Bieler erfinden ökologische Dusche

Damit kein Warmwasser mehr den Abfluss runterfliesst: Ein Bieler Jungunternehmen hat eine Dusche entwickelt, die Energie spart.

Die Dusche Joulia ist in der Berner Cleantec City zu bewundern.

Die Dusche Joulia ist in der Berner Cleantec City zu bewundern.

Adrian Sulc@adriansulc

Ein Gründungsmythos macht sich bei jedem Unternehmen gut – und jener von Joulia ist besonders eingängig: Christoph Rusch duscht gerne und lang. Doch weil er dafür viel Wasser verbraucht und dieses noch warm im Abfluss verschwindet, kam Rusch ins Grübeln: Könnte man die Energie nicht sinnvoll nutzen, statt sie die Kanalisation hinunterzulassen? Liesse sich die Wärme nicht vom Ab- auf das Frischwasser übertragen?

An diesem Punkt kam es Rusch zugute, dass er bei der Bieler Firma Creaholic arbeitet. Das Ingenieur- und Designbüro hat etwa das Unternehmen Tetra Pak bei der Gestaltung eines neuen Getränkeverschlusses oder den Velohersteller Thömus bei der Entwicklung des Elektrovelos Stromer unterstützt. Für eigene Ideen können sich die Creaholic-Mitarbeiter bis zu 100 Arbeitsstunden Zeit nehmen, dann müssen sie bei ihren Mitarbeitern über das Projekt Rechenschaft ablegen.

Christoph Rusch baute sich einen Prototypen eines Wärmetauschers für die Duschkabine und weckte damit das Interesse seiner Arbeitskollegen. Zum Projekt stiess Reto Schmid, der die energiesparende Dusche zum Thema seiner Abschlussarbeit im Industriedesign-Studium machte.

Tennisspieler als Pioniere

Nun, drei Jahre und zahllose Tüfteleien später, steht Schmid an einem Stand an der Berner Messe Cleantec City und stellt dem Publikum das fertige Produkt vor: die Duschwanne namens Joulia, in Anlehnung an den Physiker James Prescott Joule und an die nach ihm benannte Energieeinheit Joule. Joulia ist mehrfach patentiert und bereit zur industriellen Produktion. 20 Stück sind bereits im Neubau der Swiss Tennis Academy in Biel im Einsatz, erste Einbauten in Schweizer Wohnhäusern erfolgen in diesen Tagen.

Das Prinzip der Dusche ist eigentlich simpel. «Es hat uns erstaunt, dass es noch niemand vor uns angewendet hat», sagt der 33-jährige Reto Schmid. Im Internet könne man zwar Wärmetauscher zum Selbereinbauen kaufen, «Gebastel», wie Schmid es nennt. Doch die Joulia-Duschwanne werde vom Sanitär eingebaut und funktioniere danach wie eine gewöhnliche Dusche – mit dem Unterschied, dass sie knapp die Hälfte der Energie des gebrauchten Warmwassers abfangen könne, um damit das neu zufliessende Kaltwasser aufzuwärmen.

Wie das funktioniert, zeigt Schmid auf der Unterseite der Duschwanne: Die Kaltwasserleitung teilt sich hier in sechs kleine Leitungen auf, die sich in vielen Kurven unter dem Wannenboden hin und her schlängeln. Während das warme Abwasser des Duschenden abfliesst, gibt es die Wärme an das darunter fliessende Kaltwasser ab. Dafür werden die Leitungen und die Duschwanne selbst aus einer besonders leitfähigen Aluminium-Kupfer-Legierung gefertigt.

Das Kaltwasser ist so statt 10 bereits 25 Grad warm, wenn es mit dem heissen Wasser aus dem Boiler gemischt wird. Dies bedeutet, dass für die gleiche Duschtemperatur weniger Heisswasser gebraucht wird. Damit die Duschenden wegen der Kaltwasserleitungen keine kalten Füsse bekommen, wird in die Duschwanne ein Einsatz aus Acryl oder Holz gelegt.

Preis höher, Stromrechnung tiefer

Der Preis der Duschwanne ist noch nicht definitiv fixiert, doch wird er laut Schmid 700 bis 1000 Franken über jenem einer vergleichbaren Dusche ohne Wärmetauscher liegen. Eine vierköpfige Familie habe diese Mehrkosten dank tieferer Stromrechnung in fünf bis sieben Jahren wieder hereingeholt – wobei steigende Strompreise diese Dauer verkürzen würden. 1000 Kilowattstunden elektrischen Strom soll Joulia pro Jahr einsparen. Dem Handwerker bereite der Einbau der Duschwanne etwa eine halbe Stunde mehr Arbeit, sagt Schmid.

Mit dem fertig entwickelten Produkt beginnt der zweite Teil der Arbeit: Vermarktung und Vertrieb der Duschwanne. 1000 Stück davon will die eigens für die Dusche gegründete Joulia AG mit ihren sechs Mitarbeitern dieses Jahr verkaufen. Die Teile für die Duschwanne stammen von verschiedenen Zulieferern in Deutschland, die Endmontage erfolgt derzeit noch in Biel, soll aber demnächst an ein anderes Unternehmen in der Region ausgelagert werden.

Investoren zu finden, sei für die Joulia AG kein Problem gewesen, sagt Reto Schmid. Die 320'000 Franken Aktienkapital haben unter anderem der Berner Unternehmer Gerhard Jansen und der frühere Swatch-Manager Ernst Thomke beigesteuert. «Wir haben bereits einen interessierten Käufer, doch der Verkauf der Firma steht für uns nicht im Vordergrund», sagt Schmid – wenn schon, dann ein Verkauf von Joulia-Lizenzen.

Der Bund

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