Adieu, merci

Im Tod sind wir alle gleich? Von wegen, findet «Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi, die Katholiken haben den Protestanten einiges voraus.

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Hanna Jordi

Sie haben es gelesen; um ein Haar hätte man in der Stadt Bern die Verschwisterung zweier Kirchen gefeiert, die sonst abgesehen von zwei Testamenten nicht viel gemeinsam haben. Die einen sind gottenfroh, nicht die ungute Abhängigkeit von der Wetterlage in Churer Bistümern zu teilen, und die anderen schätzen sich glücklich, ihren Messwein nicht in den kärglichen Kammern bildergestürmter Münster trinken zu müssen.

Beinahe hätte die reformierte Gemeinde Matthäus aus Ermangelung einer Kirche ihre Gottesdienste künftig in der katholischen Kirche Heiligkreuz abgehalten. Der Schulterschluss kommt nur deshalb nicht zustande, weil auch die Katholiken des Tiefenauquartiers ihre Kirche verkaufen – und sich ihrerseits auf die Suche nach neuen Austragungsstätten machen müssen. Seis drum. In anderen Bereichen kommt es durchaus zu Annäherungen zwischen Katholiken und Protestanten, und ich rede nicht von der Fasnacht oder anderem heidnischem Budenzauber, der uns dräut – im Schnaps vereint und solcherlei Unfug.

Nein. Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen, wenn Sie die Traueranzeigen in Ihrer Leibzeitung studiert haben: Vermehrt versehen die Hinterbliebenen die Todesanzeigen mit einem Porträt ihrer Verstorbenen.

Natürlich lässt sich von einem Namen und einem Gedenkspruch nicht auf die Konfession des Toten schliessen, doch als ich es zuletzt überprüfte, war das Grabbild noch katholischen Gottesäckern in südlichen Regionen vorbehalten, d. h. in Portugal oder im Wallis. Reihenweise Bildchen würdig dreinblickender Menschen, die bei den Diesseitigen die Erinnerung und die Ehrfurcht wach halten: ein schöner Brauch.

Diese Tradition nimmt nun auch in Gebieten mit beachtlichen reformierten Mehrheiten überhand. Antlitze, wo früher keine waren – es ist quasi ein umgekehrter Bildersturm, von dem wir hier Zeuge werden. Es ist auch höchste Zeit, dass die Protestanten hierzulande gute Ideen aus der katholischen Gemeinde in ihr kulturelles Comment aufnehmen. Wir haben ein allzu verklemmtes Verhältnis zum Tod.

Dabei gäbe es, geografisch gar nicht weit entfernt, eindrückliche Vorbilder. Namentlich im Wallis, wo die Grabkerzen ein bisschen heller brennen als bei uns. Im Wallis ist es üblich, dass die Todesanzeigen auch online zugänglich gemacht werden. Und zwar nicht so verschämt, so winzig klein am oberen Seitenrand wie bei Derbund.ch.

Will heissen, die Digitalplattform des «Walliser Boten» kennt an prominenter Stelle eine Rubrik «Trauer» – etwa dort, wo auf Derbund.ch die Wirtschaft zu finden ist. Dort stehen dann sämtliche Todesanzeigen aus der Region. Dem Vernehmen nach geschah es nicht selten, dass eine Todesanzeige in der Liste der «Meistgelesenen Artikel» erschien. Weil solche Wiedergänger-Momente aber nicht nur gut ankamen, werden die Todesanzeigen heute separat aufgeschaltet, gibt eine Redaktorin des «Walliser Boten» auf Anfrage zur Auskunft. Die Leser nutzten die Rubrik rege, sagt sie. Auf dem TV-Kanal des Radio Rottu, der im Oberwallis über Kabel ausgestrahlt wird, gibt es gar einen eigenen Sendeplatz für Todesanzeigen. Er heisst «In memoriam», und die Todesanzeigen laufen, eine nach der anderen, über den Bildschirm. Ein Death-Stream in Zeiten von Live-Streams: Anstatt die Toten ins Altpapier wandern zu lassen, räumt man ihnen im Wallis ihren Platz ein. Auf allen Kanälen.

Auch schweizweite Online-Trauerportale gibt es. Hier können Hinterbliebene Kondolenzsprüche hinterlassen und digitale Kerzen entzünden. Sehr besinnlich geht es dort nicht zu und her. Aber vielleicht ist es auch nur meine verkrampfte Protestantenseele, die an Adieu-merci.ch Anstoss nimmt.

Hanna Jordi leitet das «Bund»-Onlineressort. Dort finden sich die Todesanzeigen unter Sich-erinnern.ch, was doch schön klingt.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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