Achtung Habegger

Die Auswahl der FDP für den Regierungsrat birgt Überraschungspotenzial.

Mit der Kandidatur von Heinz Habegger hat niemand gerechnet.

Mit der Kandidatur von Heinz Habegger hat niemand gerechnet. Bild: zvg

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Achtung, fertig, los: Jetzt ist das Rennen bei der FDP um die Nachfolge von Regierungsrat Hans-Jürg Käser definitiv gestartet. Das Teilnehmerfeld besteht aus vier Leuten («Bund» von gestern). Nebst den Favoriten Philippe Müller und Christian Wasserfallen gehören die Aussenseiter Heinz Habegger und Markus Loosli dazu.

Eigentlich müsste Wasserfallen schon jetzt einen Vorsprung aufweisen. Der Nationalrat ist der einzige Bewerber, der über die Kantonsgrenze hinaus bekannt ist. Seine Medienpräsenz ist überdurchschnittlich. Doch Wasserfallen kämpft mit mehreren Handicaps: Er kann im Vergleich zu seinen Gegnern kaum Führungserfahrung vorweisen, er hat noch nie ein Exekutivamt bekleidet, und mit 36 Jahren ist er klar der jüngste Kandidat. Hinzu kommt, dass er sich im letzten Jahr in den Machtkampf beim Automobil-Club der Schweiz (ACS) verstricken liess und dabei keine gute Figur machte. Wasserfallen ist auch parteiintern umstritten, wie man immer wieder hört. Ihm wurde aus den eigenen Reihen schon vorgeworfen, an einem «Profilierungssyndrom» zu leiden. Innerhalb des Freisinns gibt es im Weiteren Kreise, die sich daran stören, dass im Falle seiner Wahl in die Kantonsregierung die Berner Stadträtin Claudine Esseiva in den Nationalrat nachrutschte. Sie gehört dem linken Parteiflügel an.

Müller und Wasserfallen vorne

Das grösste Problem von Wasserfallen ist jedoch Philippe Müller. Er ist ein harter Widersacher. Momentan liegen die zwei gemeinsam an der Spitze des FDP-Rennens. Beide gehören dem rechten Parteiflügel an – wobei Müller nicht so weit rechts steht wie Wasserfallen. Seine Regierungsratskandidatur plant Müller seit langem. Er bewirbt sich zum zweiten Mal, nachdem er seinerzeit gegen Käser parteiintern unterlag. Seit 2013 amtet Müller als Grossrat, er ist Präsident der Stadtberner FDP-Sektion und Geschäftsleitungsmitglied bei der CSL Behring. Exekutiverfahrung kann aber auch er nicht vorweisen. Zuletzt gab Müllers Verhalten im Stadtberner Wahlkampf zu reden. Er brachte Alec von Graffenried (GFL) als Kandidaten fürs Stadtpräsidium ins Spiel. Er war also mitbeteiligt, dass der SP am Ende das Stadtpräsidium abgejagt wurde. Gleichzeitig brachte er mit dieser Aktion aber auch seinen eigenen Gemeinderat Alexandre Schmidt in Bedrängnis – der dann auch abgewählt wurde.

Derweil starten Habegger und Loosli mit einem grossen Rückstand. Mit ihren Kandidaturen hat niemand gerechnet. Ihre Namen sind nicht einmal allen Freisinnigen geläufig – geschweige weiss man, wo sie politisch stehen. Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie sind ehemalige Verwaltungskader. Habegger leitete das kantonale Amt für Wasser und Abfall, Loosli war bis vor kurzem Chef des Alters- und Behindertenamts. Allerdings stand dieses mehrmals wegen Ungereimtheiten in der Kritik. Daher dürfte Loosli, der Gemeindepräsident von Herzogenbuchsee ist, nur kleine Chancen haben. Er ist mit 60 Jahren ausserdem der älteste Kandidat.

Wo sind die Frauen?

Der 57-jährige Habegger weist einen beachtlichen Lebenslauf vor: Er arbeitete nicht nur beim Kanton, sondern auch in Führungspositionen in der Wirtschaft. Er ist Unternehmer. Zudem leitet er einen nationalen Verband und war Gemeinderat in Hilterfingen. Wenn einer Müller und Wasserfallen gefährlich werden kann, ist es Habegger. Dafür muss er jedoch einen Zwischenspurt einlegen – und an seiner Bekanntheit arbeiten.

Auffallend ist, dass die FDP keine Frau im Rennen hat. Nationalrätin Christa Markwalder, die Bieler Finanzdirektorin Silvia Steidle oder Grossrätin Corinne Schmidhauser verzichten auf eine Teilnahme. Für eine optimale Auswahl hätte eine weibliche Kandidatur nicht geschadet.

Das FDP-Rennen dauert bis Ende Mai, dann küren die Delegierten den Sieger. Und dieser dürfte bei den eigentlichen Regierungsratswahlen 2018 mit grosser Wahrscheinlichkeit gewählt werden. Wenn alles normal läuft, wird die FDP ihren Sitz verteidigen – dank der Unterstützung von der SVP. Die FDP-Delegierten treffen also eine wichtige Vorentscheidung. Allerdings gibt es noch einen Unsicherheitsfaktor: Der frei werdende FDP-Sitz ist ein potenzielles Angriffsziel von Rot-Grün, um die Regierungsmehrheit zurückzuerobern. Umso bekannter die Person ist, umso grösser dürften die Chancen sein, dass sie gewählt wird. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.02.2017, 18:28 Uhr

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