Schnegg strapaziert Geduld der Behinderten

Weil Fürsorgedirektor Pierre Alain Schnegg erst einen Kostencheck machen will, verzögert sich die Einführung des innovativen «Berner Modells» zur Unterstützung Behinderter.

Behinderte sollen als eigenständige Menschen wahrgenommen werden (Symbolbild).

Behinderte sollen als eigenständige Menschen wahrgenommen werden (Symbolbild). Bild: Keystone

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Es ist eine kleine Revolution, die sich im bernischen Behindertenwesen anbahnt. Statt Behinderteninstitutionen zu unterstützen, sollen Menschen mit Behinderung nach Bedarf eine Kostengutsprache erhalten, die sie nach eigenem Gutdünken einsetzen können. Wer etwa nicht in einem Behindertenheim wohnen möchte, aber Hilfe beim Haushalt benötigt, kann mit der Kostengutsprache auch selbstständig Assistenzpersonen anstellen.

Bisher kommen nur Leute in den Genuss von Unterstützung, wenn sie in Strukturen einer Behinderteninstitution eingebunden sind. Es gehe dabei nicht nur um ein neues Finanzierungsmodell, sagt Käthi Rubin, Präsidentin von Insieme Kanton Bern, dazu. Im Kern ziele das «Berner Modell» auf eine neue Haltung im Umgang mit Behinderten ab. «Sie werden damit erstmals als eigenständige und selbstbestimmte Menschen behandelt.»

Die Pilotphase läuft bereits seit 2016, die flächendeckende Einführung war eigentlich per 1. 1. 2021 vorgesehen. Eigentlich. Denn bereits im Sommer wurde publik, dass Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) einen Marschhalt befohlen hat, um eine «Zwischenanalyse» durchzuführen. Wie seine Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) den beteiligten Institutionen im Juli mitteilte, verzögere sich die flächendeckende Einführung deshalb um sechs bis zwölf Monate. Nun, weitere drei Monate später, ist auch dieser Termin nicht mehr sakrosankt. Derzeit geht die GEF gar von einer Verzögerung von «ein bis zwei Jahren» aus, wie sie auf Anfrage mitteilt.

Knacknuss Kosten

Was genau die Zwischenanalyse beinhaltet, geht aus den Antworten der GEF nicht hervor. Sie soll «Auskunft über die potenzielle Zielgruppe, Kostenfolgen und die Bezüge zu anderen Leistungen der Sozialversicherung und der institutionellen Sozialhilfe liefern», heisst es etwas kryptisch. Klar ist, dass die Hauptsorge der GEF den Finanzen gilt. So soll die Umsetzung – wie vom Kantonsparlament verlangt – kostenneutral erfolgen.

Für die Behindertenverbände das grösste Problem ist die Ungewissheit. Wie Rolf Birchler, Geschäftsführer von Socialbern, dem Verband der sozialen Institutionen, auf Anfrage ausführt, habe er für die Verzögerung ein gewisses Verständnis. Es handle sich um eine grundlegende Umgestaltung des Systems, genaue Abklärungen seien «unerlässlich». Was er sich aber wünsche, sei eine «partnerschaftliche» Zusammenarbeit der GEF mit den Organisationen, die über «ein grosses Know-how» verfügten.

Was Birchler hier etwas verklausuliert ausdrückt, hört man auch bei anderen Organisationen. Kein Blatt vors Mund nimmt etwa Rubin von Insieme: «Seit Regierungsrat Schnegg am Ruder ist, werden wir aussen vor gelassen», sagt sie. Unter seinem Vorgänger habe man gemeinsam an einer Vision gearbeitet, man habe etwas erschaffen wollen – was auch schweizweit Beachtung gefunden habe.

Rubin befürchtet, dass die Behinderten-Vertreter einst vor vollendete Tatsachen gestellt werden und dass für sie zentrale Elemente des «Berner Modells» infrage gestellt werden. «Für uns ist es etwa unerlässlich, dass die Betroffenen bei der Bedarfsabklärung miteinbezogen werden und dass diese von einer unabhängigen Stelle durchgeführt wird.» Zudem müsse es auch Menschen integrieren, die eben nicht in Institutionen eingebunden seien. «Sonst wird das erklärte Ziel verfehlt.» Sie sei aber «trotz allem» noch zuversichtlich, dass das Berner Modell gelingt.

Vorwürfe «gegenstandslos»

Zu inhaltlichen Fragen will die GEF erst nach Beendigung der Zwischenanalyse Stellung nehmen. Der Vorwurf des fehlenden Einbezugs weisst die Behörde aber als «gegenstandslos» zurück. «Die GEF hat bereits früher eine Begleitgruppe eingesetzt, die beratend wirkt in Bezug auf die Umsetzung des Behindertenkonzepts.» Sowohl die Projektorganisation wie die Abschätzung der Auswirkungen einer Systemumstellung seien aber verwaltungsinterne Prozesse. Sobald es wieder um die Umsetzung gehe, werde man die «externen Akteure» konsultieren.

In der Begleitgruppe sitzt unter anderem Yvonne Brütsch, die Geschäftsleiterin der kantonalen Behindertenkonferenz. Sie seien zwar von Zeit zu Zeit informiert worden, als «Feigenblatt» möchte sie aber nicht herhalten. «Wir hatten bisher kaum die Möglichkeit, uns fundiert zu den Überlegungen der GEF zu äussern», sagt sie.

Sogar Leidtragende dafür

Einig sind sich die Verbände in der Beurteilung des Berner Modells. Bemerkenswert ist dies bei Socialbern, dem Vertreter der Institutionen. Schliesslich führt das «Berner Modell» dazu, dass ein Teil der Gelder im Behindertenwesen künftig ausserhalb der Institutionen eingesetzt werden kann. «Institutionen dürfen nicht zum Selbstzweck werden», sagt Geschäftsführer Birchler. Die Subjektfinanzierung entspreche dem Bedürfnis der Behinderten. «Wir müssen unsere Angebote diesen anpassen.» (Der Bund)

Erstellt: 31.10.2018, 07:05 Uhr

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