Bern hat Sans-Papiers im Griff

In Genf wird mit einer aufsehenerregenden Operation der Status von über 1000 Papierlosen reguliert. In Bern ist der Nachholbedarf nicht so gross.

Demos für Sans-Papiers sind in Bern seltener geworden: 2008 besetzten rund 100 Sans-Papiers die Kleine Schanze.

Demos für Sans-Papiers sind in Bern seltener geworden: 2008 besetzten rund 100 Sans-Papiers die Kleine Schanze. Bild: Keystone

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In der Schweiz leben Tausende Menschen ohne Papiere. Es sind Ausländer, die sich aus verschiedenen Gründen illegal im Land aufhalten. Viele von ihnen gehen einer Arbeit nach, schicken ihre Kinder in die Schule und führen ein normales Leben – bis auf die Angst, eines Tages aufzufliegen.

Wiederholt grosse Aufmerksamkeit haben die sogenannten Sans-Papiers aus dem Kanton Genf erhalten. Zum einen, weil es dort besonders viele gibt, zum andern, weil der Kanton mit einer gross angelegten Aktion den Status von über 1000 Sans-Papiers reguliert hat. Die Genfer Operation Papyrus wirft aber auch die Frage auf: Wie sieht es andernorts aus?

Mit dieser Frage sieht sich etwa Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei der Stadt Bern, konfrontiert. Zu Unrecht, wie er sagt. «Bei uns werden seit Jahren Fälle reguliert.» Im Schnitt behandle die Fremdenpolizei 25 Gesuche pro Jahr. Deshalb gebe es keinen solch grossen Aufholbedarf wie in Genf, wo die Behörden von 13'000 Sans-Papiers ausgehen. «Ich schätze, dass es in der Stadt Bern 300 Sans-Papiers gibt», sagt Ott. Im Gegensatz zu Genf, wo jahrelang nichts gemacht worden sei, habe Bern das Thema nicht versäumt.


«Ich bin der Ansicht, dass es in Bern recht gut läuft.»

Seraina Patzen, Stadträtin (JA!)

Kantonsweit 1500 Sans-Papiers

Konkret ist Bern seit 2005 in dieser Sache aktiv, so lange gibt es die Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers. «Seit es uns gibt, konnten wir immer wieder Härtefallgesuche einreichen», sagt Marianne Kilchenmann von der Beratungsstelle. Sie zeigt aber auch auf, wie nötig die Beratungsstelle ist. «Wir führen pro Jahr 2000 Beratungen durch», sagt sie. Die Beratungsstelle mit rund 200 Stellenprozenten sei mehr als ausgelastet. Die kontinuierliche Arbeit sieht sie denn auch als Grund dafür, dass in Bern die Sans-Papiers-Fälle, welche die Kriterien erfüllen, nach und nach geregelt wurden. Im Unterschied dazu werden in Genf nun auf einen Schlag ganz viele Dossiers bearbeitet, es gelten aber die gleichen Kriterien wie in Bern.

Gestützt werden die Zahlen zu Bern von einer schweizerischen Studie aus dem Jahr 2015. Auch im Kanton Bern gibt es Sans-Papiers, aber lange nicht so viele wie in Genf, Zürich oder Basel-Stadt. Für Bern geht die Studie von geschätzt 3000 Sans-Papiers kantonsweit aus. Ott findet die Zahl zu hoch, er gehe eher von 1500 Sans-Papiers im Kanton Bern aus. In Biel beispielsweise schätzen die Behörden die Sans-Papiers auf circa 100 Personen.

«Hunderte ohne Perspektive»

Zum einen handelt es sich bei den Zahlen nur um grobe Schätzungen, und zum anderen kommt es darauf an, wer von wem spricht. Nebst den klassischen Sans-Papiers, die oft weiblich sind, aus lateinamerikanischen Staaten stammen und im Haushalt oder als Putzfrau arbeiten, gibt es noch eine zweite Kategorie: abgewiesene Asylsuchende, die das Land nicht verlassen haben. «Es gibt Hunderte solcher Menschen, die keine Perspektive haben», sagt Matthias Rysler von Solidaritätsnetz Bern. Eine Regulierung ihres Status ist aber noch schwieriger und ihre Lebenssituation oft noch prekärer, weil sie beispielsweise nicht arbeiten dürfen. Diese Kategorie von Sans-Papiers profitiert aber auch in Genf nicht von der Operation Papyrus.

Wunsch nach Amnestie

Ist der Ruf nach einer bernischen Operation Papyrus also verfehlt und unnötig? «Ich würde es sehr begrüssen, wenn in Bern etwas Ähnliches stattfinden würde», sagt der grüne Stadtberner Grossrat Hasim Sancar. «Ich wünsche mir eine allgemeine Amnestie», sagt er.

Eine Mehrheit im bürgerlich dominierten Kantonsparlament wird es für solche Anliegen kaum geben. Aber auch ohne politische Forderung strahlt die Operation Papyrus bereits nach Bern aus. «Die Operation hat bewirkt, dass auch in Bern mehr Gesuche um Regulierung eingereicht werden», sagt Kilchenmann. 2017 wurden 25 Gesuche gestellt, im Vorjahr 15. Auch die Stadtpolitiker wollen nicht alles auf den Kopf stellen. «Ich bin der Ansicht, dass es in Bern recht gut läuft», sagt Stadträtin Seraina Patzen (JA!). Sie hat aber zusammen mit anderen Stadträten eine Motion eingereicht, die für die Sans-Papiers-Beratungsstelle Geld fordert. Der Gemeinderat, der die Motion bereits beantwortet hat, erklärt sich bereit, die Beratungsstelle jährlich mit 20'000 Franken zu unterstützen. Damit könnte sie ihre Arbeit ausbauen und die Zahl der Gesuche um Regulierung in Härtefällen erhöhen. Denn: «Jeder Sans-Papiers-Fall ist einer zu viel», sagt Sancar. (Der Bund)

Erstellt: 17.03.2018, 08:55 Uhr

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