Auch Kinder als Opfer häuslicher Gewalt erkennen

Massnahmen eines Pilotprojektes gegen häusliche Gewalt sollen kantonsweit zum Tragen kommen.

Kinder leiden unter häuslicher Gewalt auch dann, wenn sie nicht direkt die Opfer sind.

Kinder leiden unter häuslicher Gewalt auch dann, wenn sie nicht direkt die Opfer sind.

(Bild: Keystone)

Christian Zellweger@@chzellweger

Die Zahl habe sie erstaunt und besorgt, sagt Judith Hanhart von der bernischen Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt: Mehr als die Hälfte der Kinder, die Gewalt zu Hause miterleben, gehen noch nicht zur Schule. Ein Drittel davon ist noch keine drei Jahre alt. Auch dann, wenn sie nicht körperlich Opfer der Taten werden, leiden diese Kinder unter der Erfahrung. Weil sie aber noch in kein System wie die Schule eingebunden sind, bleiben sie als Opfer der häuslichen Gewalt oftmals quasi «unsichtbar».

Die Daten über den Zeitraum von August 2011 bis September 2012 stammen von der Kantonspolizei. Im Rahmen des Pilotprojektes «Kindesschutz bei häuslicher Gewalt» hat sie die Zahlen an die Interventionsstelle weitergeleitet, diese hat sie ausgewertet. Insgesamt rückte die Polizei in diesem Zeitraum 840 Mal wegen häuslicher Gewalt aus und stiess dabei auf 755 Minderjährige. In 90 Prozent der Fälle waren die Kinder nicht selbst Opfer der Gewalt, mussten sie aber miterleben.

Massnahmen erarbeitet

Die statistische Erhebung war Teil des zweijährigen Pilotprojektes im Auftrag des Regierungsrates, welcher den Schlussbericht jetzt zur Kenntnis genommen hat. Das Projekt konzentrierte sich auf die Regionen Bern, Biel, Burgdorf, Langenthal, Thun und Interlaken. In diesen Regionen wurden betroffene Kinder von Fachleuten von Erziehungsberatungsstellen, in Frauenhäusern oder Opferhilfestellen speziell beraten.

Aufgrund dieser Gespräche erarbeitete ein Fachausschuss aus den teilnehmenden Stellen konkrete Empfehlungen zum Umgang mit der Thematik: Dazu gehören der Ausbau der Beratung für die betroffenen Kinder in den entsprechenden Stellen, die Sensibilisierung der Öffentlichkeit oder die Weiterbildung des Fachpersonales wie zum Beispiel von Kinderärzten.

Das Pilotprojekt ist beendet, die Arbeit geht aber weiter. Ein Leitfaden, der auf den Erkenntnissen basiert, soll nun auch den übrigen Beratungsstellen im Kanton verfügbar gemacht werden, zusätzlich werde es Schulungen zum Thema geben, sagt Hanhart.

Unsichere Finanzierung

Wie genau die Erkenntnisse des Projektes ansonsten weiter umgesetzt werden können, ist noch offen. Die Interventionsstelle hat nun den Auftrag, «die Empfehlungen des Fachbeirates weiterzuentwickeln und die Umsetzung vorzubereiten». Will heissen: Sie muss aufzeigen, welche Massnahme wie viel kostet. Spätestens 2015 wird dann der Regierungsrat entscheiden, wie es weitergeht.

Man denke auch daran, gewisse Massnahmen von aussen finanzieren zu lassen, sagt Hanhart, etwa durch Stiftungen. Dies ist mit der Jacob Foundation schon bei der Evaluation des Pilotprojektes geschehen. «Grundsätzlich ist Kinderschutz aber die Aufgabe des Staates», sagt Hanhart und verweist auf die Präambel der Bundesverfassung: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»

Der Bund

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