Berner Theologen fordern offene Grenzen

Mit einer «Migrationscharta» wollen linke Theologen der Flüchtlingssituation begegnen. Sie enthält teils radikale Forderungen.

Würde der Forderung der Berner Theologen stattgegeben, würde ein  Asylempfangs- und Verfahrenszentrum wie hier in Chiasso überflüssig.

Würde der Forderung der Berner Theologen stattgegeben, würde ein Asylempfangs- und Verfahrenszentrum wie hier in Chiasso überflüssig. Bild: Keystone

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Die Kirchgemeinde Aeschi wollte etwas unternehmen, als die Eröffnung des Asyl-Durchgangszentrums in Aeschiried vor eineinhalb Jahren für Unruhe sorgte. Bald gründeten Freiwillige ein Café, in dem Asylbewerber und Einheimische jeweils am Montagnachmittag zusammenkommen können. Aus diesem Treffpunkt sei eine Drehscheibe für weitere Initiativen geworden, sagt Kirchgemeindepräsidentin Verena Meuli. Nun gebe es Frauen, die Asyl­bewerbern Deutschunterricht erteilten oder Malnachmittage für Kinder veranstalteten.

Wie kommt in einer solch engagierten Kirchgemeinde die radikale Migrationscharta an, die linke Theologen gestern präsentierten? «Sie ist in meinen Augen ein Protest gegen die fehlende Reaktion der Landeskirche», sagt Meuli. «Ich selbst bin auch etwas enttäuscht von der Landeskirche. Sie sollte doch eigentlich pointierter Stellung beziehen.»

In den Augen der Kirchgemeindepräsidentin von Aeschi nimmt die Charta eine wichtige Grundbotschaft aus dem Evangelium auf. Deshalb bestärke sie die Migrationscharta auch ganz persönlich in ihrer täglichen Arbeit: «Sie hat etwas Visionäres, und auch das Evangelium hatte etwas Visionäres.» Die Botschaft rüttle auf, und das sei auch gut so, sagt Verena Meuli.

Beatrice Tobler, Präsidentin des Kirchgemeinderats der Berner Pauluskirche, sieht das anders: «Für die Arbeit an der Basis sind solche Manifeste nur bedingt hilfreich.» Sie schürten Aggressivität. Diese binde die Kräfte der Mitarbeitenden und Freiwilligen.

«Es sind Menschen, die kommen»

Michael Graf, Pfarrer in Kirchlindach, versteht die Charta als Erinnerung an einen zentralen Gedanken aus dem Evangelium: «Es sind Menschen, die in unser Land kommen. Es sind nicht Migranten und nicht Asylbewerber, sondern zuerst Menschen.»

Auch die anderen beiden Pfeiler der Charta – die Gerechtigkeit und die Solidarität – seien zentral für die Kirche. Graf gibt aber zu bedenken, dass es «freie Niederlassung für alle» wohl nicht realistisch sei. Aber hinter dieser Forderung stecke ein wichtiger Gedanke, nämlich jener, dass wir in den «Empfänger­ländern» es seien, die eine Begründung brauchten, wenn wir geflohene Menschen abwiesen – und nicht umgekehrt.

In seinem Dorf hat die Kirchgemeinde zur Unterstützung der Asylbewerber einen Verein gegründet, in dem sich zahlreiche Menschen aus Kirchlindach und Umgebung finanziell beteiligen. «Refugium» heisst er, und sein Name ist Programm: Im Juli 2014 hatte der Verein für eine 8-köpfige syrische Familie eine Wohnung in der Halensiedlung organisiert. Graf ist stolz auf das Erreichte und hofft, dass andere Gemeinden auch eine Familie aufnehmen: «Wenn wir es in der Schweiz schafften, pro 3000 Einwohner eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen, wären viele Probleme gelöst.»

Auch der reformierte Pfarrer Daniel Winkler aus Riggisberg begrüsst die in der Charta festgehaltenen Grundsätze. An diesen dürfe nicht gerüttelt werden. Lediglich der Titel ist ihm zu reisserisch. Solche Sätze seien in der aktuellen politischen Grosswetterlage wenig hilfreich. «Man muss die Menschen nicht verärgern, sondern ihre Empathie fördern», so Winkler. Doch vielleicht seien die offiziellen Kirchen manchmal etwas brav, fügt er an. Denn es brauche eine Gegenbewegung zur aktuellen Politik. Diese habe in letzter Zeit im Migrationsbereich «hässliche Gesetze» hervorgebracht. «Wir müssen dazu beitragen, in der Schweiz eine Willkommenskultur zu schaffen.»

Die Kirchen täten viel für die Flüchtlinge, doch manchmal wünschte er sich noch etwas mehr Engagement. Insgesamt seien die Positionen der Landeskirchen von denjenigen der Charta jedoch «nicht weit weg», so Winkler. (Der Bund)

Erstellt: 27.08.2015, 07:32 Uhr

Das fordert die Charta

Die gestern veröffentlichte Migrationscharta unter dem Titel «Freie Niederlassung für alle. Willkommen in einer solidarischen Gesellschaft!» ist zunächst ein Appell an die Kirchen: In der Schweiz herrsche bei den Kirchenleitungen «unakzeptables Schweigen», heisst es darin. Es sei höchste Zeit, dass diese gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik «schärfsten Protest» einlegten. Dazu seien die Kirchen aufgrund der Bibel verpflichtet. Hinter der Charta steht die unabhängige Gruppe «Kirche? NordSüdUntenLinks», ein ökumenisches Netzwerk aus 120 linken Theologen und kirchlichen Mitarbeitenden um den Co-Redaktor der Zeitschrift «Neue Wege», Matthias Hui. Für die Gruppe sind die Gleichheit aller Menschen, Gerechtigkeit und Solidarität die drei unumstösslichen Grundsätze einer neuen Migrationspolitik (der Kirchen).

Die Grundsätze müssten zu einer ?Humanisierung der Asylpraxis auf allen Ebenen und zu einer Willkommenskultur für Zugewanderte führen. Mit ihren radikalen Forderungen wie dem Recht auf freie Niederlassung, Recht auf Asyl und Recht auf Sicherung der Existenz wird die Migrationscharta nicht nur die Kirchen provozieren. Sie erinnert daran, dass es in der jüdisch-christlichen Tradition sogar eine Pflicht zur Migration gebe, wenn Migration den Auszug aus unterdrückerischen Verhältnissen bedeute. Migration werde schliesslich nicht zuletzt durch eine kapitalistische Wirtschafts- und Handelspolitik, durch Waffenexporte und einen nicht nachhaltigen Lebensstil verursacht, wodurch Lebensgrundlagen zerstört statt erhalten werden. (mm.)

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