Bald wird es zu wenig Psychiater geben

Erstmals belegen Zahlen, wovor Psychiater seit längerem warnen: Die Überalterung in ihrem Beruf spitzt sich zu, es droht eine Versorgungslücke.

Die Berner Psychiaterin Ursula Koelbing will aufzeigen, dass es ebenso an Psychiatern wie an Hausärzten mangelt.

Die Berner Psychiaterin Ursula Koelbing will aufzeigen, dass es ebenso an Psychiatern wie an Hausärzten mangelt. Bild: Franziska Rothenbühler

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Die Hälfte der Erwachsenenpsychiater im Raum Bern ist älter als 60; die grösste Altersgruppe steht kurz vor der Pensionierung. Und vor allem: Es rücken kaum junge Psychiaterinnen und Psychiater nach. «Wir haben ein eminentes Nachwuchsproblem», sagt Ursula Koelbing.

Koelbing, die in Bern eine Praxis führt, war daran beteiligt, für die Vereinigung der Psychiater im ärztlichen Bezirksverein Bern Regio Zahlen zu erheben. Erfasst wurden 220 Erwachsenenpsychiater. Dabei handelt es sich um jene, die in der Stadt und einem Teil der Region Bern eine eigene Praxis unterhalten und relevant sind für die ambulante Versorgung der Bevölkerung.

Massgebend ist der Anteil ihrer Tätigkeit, die für diese Versorgung ins Gewicht fällt (siehe Grafik unten). Dass dieser nicht 100 Prozent beträgt, hat mehrere Gründe: Manche Psychiater praktizieren auch ausserhalb der Region Bern, üben andere Tätigkeiten aus – zum Beispiel als Angestellte in der ambulanten Versorgung – oder leisten nicht ein volles Pensum. Auf die Überalterung bei den Psychiatern weise man schon seit längerem hin, sagt Koelbing. «Nun aber haben wir erstmals konkrete Zahlen, die das belegen.»

Vertrösten oder abweisen

Die Konsequenz liegt auf der Hand: In Bälde wird eine Versorgungslücke an Therapieplätzen bei niedergelassenen Psychiatern entstehen. Aber nicht nur in Bern. Das Problem dürfte schweizweit auftreten. Und in ländlichen Regionen ist es laut Koelbing noch grösser. «Es gibt Randregionen, denen schlicht die Psychiater ausgehen.»

Schon heute fänden viele psychisch Kranke nur schwer einen Psychiater, sagt sie. Eine Studie über die Versorgungssicherheit psychisch kranker Patienten spricht eine deutliche Sprache: 92 Prozent der Fachärzte gaben an, sie müssten psychisch Kranke auf eine Behandlung warten lassen – oder abweisen. Dabei wäre es wichtig, solche Erkrankungen rasch anzugehen, sagt Koelbing. «Je länger man wartet, desto eher ‹brennt› eine Krankheit sich ein» – und desto grösser werde die Belastung für die Kranken und deren Umfeld.

«Von uns redet niemand»

Mit der Veröffentlichung der Zahlen sollen die Bevölkerung und die Politiker auf die drohende Versorgungslücke und den Nachwuchsmangel aufmerksam gemacht werden. Bei den Hausärzten werde das ähnlich gelagerte Problem seit Jahren breit diskutiert, sagt Koelbing. Diese würden mittlerweile stark gefördert, «aber von uns redet niemand, uns lässt man links liegen». Mehr noch: Psychiater gerieten zunehmend unter Druck, etwa bei der Tarifabrechnung. Sie spricht von der Reduktion des Psychiatereinkommens durch den Tarifeingriff des Bundesrats auf Anfang 2018 und einer «verschärften Minutenvorschrift für Leistungen in Abwesenheit». Dies falle vor allem in der Behandlung von Schwerkranken ins Gewicht.

Am unteren Ende der Skala

Sebastian Walther, Chefarzt an der Universitätsklink für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern, bestätigt Koelbings Aussagen. Die Überalterung bei den Psychiatern «beobachten wir seit längerem», sagt er. Deswegen sei der Berufsverband auch schon an den Kanton herangetreten. Die Gründe für den Nachwuchsmangel seien vielschichtig. Einer der wichtigsten dürfte laut Walther beim «vergleichsweise niedrigen Einkommen» liegen. Gemessen an jenem anderer Mediziner, befinde es sich «am unteren Ende der Skala». Psychiater verdienten deutlich weniger als Hausärzte; das Durchschnittseinkommen mancher Fachärzte sei um den Faktor 3 bis 4 höher. Der Kanton Bern sei zusätzlich im Nachteil, weil angestellte Ärzte in den umliegenden Kantonen mehr verdienten.

