Moutier ist bereichernd für Bern

Ein Wegzug Moutiers, der grössten Kommune, schwächt den frankophonen Berner Jura – und den zweisprachigen Kanton.

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(Bild: Bist J. P. Bill (Archiv))

Simon Thönen@SimonThoenen

Moutier ist mit 7700 Einwohnern eine kleine Stadt weit oben im Norden des Kantons Bern – aber es ist die grösste Gemeinde im Berner Jura. Bereits dies macht klar, dass der Berner Jura mit seinen knapp 55'000 Einwohnern geschwächt würde, falls das Volk von Moutier sich am 18. Juni für einen Kantonswechsel entscheiden sollte. Darüber hinaus ist Moutier mit seiner Industrie und Infrastruktur ein wichtiges Zentrum dieser kleinen Region, die wegen der französischen Sprache und Kultur ein stärkeres Eigenleben aufweist als andere Randregionen im Kanton.

Abspaltung schadet der Schweiz

Wird der Berner Jura geschwächt, schadet dies fast unweigerlich der Zweisprachigkeit des Kantons Bern – und letztlich auch der Schweiz. Denn die mehrsprachigen Kantone – insbesondere die Kantone am Röstigraben, Bern, Freiburg und Wallis – sind bei Sprachenkonflikten ein Puffer. Zwar ist durchaus diskutabel, ob sie wirklich die leuchtenden Vorbilder einer gelebten Zweisprachigkeit sind. Oft ist es, wie auch sonst in der Schweiz, im Alltag eher ein Neben- als ein Miteinander. Dennoch – und dies ist entscheidend – können sich mehrsprachige Kantone in Konflikten zwischen der Romandie und der Deutschschweiz nicht einfach so auf eine Seite schlagen. Stets müssen sie im Auge behalten, dass dies auch im eigenen Kanton ein politisches Echo auslösen könnte. Sie sind im Zweifelsfall quasi zur Vermittlerrolle verdammt – und das ist gut für den Zusammenhalt der mehrsprachigen Nation. Wie verheerend sich die Aufteilung der föderalen Einheiten eines Landes entlang der Sprachgrenze auswirken kann, ist in Belgien zu beobachten. Das weiterhin zweisprachige Brüssel ist dort die einzige Bastion, die ein Auseinanderbrechen der Nation verhindert.

Es wäre deshalb erfreulich, wenn Moutier sich an der Urne für den Verbleib im zweisprachigen Kanton Bern entscheiden würde. Dass hier die frankophone Kultur seit Jahrzehnten intensiv verteidigt wird, macht Moutier auch zu einem Stachel, der die deutschsprachige Mehrheit immer wieder an ihre Verpflichtungen gegenüber der Sprachminderheit erinnert. Zu hoffen ist, dass die vehementen Verfechter der jurassischen Eigenart ihr Engagement nach einem allfälligen Nein zum Kantonswechsel innerhalb des Kantons einbringen werden – sich zum Beispiel auf mehr Autonomie anstatt auf Separation konzentrieren. Vor allem könnte Moutier dann im Berner Jura endlich die Rolle spielen, die ihm als grösster Gemeinde zusteht – und die ihm als separatistische Enklave bisher verwehrt blieb.

Momentan interessiert dies die projurassischen Kräfte in Moutier nicht – und das kann man ihnen kaum vorwerfen. Sie wollen die voraussichtlich letzte Chance nutzen, um ihren jahrzehntelangen Traum von der «Rückkehr in die jurassische Heimat» doch noch zu realisieren. Falls sie die Mehrheit in ihrer Stadt überzeugen können, ist das Resultat zu respektieren, auch wenn es sehr knapp ausfallen sollte. Dies gilt aber genau so bei einem Nein zum Kantonswechsel. Denn letztlich ist der demokratische Entscheid der Betroffenen wichtiger als alle anderen Erwägungen.

In der Pflicht werden am Tag nach der Abstimmung in erster Linie die Kantone Bern und Jura stehen. Denn das Votum in Moutier ist kein Einzelereignis, sondern Teil eines mehrstufigen Prozesses, der den Jura-Konflikt beenden soll. So haben es die beiden Kantone im gemeinsamen Jura-Abkommen von 2012 vereinbart. Für den Jura bedeutet dies, dass er nach einem Nein zum Kantonswechsel den separatistischen Kräften in Moutier die Unterstützung entzieht, falls sie sich mit der Niederlage nicht abfinden wollen. Für Bern, dass man Moutier – und allenfalls die zwei Gemeinden, die noch abstimmen wollen – nach einem Ja unbehindert in den Kanton Jura ziehen lässt.

Berner Fehler nicht wiederholen

Der Kanton Bern steht nach der Abstimmung in Moutier, egal wie sie ausgeht, jedoch auch vor der Herausforderung, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Denn in einem Punkt haben die Separatisten recht: Ihre Bewegung wäre ohne die bernische Arroganz gegenüber der Minderheit wohl nicht entstanden oder zumindest nicht lebendig geblieben. So löste der Grosse Rat 1947 die separatistische Bewegung aus, als er sich weigerte, die wichtige Baudirektion dem französischsprachigen Regierungsrat Georges Moeckli zu übertragen. Der Protest formierte sich damals übrigens im Comité de Moutier. Nach der Gründung des Kantons Jura diskreditierte sich Bern wegen der schwarzen Kassen, mit denen die bernische Regierung heimlich Antiseparatisten finanziert hatte.

Der mehrheitlich deutschsprachige Kanton wird auch nach dem 18. Juni der frankophonen Minderheit im Berner Jura mit Respekt begegnen müssen – ob Moutier nun bleibt oder geht. Nichts wäre etwa falscher, als nach einem Wegzug von Moutier die Sonderrechte des Berner Juras – insbesondere den Jura-Sitz im Regierungsrat – mit dem Argument infrage zu stellen, dass diese kleine Minderheit ja nun noch ein wenig kleiner sei.

Der Bund

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