«Arbeitsintegration ist Herkulesarbeit»

Die Wirtschaft soll bei der Integration von Sozialhilfebezügern in den ersten Arbeitsmarkt helfen. Aber die Hindernisse dabei sind gross, wie die Erfahrung mit dem Projekt Jobtimal zeigt.

Der Unternehmer Bernhard Emch, hier mit Bundesrat Schneider-Ammann, macht mit dem Teillohnmodell «hervorragende Erfahrungen».

Der Unternehmer Bernhard Emch, hier mit Bundesrat Schneider-Ammann, macht mit dem Teillohnmodell «hervorragende Erfahrungen». Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Eigentlich kann sich Bernhard Emch freuen. Denn die von der Fürsorgedirektion initiierte Arbeitsgruppe zur Förderung der Arbeitsintegration hat das Projekt Jobtimal zum Leuchtturmprojekt auserkoren. Emch ist Präsident des Vereins Jobtimal, der im Auftrag des Stadtberner Sozialamts Jobs für Sozialhilfebezüger im ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Der Status als Leuchtturmprojekt erlaubt es dem Verein, die Zahl der Coachs leicht zu erhöhen, welche die Klienten bei der Arbeit betreuen. Liftbauer Emch geht beim Projekt seit Jahren mit gutem Beispiel voran und hat im Rahmen von Jobtimal eine Person mit Leistungseinschränkungen im Teillohnmodell angestellt.

Dies bedeutet, dass Emchs Firma der Person einen reduzierten Lohn entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit bezahlt. Die Differenz bis zur Erreichung des Existenzminimums übernimmt die Sozialhilfe. Nach zwei Jahren erfolgt im Idealfall eine Direktanstellung. «Wir haben hervorragende Erfahrungen mit diesem Modell gemacht», sagt Emch. Sobald die Mitarbeitenden merkten, dass es sich bei ihrem Kollegen nicht um einen Schmarotzer handle, sei die Akzeptanz gross. Dafür brauche es aber von Anfang an die Information und den Einbezug der Mitarbeitenden, sagt Emch.

Potenzial im Bau liegt brach

Erklärungsbedarf gibt es aber nicht allein bei den Mitarbeitenden von Emchs Betrieb, sondern vor allem bei den Unternehmern im Grossraum Bern, die Emch auch als Präsident der Sektion Bern des Handels- und Industrievereins (HIV) vom Teillohnmodell überzeugen will. «Der Wirtschaft fehlen nicht einfach Arbeitskräfte, sondern vor allem Fachkräfte», sagt Christoph Erb, Direktor des Gewerbeverbandes Berner KMU. Er sitzt selber im Beirat von Jobtimal und spricht von einem sehr guten Projekt. Erb weist jedoch darauf hin, dass Teillohnmodelle bei der Arbeitsintegration nur eine Übergangslösung sein können. Die Zahl der Personen, die schliesslich eine Direktanstellung erhielten, sei vergleichsweise klein (siehe Kasten). «Man kann den Betrieben nicht sagen, wen sie anzustellen haben», sagt Erb.

Für Emch ist klar, dass Projekte wie Jobtimal das Problem der Langzeitarbeitslosen nicht alleine lösen können. Für ihn wäre aber schon viel erreicht, wenn Unternehmer niederschwellige Arbeiten nicht ins Ausland verlagerten oder durch Roboter erledigen liessen, sondern durch Langzeitarbeitslose. Warum nicht mehr Unternehmer solche Personen anstellten, sei eines der Hauptthemen in der erwähnten Arbeitsgruppe der Fürsorgedirektion zum Thema Arbeitsintegration. Im Fokus stünden dabei auch administrative und gesetzliche Hindernisse.

Im Baugewerbe zum Beispiel gebe es zwar ein grosses Potenzial für niederschwellige Arbeitskräfte. Aber die im Landesmantelvertrag festgehaltenen Mindestlöhne verhinderten flexible Lohnmodelle für die Branche. «Kein Baumeister kann es sich leisten, für integrationsbedürftige Menschen einen Mindestlohn zu bezahlen», sagt Emch. Wie bei der Etablierung von Jobtimal selber würde es auch hier intensive Gespräche zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern brauchen – und allenfalls rechtliche Anpassungen. «Arbeitsintegration ist eine Herkulesaufgabe», bilanziert Emch.

(Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:47 Uhr

Jobtimal entlastet die Sozialhilfe

Das Projekt Jobtimal wurde 2013 vom Sozialamt der Stadt Bern initiiert und wird seit Anfang 2016 vom Kanton finanziert. Es richtet sich an Sozialhilfebezüger mit Leistungseinschränkungen und basiert auf dem Teillohnmodell. Bei diesem Modell kommen die Arbeitgeber lediglich für die effektiv geleistete Arbeit auf, die Differenz zum Existenzminimum bezahlt der Sozialdienst.

Getragen wird Jobtimal von Arbeitgebern, Gewerkschaften und der Stadt Bern. Die Teilnahme der Gewerkschaften war wichtig, da diese zuerst Lohndumping befürchteten. Seit Anfang 2016 wurden durch Jobtimal 65 Personen in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt, wovon 30 bis heute eine direkte Anstellung erhalten haben.

Rund drei Viertel der Vermittlungen erfolgten in die Privatwirtschaft, der Rest in die Verwaltung und zu Non-Profit-Organisationen. Seit Projektbeginn von Jobtimal konnten nach Angaben des Kompetenzzentrums Arbeit (KA) der Stadt Bern rund zwei Millionen Franken Sozialhilfe eingespart werden. Allein im letzten Jahr wurde die öffentliche Hand um 467'000 Franken entlastet.

Eine Daueraufgabe

Das Kompetenzzentrum Arbeit (KA) hat letztes Jahr 502 Stellensuchende betreut, die ein Potenzial für den ersten Arbeitsmarkt hatten. 38 Prozent von ihnen (193 Personen) fanden schliesslich eine Stelle, 64 davon dank Einarbeitungszuschüssen. Bei den übrigen Personen kam es zu Abbrüchen der Integrationsbemühungen oder zu einem Wechsel in Integrationsprogramme.

Das erfolgreichste Modell der Arbeitsintegration sind die Einarbeitungszuschüsse. Hier übernimmt das KA während einer sechsmonatigen Einarbeitungsphase 40 Prozent des Bruttolohns. Die Vermittlung mit Einarbeitungszuschüssen sei ein «nachhaltiges Modell», sagt KA-Leiterin Ines Roethlisberger. Die Erfolgsquote dieser Massnahme liege bei vergleichsweise hohen 71 Prozent.

Das Kompetenzzentrum Arbeit betreut auch Personen, die nicht in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. Letztes Jahr waren es 393 Personen. Sie leisten zum Beispiel einen Beitrag zur Erfüllung öffentlicher Dienstleistungen in Heimen oder auf Velostationen und «erbringen so eine Gegenleistung zu ihrem Sozialhilfebezug», sagt Roethlisberger.

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