«Aufgetischt»: Gartenführung mit der Seniorchefin

Der Testesser tafelt in einem Landgasthof mit prächtigem Garten und umsichtiger Patronne.

Der Testesser fühlt sich bei seinem Besuch im Landgasthof Kreuz fast wie in den Ferien.

Der Testesser fühlt sich bei seinem Besuch im Landgasthof Kreuz fast wie in den Ferien. Bild: mdü

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Nur wenige Autominuten von Bern entfernt liegt der Landgasthof Kreuz in Grafenried. Als wir den Wagen in die einzige freie Parklücke vor dem schmucken Haus fahren, fühlen wir uns fast wie in den Ferien; der Garten mit der majestätischen Linde, mit Rosenstöcken und anderen Blumen ist eine Oase. Zum Glück haben wir reserviert. Das gepflegte Säli ist voller Seniorinnen und Senioren, die angeregt «brichte». Die Servierkräfte haben alle Hände voll zu tun.

Ebenfalls aktiv ist die Patronne Claire Kunz. Die kleine Frau mit den sorgfältig ondulierten Locken im rosa Deux-Pièce könnte seit einem Vierteljahrhundert den Ruhestand geniessen. Doch unermüdlich schreitet sie ihr Reich ab, begrüsst Gäste, serviert Gerichte, schaut, dass alles klappt und erklärt das Menü: Karottensuppe, Schweins-Saltimbocca mit Spargelrisotto, Nüsslisalat (Fr. 20.–). Die beste Begleiterin von allen blättert das A-la-carte-Angebot durch, liebäugelt einen Moment mit dem Gitzi-Ragout (Fr. 36.–), entscheidet sich dann aber doch für das Hechtfilet mit Butterreis und grünen Spargeln (Fr. 34.–).

Schon bekommen wir ein Amuse-bouche, Spargelmousse mit einer neckisch hervorragenden Scheibe Rohschinken, ein guter Auftakt. Wie so oft überschätzt die Begleiterin ihren Appetit, weshalb sie ihren schönen gemischten Salat kaum schafft: Sellerie, Nüsslisalat, Mais, Peperoni, Rüebli, Kraut, Chicorée und Ei. Der Testesser hilft gerne, denn der Salat, der – lobenswert – nicht in Sauce ertrinkt, ist gut gemacht. Die Rüeblisuppe ist sämig und sehr heiss, hat «Chuscht» und Fruchtigkeit. Dazu trinken wir einen spritzigen Weissen, einen Luins (Fr. 3.80/dl) – ein wahres Schnäppchen.

Wir blicken uns um. Ob es hier immer so voll ist? Tags zuvor war Auffahrt, heute machen viele die Brücke – vielleicht nicht die Seniorinnen und Senioren, aber die «Kinder», die mit ihnen heute auswärts essen gehen. Bald folgen die Konfirmationen. Es läuft anscheinend gut. Der Landgasthof zelebriert keine bäuerliche Rustikalität, sondern eher einen gewissen Chic, der sich in hübschen Vorhängen, Porzellantellern mit Rosenmotiven an den Wänden und kleinen Kronleuchtern manifestiert. Das Team ist ständig in Bewegung, auch die erfahrene Seniorchefin mit dem aufmerksamen Radarblick, dem nichts entgeht.

Die Hauptgänge kommen. Die Patronne bringt ein Tellerchen, damit die Begleiterin nach dem Ablösen die gebratene Fischhaut entsorgen kann. Die grünen Spargeln – nicht geizig hinzugetan – sind von saftig grüner Farbe. Sie seien wohl im Eiswasser abgeschreckt worden, mutmasst die Begleiterin, die sich mit dem Zubereiten von Spargeln auskennt. Das Menü kommt heiss auf den Tisch. So kann man es langsam geniessen, ohne befürchten zu müssen, dass es in Bälde auf dem Teller einfriert. Auch dieses Gericht ist hübsch mit Kräutern angerichtet. Die Sauce ist kräftig, aber nicht zu rezent.

Die Dessertkarte enthält keine Klebebildchen von Fabrik-Glace, sondern eine breite Auswahl von Hausgemachtem. Die Begleiterin, obwohl satt, fragt nach einer kleinen Portion Erdbeeren mit Schlagrahm (Fr. 6.–), was nicht auf der Karte steht, aber gerne gebracht wird. Der Schlagrahm ist definitiv nicht aus der Dose, sondern schmeckt frisch. Der Testesser bekommt ein Schmuckstück von Dessert: Erdbeer-Rhabarber-Parfait mit frischen Erdbeeren und Rahm – ein Gedicht (Fr. 11.–).

Das Thema Rose wird im Kreuz gross geschrieben. Die Patronne führt uns darum nach dem Essen gerne in den Garten, in dem bis zu 120 Personen verköstigt werden können, zeigt den Karpfenteich, die Rosenstöcke und andere Blumen, die schon jetzt blühen. Sie preist die Vorzüge des Anwesens, wie es kein Immobilienmakler besser könnte. Ihr entgeht auch nicht, dass in einem Rosenbeet ein Grasbüschel unerlaubterweise ans Licht drängt. Sofort bückt sich die agile Frau und reisst ihn aus. Als Patronne muss man auf alles ein Auge haben. (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2018, 08:27 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Gepflegte bernische Küche, nicht nur solid, sondern mit Liebe gut gemacht.

Preise: Obere Mittelklasse.

Kundschaft: Bei unserem Besuch viele gut gelaunte Senioren, die den gepflegten Speisesaal bevölkern, Stammtisch für Hornusser, «Toufi-Stübli», Rosen- und Gartenliebhaber.

Öffnungszeiten: Mi–So geöffnet, Mo/Di geschlossen (Hotel immer offen).
Adresse: Landgasthof Kreuz, Familie Kunz, Bernstrasse 14, 3308 Grafenried; Telefon
031 767 71 55. ; landgasthofkreuz.ch.

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