Am Kreisel kommt niemand vorbei

Vor genau 30 Jahren wurde in Worb der erste Kreisel im Kanton Bern errichtet. Mittlerweile gibt es fast überall Kreisel – und dennoch finden die Planer immer noch Orte, um neue zu bauen.

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Adrian Schmid@adschmid

Kreisel gehören heute zum Strassenbild wie Fussgängerstreifen oder Ortstafeln. Im Kanton Bern kamen die Kreisel vor 30 Jahren auf. Im Juni 1986 entstand auf der Hauptstrasse in Worb, bei der Käserei, ein «Kleinkreisel mit Kreisvortritt», wie der Kanton in der damaligen Verfügung schrieb. Manch einer mag jetzt einwenden, der Kreisel im Burgernziel in Bern sei älter. «Die Kreuzung wurde aber erst später als Kreisel mit Kreisvortritt im heutigen Sinn betrieben», sagt Fritz Kobi, ehemaliger Kreisoberingenieur Bern-Mittelland.

Die Käsereikreuzung in Worb war in den 80er-Jahren berüchtigt für Unfälle. Einige endeten sogar tödlich. Lange wurde deshalb über Ampeln diskutiert. Bis zu dem Zeitpunkt sammelte man in der Westschweiz gute Erfahrungen mit Kreiseln, die in England seit den 50er-Jahren gebaut werden. Daher versuchte man es auch in Worb mit einem Kreisel, und dieser bewährt sich: Der Verkehr kommt schneller vorwärts, die Zahl der schlimmen Unfälle ging markant zurück.

Als die «Kreiselitis» grassierte

Von Worb aus eroberten die Kreisel den Kanton und die Deutschschweiz. Für Kobi gibt es einen einfachen Grund dafür: «Die Bevölkerung wollte sie.» Er selbst trieb ihren Bau derart voran, dass er bald «Kreisel-Fritz» genannt wurde. «Kreisel-Boom auf bernischen Kreuzungen», titelte 1991 der «Bund».

In einem Kommentar war aber auch von «Kreiselitis» die Rede: «Bei uns glaubt man, einen Kreisel zwischen Hundehütte und Gartenhaus hineinpferchen zu können», hiess es. Auch mussten sich die Leute erst an die neue Verkehrsordnung gewöhnen. Es dauerte eine Weile, bis ihnen klar war, dass man erst beim Verlassen des Kreisels blinkt – und nicht schon bei der Einfahrt.

Jetzt kommen die Turbokreisel

Heute gibt es mehrere Hundert Kreisel im Kanton Bern. Sie sind so weit im kollektiven Bewusstsein verankert, dass selbst Läden nach ihnen benannt werden: In Grosshöchstetten und Biglen gibt es einen Kreiselbeck. Und Kreisel sind keineswegs aus der Mode geraten. «Das Anwendungsspektrum wurde weiterentwickelt», sagt Kurt Schürch, Kreisoberingenieur Seeland/Berner Jura. Heute gibt es Minikreisel auf Quartierstrassen oder doppelstöckige Kreisel-Kreuzungen wie im Wankdorf.

Und in Rubigen soll ein sogenannter Turbokreisel entstehen, wo die Fahrzeuglenker schon vor der Einfahrt entscheiden müssen, welche Ausfahrt sie nehmen. Die Planer finden auch immer noch Kreuzungen, welche auf Kreisverkehr umgestellt werden. «Kreisel bauen wir vor allem an Orten, an denen die Verkehrsabläufe verbessert werden können. Oder an Orten, die in den Unfallstatistiken auffallen», sagt Schürch. Deshalb ist in der Lätti bei Münchenbuchsee ein neuer Kreisel geplant.

Gefährdete Velofahrer

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung nehmen Unfälle mit Personenschaden um 46 Prozent ab, wenn Kreuzungen in Kreisel umgebaut werden. Trotzdem gibt es immer noch relativ viele Unfälle. Am stärksten sind Velofahrer gefährdet. Sie sind gemäss Bundesamt für Strassen in jeden dritten Kreisel-Unfall verwickelt. «Für Velofahrer sind Kreisel eine Herausforderung», sagt David Stampfli, Präsident von Pro Velo Bern. Er meint damit vor allem grössere Gebilde mit Tramschienen wie beim Burgernziel.

«Ab durch die Mitte»: Der Präventionsfilm der Suva.

Im Kreisverkehr sollten Velos eigentlich nicht überholt werden, ihnen ist es erlaubt, in der Mitte zu fahren. Laut Stampfli dürften die Velofahrer die Regel durchaus «selbstbewusster» anwenden. Aber auch er findet Kreisel gut: «Die Velofahrer profitieren davon, weil sie nicht an jeder Kreuzung absteigen müssen.»

In Worb wurden die Verkehrsprobleme durch den Kreisel aber nicht gelöst. Daher wird im Herbst eine neue Umfahrungsstrasse eröffnet. Im Burgernziel verschwindet der Kreisel bald – stattdessen werden Ampeln aufgestellt.

Der Bund

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