Selbstverständlich stehe nicht allein der Kanton in der Pflicht, sagt der Psychiatrieprofessor. Er weist auf die 100 zusätzlichen Studienplätze hin, die der Kanton bewilligt hat. «Aber das löst das Problem nicht», sagt er. Wohl nur ein geringer Teil dieser zusätzlichen Mediziner werde sich für die Psychiatrie entscheiden. Massnahmen zur Erhöhung der Löhne sowie weniger Administration, die den Beruf zusätzlich unbeliebt mache: Das könnte laut Walther ein Anfang sein.

«Gründe kennen wir nicht»

Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (GEF) verfüge derzeit über keine genauen Informationen «zur konkreten Nachwuchsproblematik» bei den Psychiatern, heisst es in einer Stellungnahme. Es sei aber anzunehmen, dass «eher zu wenig» Ärzte in der Weiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie seien. «Die Gründe dafür kennen wir nicht.»

GEF-Sprecher Gundekar Giebel verweist auf das Bundesamt für Gesundheit: Dieses sehe einen Hauptgrund für einen kommenden Mangel darin, dass wahrscheinlich die meisten Psychiater Teilzeit arbeiten, sobald sie ihre eigene Praxis haben. Giebel bestätigt, dass es im Kanton Bern auf dem Land «deutlich weniger» Psychiater gebe. Genauso wie bei den Hausärzten könne der Kanton auf die Zahl der nachrückenden Psychiater «nur sehr beschränkt Einfluss nehmen».

Gestaltungsspielraum gebe es bei den Versorgungsangeboten. So würden neue Modelle gefördert. Das Pilotprojekt «Home Treatment» sei beispielsweise wieder aufgenommen worden. Dabei handelt es sich um ein «aufsuchendes Angebot» für akut psychisch erkrankte Patienten. Diese werden im eigenen häuslichen Umfeld durch ein multiprofessionelles Behandlungsteam betreut.

Auch Giebel erwähnt die 100 zusätzlichen Plätze für das Medizinstudium in Bern. Wichtig sei nun, schreibt er, dass bereits während des Studiums die Breite des Arztberufs aufgezeigt werde «und die Interessen geweckt werden». Wenig Einflussmöglichkeiten habe der Kanton jedoch bei den Löhnen. Die Tarife lägen nicht in seiner Kompetenz. (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2018, 06:35 Uhr

Warum fast niemand mehr Psychiater werden will

Eigentlich sei der Beruf des Psychiaters attraktiv, sagt Sebastian Walther, Psychiatrieprofessor in Bern. Es sei ein spannendes Fach, das viele Möglichkeiten biete. Allerdings werde das von Studierenden der Medizin heute kaum mehr als Chance wahrgenommen.

Ein Grund liege darin, dass es viele andere Fachleute gebe, die im psychosozialen Bereich arbeiteten. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Tätigkeiten verwischten zunehmend. Diese Unklarheit führe dazu, dass die Arbeit eines Psychiaters eher infrage gestellt werde als zum Beispiel jene eines Chirurgen. Und weil psychische Erkrankungen nach wie vor stigmatisiert seien, färbe das auch auf die Behandelnden ab, sagt er. Die vergleichsweise schlechte Bezahlung sei ein weiterer Grund (siehe Hauptartikel). Psychiatrische Behandlungen seien anspruchsvoll und zeitintensiv. Die Tarife würden aber immer stärker gekürzt. Andere Fachärzte, die über spezifische Leistungen abrechnen könnten und nicht nur über Zeit, seien da im Vorteil.

Auch Kliniken müssen laut Walther ständig Kürzungen hinnehmen, «das ist auf Dauer deprimierend». Schliesslich habe der administrative Aufwand in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen, sagt Walther. Die Qualitätssicherung und das Zusammenspiel mit anderen Akteuren erfordere immer mehr Papier. Heute arbeiteten psychiatrische Assistenzärzte bloss noch etwa 30 Prozent am Patienten – der Rest ihrer Arbeitszeit entfalle auf Administration, Notfalldienste und Weiterbildung. (db)

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