Auf Granit gebissen

Seit 2007 wird um das Agassizhorn gerungen. Ein Komitee wollte den Berg wegen rassistischer Ansichten von Agassiz umbenennen. Die Berggemeinden blockten ab.

In der Mitte das Agassizhorn, überragt vom Finsteraarhorn.

In der Mitte das Agassizhorn, überragt vom Finsteraarhorn.

(Bild: Wikimedia)

Simon Wälti

Historische Persönlichkeiten haben sich oft nicht nur Verdienste erworben, sondern auch schwerwiegende Fehler begangen. Selbst eine Lichtgestalt wie Luther geiferte gegen Juden und aufmüpfige Bauern. Deshalb wird in Deutschland darüber debattiert, wie man 2017 das Reformationsjubiläum angemessen begehen und wie ein neues Luther-Denkmal in Berlin aussehen soll.

Der Gletscherforscher Louis Agassiz (1807–1873) dagegen war weitgehend in Vergessenheit geraten, als 2007 das Komitee «Démonter Louis Agassiz» an die Öffentlichkeit trat und sagte, Agassiz sei ein Rassist gewesen. Deshalb müsse das nach ihm benannte Agassizhorn (3946 Meter über Meer) auf der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Wallis dringend einen anderen Namen erhalten. Hans Fässler, Gründer des Komitees, will unterdessen auch erreichen, dass die Ehrenmitgliedschaft von Agassiz im Schweizerischen Alpenclub (SAC) gestrichen wird.

Das Komitee führte einen jahrelangen, vehementen Kampf für die Umbenennung in Rentyhorn, ohne Erfolg. Die Standortgemeinden Grindelwald, Guttannen und Fieschertal VS hätten sich keinen Zentimeter bewegt, teilte das Komitee mit. Sie seien nicht lernfähig. Renty war ein Sklave, den Agassiz auf einer Plantage in South Carolina fotografieren liess. Agassiz, der in die USA ausgewandert war, wollte damit die Minderwertigkeit schwarzer Menschen beweisen.

«Gott bewahre uns!»

Agassiz sprach vom «unterwürfigen, kriecherischen, nachahmerischen Neger». Er war zwar für die Abschaffung der Sklaverei, wollte aber eine Rassenvermischung unbedingt verhindern. Für das Komitee ist er deshalb ein «Vordenker der Apartheid und des Rassenwahns». Mitte des 19. Jahrhunderts waren auch in gelehrten Kreisen rassistische Vorurteile gang und gäbe.

Agassiz war in seiner Abneigung aber besonders extrem: «Welch ein Unglück für die weisse Rasse, dass sie ihre Existenz so eng mit der von Negern verknüpft hat! Gott bewahre uns vor solcher Berührung!», schrieb der Wissenschaftler. Dem Komitee kommt das Verdienst zu, die Zusammenhänge erst publik gemacht zu haben. Es schreckte dabei nicht vor Aktionismus und provokativen Vergleichen zurück.

2008 flog eine Künstlerin mit dem Helikopter auf das Agassizhorn und hielt eine Tafel mit dem Bild von Renty in die Kameras. In einer Ausstellung, die auch in Grindelwald zu sehen war, wurden Zitate von Agassiz neben solche von Hitler montiert – so sollte die Geistesverwandtschaft zwischen dem Forscher und den Nazis dokumentiert werden.

1840 hatte Agassiz eine Expedition auf den Unteraargletscher angeführt. Dabei wurden nicht nur Gletscherflöhe beobachtet und Löcher ins Eis gebohrt, sondern auch namenlose Berggipfel getauft. Scheuchzer-, Escher-, Gruner-, und Studerhorn wurden so in die Welt gesetzt. Und auch Agassiz kam zu seinem Horn. Die eigenmächtige Benennung fand schnell Eingang in die Kartenwerke.

«Weiss Gott andere Probleme»

Im Berner Oberland lässt man die Vorwürfe des Komitees nicht gelten: «Nicht nur wir sind unbelehrbar, auch das Komitee ist es», sagt Hans Abplanalp, Gemeindepräsident von Guttannen. Das sei immer eine Frage des Standpunkts. Schon 2008 schrieb die Gemeinde, das Komitee werde «bei uns auf Granit beissen».

Auf beiden Seiten waren die «Gringe» letztlich zu hart. «Man kann nicht die ganze Geschichte neu aufrollen», sagt Abplanalp. Das Thema sei nun abgeschlossen. «Wir haben weiss Gott andere Probleme in Guttannen.» Übrigens gebe es auf dem Säumerweg auf die Grimsel einen Stein, in dem der Name Agassiz eingeschnitten sei. «Man kann nicht alles auslöschen, das an einen Menschen erinnert», so Abplanalp.

Kein Mensch ist ohne Makel. Deshalb sollte man bei der Benennung von Örtlichkeiten Vorsicht walten lassen. Lieber ein Rot-, Schwarz- oder Weisshorn mehr im Alpenkranz als eines, das nach einem Menschen benannt ist. Es ist aber nicht wünschenswert, dass «Säuberungskommandos» ausschwärmen, um die Flecken aus den Orts- und Landschaftsbildern zu tilgen. Nicht jede Statue muss entfernt, nicht jede Inschrift umgeschrieben werden. Das wäre eine Damnatio memoriae, eine Verdammung des Andenkens, wie sie im römischen Kaiserreich manchmal befohlen wurde.

Es fehlte der diplomatische Ton

Die problematischen Aspekte einer Persönlichkeit sollen mit Augenmass und ohne inquisitorischen Habitus untersucht und dargestellt werden. Manchmal ist die historische Aufarbeitung aber nicht genug.

Aufgeschlossen zeigt sich unterdessen auch der Bundesrat. In der Antwort auf eine Interpellation schrieb er im Dezember 2015: «In diesem Sinn würde es der Bundesrat begrüssen, wenn sich die zuständigen Gemeinden zu weiterführenden Schritten bewegen liessen.»

Bei einer Umbenennung geht es immer um ein Abwägen: Gäbe es einen Piz Mussolini oder ein Hitlerhorn in der Schweiz, so müsste man sich nicht lange besinnen. Beim Agassizhorn wurden gute Gründe für eine Neutaufe angeführt. Vielleicht hätte sich eine Lösung finden lassen, eine Umbenennung in «Kleines Finsteraarhorn» etwa wäre bei den Standortgemeinden wohl nicht chancenlos gewesen. Mit mehr Diplomatie hätte man mehr erreicht. Das Agassizhorn ist nicht, wie das Komitee sagt, ein «Berg der Schande», aber doch ein Mahnmal, dass Geschichtsschreibung immer weitergehen muss.

Der Bund

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