischt. Entsprechend gross ist auch das Interesse der Politik am Wirken der Genossenschaften. Nach einem Boom in der Nachkriegszeit erleben die Genossenschaften derzeit wieder ein Hoch. Die Abstimmungen über Wohninitiativen in Bern und Köniz zeigen dies deutlich.

Besonders bedeutend ist die Rolle der Genossenschaften in Biel. Anders als in Bern versucht die Stadt am Jurasüdfuss den Markt nicht mit eigenen Wohnungen zu dämpfen. Vielmehr unterstützt sie den gemeinnützigen Wohnungsbau, indem sie Land im Baurecht zu günstigen Konditionen an Genossenschaften abgibt. Dank einer seit jeher sehr aktiven Bodenpolitik verfügt sie dafür auch über die nötigen Reserven. Heute gehört fast jede sechste Wohnung in Biel einer Genossenschaft. Nur in Zürich ist der Anteil noch höher.

Stadt verlangt Gegenleistung

Die Stadt will von den Genossenschaften aber auch etwas zurück. Ging es früher vor allem darum, günstige Wohnungen für die Arbeiter zur Verfügung zu stellen, sind die Ziele heute vielschichtiger. «Wir erwarten von den Genossenschaften, dass sie uns in der Stadtentwicklung unterstützen», sagt Stadtpräsident Erich Fehr (SP). Da der Boden nicht vermehrbar sei, müsse er möglichst intelligent genutzt werden. Konkret geht es um Verdichtung und Modernisierung der Genossenschaftssiedlungen.

In einem vom Bundesamt für Wohnungswesen unterstützten Modellvorhaben hat die Stadt zusammen mit den Genossenschaften deshalb alle Liegenschaften auf Baurechtsparzellen unter die Lupe genommen und ihr Entwicklungspotenzial abgeklärt. 4500 Wohnungen von 31 Genossenschaften wurden so untersucht.

In einem gestern publizierten Bericht ist nun festgehalten, welche Siedlungen aus denkmalpflegerischer Sicht erhalten werden sollen, wo eine innere Verdichtung und Erneuerung möglich ist und welche Liegenschaften komplett abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden sollten. Die Empfehlungen sind unverbindlich. Dass die Stadt so stark ins Geschäft privater Bauträger eingreift, kommt dennoch einer kleinen Revolution gleich. Bis vor einigen Jahren war dies aufgrund des angespannten Verhältnisses zwischen Behörden und Genossenschaften noch undenkbar.

Unterdessen scheint sich die Situation entspannt zu haben. «Man kann uns nicht einfach etwas aufdrücken, die Grundlagen für eine fruchtbare Zusammenarbeit liegen jetzt jedoch vor», sagt Heidi Lüdi von der IG Biel der Wohnbaugenossenschaften Schweiz.

Mit der Erneuerung von Baurechtsverträgen hat die Stadt Biel einen Hebel in der Hand, um ihre stadtplanerischen Vorstellungen durchzusetzen. Auf ein gemeinsames Ziel haben sich Stadt und Genossenschaften aber bereits geeinigt: den Anteil Genossenschaftswohnungen bis ins Jahr 2035 von heute rund 15 auf 20 Prozent zu erhöhen. Auf Druck einer Volksinitiative hat der Stadtrat dieses Ziel bereits im Reglement über die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus festgeschrieben. Erreicht werden soll dies vor allem durch eine innere Verdichtung der bestehenden Siedlungen, aber auch durch Neubauten auf dem Areal des ehemaligen Fussballstadions Gurzelen.

Dort wollen sieben Genossenschaften 100 Millionen Franken in 350 neue Wohnungen investieren. Dass mindestens die Hälfte des Areals für gemeinnützigen Wohnungsbau reserviert wird, ist ebenfalls bereits reglementarisch festgelegt. Für Planungsarbeiten zur Weiterentwicklung von Genossenschaftssiedlungen steht in Biel zudem eine Spezialfinanzierung mit fünf Millionen Franken zur Verfügung. Die Chancen, dass die Ziele zum gemeinnützigen Wohnungsbau erreicht werden, stehen somit gut.

Bern nimmt Private in die Pflicht

Verschiedene Städte interessieren sich für das Bieler Modellvorhaben, darunter Thun im Zusammenhang mit seiner Wohnstrategie 2030. In Bern hingegen liegt der Schwerpunkt eher auf Neubauprojekten denn auf der Weiterentwicklung bestehender Genossenschaftssiedlungen (siehe Text links). Die 2014 angenommene Wohninitiative verlangt bei Neueinzonungen und Umzonungen, dass mindestens ein Drittel mit preisgünstigen Wohnungen bebaut oder an Genossenschaften abgegeben wird. Während die Stadt Biel ihre Einflussnahme auf Baurechtsparzellen beschränkt, nimmt Bern damit auch private Landeigentümer in die Pflicht. Der Hauseigentümerverband bekämpft die Initiative allerdings mit einer Beschwerde.

Der Bund

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