Adelboden richtet mit grosser Kelle an

Mit Prävention und Auflagen haben die Organisatoren der Ski-Weltcuprennen in Adelboden das trinkfreudige Image des Volksfests korrigiert.

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«Haben wir genügend Bier?» Die zwei jungen Frauen im Postauto von Frutigen nach Adelboden klären die wichtigste Frage zuerst. Die Weltcup-Rennen stehen an, in Adelboden naht der Ausnahmezustand, und die Trinkfreudigen im herbeiströmenden Publikum organisieren sich bereits frühzeitig den entsprechenden Vorrat. Als der Bus im Dorf wendet, sichten die beiden eine Bar. «Komm, wir gehen dort vorbei, falls es oben nicht genug hat.»

3 Tage, 40000 Zuschauer, ein paar Tausend Liter Bier, 5,5 Millionen Franken Budget und rund 7,7 Millionen Franken Wertschöpfung für die Region: In Adelboden ist es wieder so weit, die Ski-Weltcuprennen stehen an. «Während des Rennwochenendes herrscht im Dorf Ausnahmezustand», sagt Jolanda Lauber, Gemeindeschreiberin von Adelboden. Zahlreiche Extrabusse holen die Fans in Frutigen ab, und im sogenannten Boden, in diesem Jahr das Areal des Zielhangs, wurde eigens ein kleines Weltcup-Dorf erbaut.

Das Blaue Kreuz im Dorf

Das Drumherum wird in Adelboden traditionell mit der grossen Kelle angerichtet - das Fest gerät ausufernd und nicht selten etwas gar feucht. Nicht erst seit diesem Jahr gibt es Bemühungen, den Alkoholkonsum im Zaum zu halten. Der Adelbodner Gemeinderat hat bereits im Dezember über Massnahmen informiert, die besonders den Jugendschutz betreffen. So werden in Zusammenarbeit mit dem Blauen Kreuz und «cool and clean», der Präventionskampagne von Swiss Olympic, Alkohol-Testkäufe durchgeführt.

Auch am Pistenrand wird sich verpflegt.

Die Massnahmen zeigen Wirkung, zumindest wenn man Rudolf Buchser von der Gastrovereinigung Event-Treff Adelboden Glauben schenkt. Er habe in seinem Lokal an der Dorfstrasse auch schon mal übermässig Alkoholisierten den Ausschank verweigert. Doch weist er darauf hin, dass nicht alles kontrolliert werden könne. «Es gibt Jugendliche, die schon betrunken auf dem Festgelände ankommen.» Da könne man auch mit präventiven Massnahmen vor Ort wenig ausrichten.

Die Festzelte in Adelboden haben für das Wochenende eine Sonderbewilligung erhalten. Diese unterscheidet sich von der Ganzjahresbewilligung, welche die restlichen Lokale in Adelboden besitzen. Die Auflagen sind: Aussenausschankflächen müssen um 3.30 Uhr geschlossen werden. Musik ist nur bis 2.30 Uhr erlaubt - ab 1 Uhr mit gedrosselter Lautstärke. «Das wird auch eingehalten», sagt Gemeindeschreiberin Jolanda Lauber.

Der Zeigefinger der Kritiker stellt die Veranstalter nicht nur vor unangenehme Fragen, sondern ist für sie auch mit mehr Kosten verbunden. Die Massnahmen für die strikte Einhaltung des Jugendschutzes und die Prävention beim Alkoholkonsum kosten Geld. Sicherheit und Ordnung haben ebenfalls ihren Preis - auf dem Gelände schauen fast rund um die Uhr Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Broncos zum Rechten. Bereits beim Einlass wird streng darauf geachtet, dass keine Flaschen aufs Gelände gelangen.

Weniger Umsatz befürchtet

Die grösste Veränderung am diesjährigen Weltcupwochenende ist eine räumliche: Die Startnummernverlosung am Freitag wurde neu nicht mehr mitten im Dorf, sondern im Boden, näher beim Zielraum des Rennens, abgehalten. Die Verlegung ist das Resultat finanzieller Überlegungen. «Weil wir so viel weniger Infrastruktur aufbauen müssen, rechnen wir damit, etwa 50000 Franken einzusparen», sagt OK-Präsident Peter Willen. Denn die Rechnung des Komitees an sich geht schon länger nicht mehr auf: In den letzten drei Jahren hat der Veranstalter des Weltcups in Adelboden rote Zahlen geschrieben.

Die grösste Veränderung ist eine räumliche: Die Startnummernverlosung wurde näher beim Ziel abgehalten.

Was den Organisatoren hilft, scheint bei den Lokalen oben im Dorf für Einbussen zu sorgen. So erwartet etwa Buchser bedeutend weniger Umsatz. «Ich rechne mit zwei Drittel weniger.» Er befürchtet, dass durch die Verlegung weniger Leute den Weg ins Dorf finden.

Feiern je nach Resultat

Im Grossen und Ganzen scheint der Anlass in Adelboden jedoch ein Grund zur Freude zu sein. «Die grosse Mehrheit freut sich jedes Jahr wieder auf den Weltcup», sagt Michael Loretan. Er ist in Adelboden aufgewachsen und mag den jährlichen Trubel im Dorf. Dass die Startnummernverlosung verlegt worden sei, sei zwar schade, aber in Anbetracht der Umstände verständlich, sagt Loretan.

Eine der Schweizer Hoffnungen aus sportlicher Sicht ist in diesem Jahr der Riesenslalom-Spezialist Marco Odermatt. Im Programm seines Fanclubs ist das Rennen am Chuenisbärgli das wichtigste. So hat der Fanclub mit grossem Einsatz die Hinfahrt geplant. «Es haben sich rund 170 Leute angemeldet», sagt Gabriel Gwerder vom Fanclub. In drei Cars reist die Gruppe am Samstagmorgen von Nidwalden nach Adelboden. Für die Rückfahrt sind zwei Termine angeboten worden.

Weltcup ist nur einmal im Jahr

Die meisten reisen direkt nach dem Rennen wieder ab, für verhalten Festlustige bietet sich die Rückreise um 21 Uhr am Abend an, der Rest bleibt bis Sonntag. Der noch junge Fanclub möchte vor allem den Skirennfahrer unterstützen. «Wie ausufernd gefeiert wird, hängt vom Resultat ab», sagt Gwerder.

Vom Trubel lassen sich nicht alle anstecken. Es geht abwärts, zumindest im Postauto zurück nach Frutigen.«Zum Glück ist es nur für dieses eine Wochenende im Jahr», sagt eine ältere Dame. Das grosse Fest sei ihr etwas zu viel, gesteht sie der Buschauffeuse. «Aber wir sind es uns ja gewohnt», relativiert sie und lacht.

Die Verlosung der Startnummern fand heuer in der Nähe des Ziels statt. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2019, 08:33 Uhr

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