Besser als im Büro

Wenig Lohn, lange Arbeitszeiten, grosse Berufsrisiken: Das Image des Polizeiberufs hat gelitten. Trotzdem bewerben sich jedes Jahr 500 Personen für die Ausbildung bei der Kantonspolizei. Warum eigentlich?

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Christoph Lenz@lenzchristoph

Dächlikappen. Kapuzenpullis. Breit geschnittene Jeans. Aufwendig gestylte Frisuren. Man könnte meinen, es sei eine Gruppe jugendlicher Delinquenten, die sich an diesem Mittwochabend im nüchternen Schulungsraum der Kantonspolizei in Bern eingefunden hat.

Einfühlungsvermögen. Kontaktfreude. Kommunikationstalent. Sprachkompetenzen. Man könnte meinen, die Dame, die zur Gruppe spricht, skizziere hier die Eigenschaften des perfekten Sozialarbeiters.

Beides ist falsch. Herbeigeströmt sind die rund 50 jungen Erwachsenen, fast zur Hälfte Frauen, weil sie davon träumen, Polizist zu werden. Die Referentin wiederum dürfte das Anforderungsprofil so klar kommunizieren, um das landläufige Bild des Polizisten zumindest ein wenig zu präzisieren. Und einigen der Anwesenden anzudeuten, dass es für sie vielleicht beim Traum bleiben wird.

500 Bewerbungen, 100 Jobs

Rund 500 Personen bewerben sich jedes Jahr bei der Kantonspolizei Bern. 80 Prozent davon werden nicht in die Uniform steigen. «Wir brauchen im Schnitt fünf Bewerbungen, um eine Stelle zu besetzen», sagt Romilda Stämpfli, Chefin Personaldienst der Kantonspolizei.

Andererseits dürfte es manche bereits erstaunen, dass der Reiz der Polizeiausbildung weiterhin so gross ist. Schliesslich hat das Berufsbild zuletzt einige Kratzer abbekommen. Der Respekt, der Polizisten einst entgegengebracht wurde, scheint verloren. Der Lohn ist so dürftig, dass grosse Teile des Korps ihre Unzufriedenheit auf die Strasse tragen. Die Arbeitszeiten sind unregelmässig. Und lang: Über 500'000 Überstunden warten bei Police Bern darauf, kompensiert zu werden.

Zudem wurde der Öffentlichkeit mehrfach vor Augen geführt, wie gross das Berufsrisiko ist: beim Fall Kneubühl in Biel, wo ein Polizist lebensgefährlich verletzt, und in Schafhausen wurde, wo ein Vertreter der Staatsgewalt erschossen wurde.

Da stellt sich durchaus die Frage: Wer will heute eigentlich noch Polizist werden? Und warum?

«Ein ehrenwerter Job»

Benjamin will. Aber nicht jetzt. Der 21-jährige Berner, Lederjacke, Igelifrisur, möchte erst noch ein paar Jahre als Kaufmann weiterarbeiten und Lebenserfahrung sammeln. «In zwei, drei Jahren werde ich mich dann bewerben. Auf Dauer ist das Büro nichts für mich», sagt er. Warum Polizist? Er habe die RS genossen, Uniformen gefielen ihm, zudem sei es ein ehrenwerter Job. «Man muss es cool nehmen, den Überblick wahren – auch in hektischen Situationen. Das fasziniert mich.»

Dass der Beruf des Freunds und Helfers an Attraktivität eingebüsst hat, legt eine weitere Entwicklung nahe. Die Kantonspolizei buhlt immer offensiver um Bewerber, damit sie die rund 100 Rekruten gewinnt, die sie jährlich benötigt. Auf Plakaten und in Videobotschaften fahndet sie nach «kühlen Köpfen». Auch Facebook und andere Social-Media-Plattformen werden für Kampagnen wie «Super Tschugger» eingesetzt. Selbst Radiodetektiv Philipp Maloney wird aufgeboten: Er führt in einem Computerspiel mit knarrender Stimme durch einen «haarsträubenden Fall».

Ein sehr grosser Werbeaufwand

Und gerade diesen Montag hat die Polizei eine Smartphone-App präsentiert, die auch eine prominent platzierte «Jobs»-Funktion hat. «Täglich am Puls des Geschehens, täglich neue Begegnungen, täglich neue Herausforderungen: Kaum ein anderer Beruf ist so abwechslungsreich wie der eines Polizisten», heisst es da. Interessierte brauchen nur auf den Bildschirm zu tippen, schon sind sie mit dem Personaldienst der Kantonspolizei verbunden.

«Wir betreiben einen sehr grossen Werbeaufwand, um unsere Rekrutierungszahlen zu erreichen», bestätigt Personalchefin Stämpfli. Dies aber nicht wegen der gesunkenen Attraktivität des Polizeiberufs. «Es ist eher eine Frage des Zeitgeists: Die jungen Leute wollen sich heutzutage sehr genau informieren, bevor sie sich für eine Ausbildung entscheiden.»

Und der Lohn ist doch attraktiv

Bei den beiden eleganten Damen, die den Anlass als Letzte verlassen, ist die Entscheidung bereits gefallen. Sie, die ihren Namen wegen ihrer Arbeitgeber nicht in der Zeitung lesen wollen, werden sich bewerben. Warum? «Es ist besser als im Büro.» Sie hoffen auf einen abwechslungsreicheren Alltag und neue Erfahrungen. Und ja, auch der Lohn stimme. «Wir würden deutlich mehr verdienen, als bei unseren heutigen Jobs.» Dass damit auch viel Stress und ein Berufsrisiko verbunden sind, quittieren die Damen mit einem Schulterzucken. «Jeder Job hat seine negativen Seiten.»

Gelassen sieht dies auch der 21-jährige Shaban aus Biel. Er steht nach der Veranstaltung mit seinem Kumpel vor dem Eingang zum Polizeigebäude an der Hodlerstrasse und raucht. Polizist will er werden, weil einige seiner Verwandten in Mazedonien bei der Polizei arbeiten. «Es ist eine Familientradition», sagt Shaban. Das Bewerbungsdossier habe er bereits ausgefüllt, er sei sich aber noch nicht sicher, ob er es auf den nächstmöglichen Termin, den 8. November, einschicken wolle. «Ich muss jetzt erst mal in die RS.»

Der Bund

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