Bern macht Platz für Jenische

Für fahrende Jenische aus der Schweiz wird das Leben im Kanton Bern etwas leichter. Den fahrenden Roma aus dem Ausland weht aber ein eisiger Wind entgegen.

Übersicht: Halteplätze für Fahrende im Kanton Bern.

Marc Lettau

Nicht alle Jenischen rottle im Scharotl auf der Suche nach einem Pläri durch die Gegend, um dann zu schränzen. Oder für jene, die gar keinen Bezug zur fünften schweizerischen Landessprache haben: Nicht alle Jenischen fahren mit ihren Wohnwagen auf der Suche nach einem Halteplatz durchs Land, um dann – zum Beispiel – zu hausieren. Aber für jene, die es tun, ist der Kanton Bern künftig eine gute Adresse, zumindest gemessen an den Schwierigkeiten, mit denen die Minderheit in der Schweiz konfrontiert ist.

Muri, Erlach, Herzogenbuchsee

Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) kündigte nämlich an, wo genau zusätzliche Plätze für jenische Fahrende entstehen sollen: in Muri, Erlach und Herzogenbuchsee. Nicht nur im Sommerhalbjahr, wenn die meisten Fahrenden unterwegs sind, sollen mehr Plätze verfügbar sein. Reagiert wird auch auf den Umstand, dass die Winterquartiere – die Standplätze – zum Teil sehr stark überbelegt sind, wie sich derzeit in Bern-Buech zeigt.

Während der neue Platz in Herzogenbuchsee den Fahrenden nur während der Sommermonate zur Verfügung stehen soll, ist der künftige Platz in Erlach ausschliesslich als Winterquartier gedacht. Der stadtnächste neue Platz, jener im Froumholz bei Muri, ist als einziger als Ganzjahresplatz geplant. Er soll also sowohl als Halteplatz wie auch als winterlicher Standplatz dienen. Er ist zugleich der Beleg für bernische Schläfrigkeit im Umgang mit der Minderheit: Das Areal im Froumholz wurde bereits 1994 als Platz für Fahrende eingezont. Nur blieb für gut zwanzig Jahre dessen Realisierung aus. Kosten wird der Bau der drei Plätze insgesamt 2,7 Millionen Franken. Über den Kredit in dieser Höhe wird voraussichtlich in der Septembersession der Grosse Rat entscheiden.

Regierungsrat Christoph Neuhaus sagt, er sei seit dem grossen Fanal – der Besetzung der Kleinen Allmend durch fahrende Jenische (2014) – zum eigentlichen «Fahrendenminister» geworden. Will heissen: Man habe sehr viel unternommen, die Hausaufgaben zu lösen. Neuhaus betont: «Jetzt können wir die momentanen Bedürfnisse der Jenischen abdecken.» Diese Selbsteinschätzung wird von Venanz Nobel von der jenischen Organisation Schäft Qwant untermauert: Bern nehme inzwischen eine «Vorbildfunktion» ein.

Harte Kritik an den Nachbarn

Neuhaus selbst sagt, die Suche nach Lösungen für Fahrende sei nicht abgeschlossen. Es handle sich eher um eine neue «Daueraufgabe», zumal sich die Bedürfnisse der Fahrenden wandelten. Gefordert ist sein «Ministerium» aber auch, weil es an der einen Front brennt und an der anderen raucht. Gross ist der Widerstand gegen den geplanten Transitplatz für die oft in grossen Verbänden durchreisenden ausländischen Roma. Die Standortgemeinde Meinisberg kündigte an, mit allen Mittel gegen diesen Transitplatz kämpfen zu wollen. Widerstände dürfte es auch geben, weil der Bau dieses Platzes seiner Grösse wegen rund 9,3 Millionen Franken kosten dürfte.

Die zweite Front liegt im Westen. Neuhaus klagt, die welschen Nachbarkantone «verscheuchten» Fahrende westwärts. Das sei in zweifacher Hinsicht «grundfalsch». Erstens handle es sich hier um Menschen, «nicht um Schnee, den man hin und her schaufeln kann, bis er wegschmilzt». Zweitens sei eine gute Verteilung der Halte- und Standplätze wichtig: «Das fördert das Verständnis für die Fahrenden.»

Der Bund

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