Bauern reissen sich um Cannabis-Anbau

Berner Gras für Berner Kiffer: Dutzende Landwirte möchten Hanf säen, der in einem Pilotprojekt in Apotheken verkauft werden soll.

Cannabis als neue Einnahmequelle: Nicht wenige Berner Bauern würden lieber heute als morgen wieder Hanf ansäen. Bild: Franziska Scheidegger

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Berner Bauern wittern das Geschäft: Der frühere Berner BDP-Präsident und Nationalrat Heinz Siegenthaler will wieder Gras anbauen. Nicht etwa für den Eigenbedarf, sondern für ein Cannabis-Pilotprojekt der Stadt Bern. Dieses sieht vor, in ausgewählten Apotheken Marihuana an 1'000 Berner Kiffer zu verkaufen.

Bislang war vorgesehen, die dafür benötigte Menge Cannabis in Holland zu beschaffen. «Ich finde es falsch, für das Programm Marihuana aus dem Ausland zu importieren. Das können wir genauso gut selbst anpflanzen», sagt der Landwirt aus Rüti bei Büren, der schon in den 1990er-Jahren Hanf anbaute.

Siegenthaler ist nicht der einzige Berner Bauer, der auf eine Renaissance der Berner Hanf-Industrie hofft: Bei der Berner Sozialdirektorin Franziska Teuscher (Grünes Bündnis) haben sich Dutzende Bauern gemeldet, die Gras für das Pilotprojekt anbauen möchten. «Das hat mich überrascht», sagte Teuscher der Zeitung «Schweiz am Sonntag».

Hanf- statt Milchproduktion

Auch beim Berner Bauernverband gingen am Montag diverse Anfragen von interessierten Landwirten ein: «Es gibt Bauern mit Innovationsgeist, die am liebsten schon heute Hanf säen würden», sagt Andreas Wyss, Geschäftsführer des Bauernverbands, auf Anfrage des «Bund».

Dazu gehört auch Stefan Wälchli aus Kehrsatz. «Weizen rentiert nicht mehr. Milch rentiert nicht mehr. Hanfproduktion bietet sich für Bauern als Nischenprodukt bestens an. Wir haben mehr als genug Boden.»

«Es ist nicht das Ziel, ein Hanfanbauprogramm zu starten.»Matthias Egger, Leiter Forschungsprojekt

Das Problem: Hanfanbau ist in der Schweiz grundsätzlich illegal. Teuscher glaubt, dass man in der wissenschaftliche Studie neben dem Verkauf auch eine Ausnahme für den Anbau machen könnte.

«Unser Ziel ist sicher nicht, ein Hanf-Anbauprogramm für Schweizer Bauern zu lancieren. Sondern zu untersuchen, wie sich die Cannabis-Abgabe in Apotheken präventiv auswirkt», sagt Matthias Egger, Direktor der Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern, der das Forschungsprojekt leitet.

Im Prinzip sei es aber denkbar, Marihuana aus einheimischer Produktion in den Apotheken zu verkaufen. Wichtig sei, dass der Hanf aus biologischer Produktion stamme und einen standardisierten THC-Gehalt von 12 Prozent aufweise.

Zu den Blütezeiten der damals im rechtlichen Graubereich operierenden Berner Hanf-Industrie säte der damalige SVP-Politiker Siegenthaler auf zehn Aren den Hanf mit Zuckerrübensämaschinen. Es dauerte nicht lange, bis Grasdiebe in Rüti bei Büren auftauchten.

«Ich war damals der berühmteste Bauer des Seelands. Es kursierten Karten, auf denen meine Hanffelder eingezeichnet waren», erinnert sich Siegenthaler. Der Bauer verfügt heute über ein eingezäuntes Feld bei einem alten Industriegebäude. «Damit könnten wir sicherstellen, dass unser Hanf nicht in die Hände von Jugendlichen gerät. Wir sind bereit für die Produktion», so Siegenthaler.

Gras als Zubrot für die Bauern?

Früher bauten zahlreiche Landwirte im Emmental oder Schwarzenburgerland Hanf an. «Hanf ist sehr pflegeleicht und wächst selbst in höheren Lagen», weiss Wyss vom Bauernverband.

Der Heilsbringer für die Berner Landwirtschaft dürfte aber das berauschende Kraut so schnell nicht werden. Für das Pilotprojekt werden nur kleine Mengen Gras benötigt. «Wir reden hier von ein paar Bauern, die sich ein Zubrot verdienen könnten», so Wyss.

Ganz anders sähe die Situation aus, wenn mittelfristig in der Schweiz Hanf legalisiert würde. Derzeit werden in der Schweiz pro Jahr bis 100 Tonnen Cannabis konsumiert, das vorwiegend aus illegalen Indoor-Anlagen stammt. Laut der «Schweiz am Sonntag» könnte ein Bauer mit zwei Aren Hanf jährlich 40'000 Franken verdienen.

Wann auf den Berner Feldern wieder Hanf spriesst, ist offen. Laut Egger sollen Berner Apotheken bereits ab Herbst Cannabis an ausgewählte Kiffer verkaufen, wenn das Bundesamt für Gesundheit den Versuch bewilligt. Die Zeit scheine sehr knapp, um einheimischen Hanf bei Beginn des Projektes berücksichtigen zu können. (Der Bund)

Erstellt: 19.04.2016, 07:29 Uhr

Auch der frühere BDP-Präsident Heinz Siegenthaler will wieder Cannabis produzieren. (Bild: Adrian Moser)

Die Studie

Uni prüft E-Joints

In Zusammenarbeit mit der Uni Bern will die Stadt in ausgewählten Apotheken Cannabis an 1'000 Berner verkaufen, die regelmässig kiffen. Die Studienteilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt und in Bern wohnhaft sein. Die Probanden müssen sich registrieren und erhalten darauf einen «Kiffer-Ausweis».

Damit können sie monatlich maximal 15 Gramm Gras kaufen. Der Versuch soll bis 2019 dauern. Verkauft werden nicht zwingend nur Marihuana-Blüten. Für die Studie tüftelt die Uni Bern offenbar auch an einem E-Joint: Man überlege sich, den Hanf auch in «flüssiger Form» anzubieten. «Das wäre weniger schädlich als Tabakrauch», so Professor Matthias Egger. Neben Bern planen auch Genf, Basel und Zürich Pilotprojekte in Richtung Cannabis-Legalisierung.

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