Wo Leseratten zu Nachteulen werden

Die Kornhausbibliothek bleibt während fünf Tagen rund um die Uhr geöffnet. Ein Augenschein zur Schlafenszeit.

In der temporären 24-Stunden-Bibliothek scheint nachts kaum jemand verweilen zu wollen.

In der temporären 24-Stunden-Bibliothek scheint nachts kaum jemand verweilen zu wollen. Bild: Franziska Rothenbühler

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Sardinien, Costa Brava oder doch Ferien auf Balkonien? Falls Sie sich bei der Reisedestination für Letzteres entschieden haben, können Sie jetzt mal die Kornhausbibliothek auf Ferientauglichkeit prüfen. Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. Seit Freitagnachmittag und noch bis morgen Abend ermöglicht das Pilotprojekt «Ferien in der Kornhausbibliothek» während 106 Stunden uneingeschränkten Zugang zu den Räumlichkeiten. «Kundenbefragungen ergaben ein Bedürfnis nach längeren Öffnungszeiten», sagt die Projektleiterin und Vizedirektorin Danièle Kammacher. Doch wird es auch genutzt? Ein nächtlicher Augenschein soll Aufschluss bringen.

Keinen einzigen freien Platz scheint es am Freitagabend vor den Cafés und Bars am Kornhausplatz zu geben. Selbst um 22.30 Uhr hält sich das Thermometer noch nahe bei der 30-Grad-Marke. So sorgen beim Betreten der dritten Etage des Kornhauses zumindest die klimatischen Bedingungen für reichlich Ferienatmosphäre. Wie üblich sitzt an der Ausleihtheke eine Bibliotheksmitarbeiterin. Unüblich ist allerdings der Angestellte der Firma Protectas, der jeden eintretenden Besucher einem Röntgenblick unterzieht. Mit müdem Blick begrüsst mich die Frau an der Theke. Viel zu tun scheint es nicht zu geben. Ausser reihenweise Bücherregalen und unzähligen Mücken in Fensternähe ist niemand zu sehen. Einiges scheint jedoch anders als sonst. Zum Beispiel die Bühne neben dem Eingang, die Sonderausstellung übers Reisen und der Film «En Siberie avec Blaise Cendrars», der nachts in Endlosschlaufe gezeigt wird. Man habe bewusst einen Schwerpunkt auf Reiseberichte gelegt. «Damit wollen wir Daheimgebliebenen ein Gefühl von unterwegs vermitteln.» Solche «Kopfreisen» sollen auch die Lesungen bekannter Schriftsteller wie Christoph Ransmayr, Arnon Grünberg, Yusuf Yesilöz und Dres Balmer fördern. An vier Abenden präsentiert jeweils ein Autor, «dem Reisen mehr bedeutet, als von zu Hause weg zu sein», Textpassagen aus seinem Werk.

Auftakt in die Sommerferien

Mein Rundgang führt mich in die Abteilung für Reiseliteratur. Mit Ratgebern über Ashrams in Rajastan bis hin zu Tipps für Schiffsexpeditionen in der Antarktis scheint es hier fast jede Traumdestination in gebundener Form zu geben – für jene, die dableiben müssen. Eine Mutter und ihre zwei Kinder im Primarschulalter steuern Richtung Kinderbücher. «Wir haben extra den Wecker gestellt», der nächtliche Gang in die Bibliothek sei für sie ein schöner Auftakt in die Sommerferien. Auch das junge Paar bei den Hörbüchern scheint Gefallen an den ungewöhnlichen Öffnungszeiten zu finden. «Für uns ist das die optimale Uhrzeit.»

«Ausschliesslich positiv» seien die Rückmeldung zum Pilotprojekt bisher ausgefallen. Und die Lesungen gar regelrechte «Publikumsrenner» gewesen, freut sich Kammacher. Der allmorgendliche Fitnesskurs sei hingegen auf weniger Anklang gestossen. Die Hitze erschwere das Projekt im Allgemeinen. Einige Besucher wird es heute geben. Wenn 14 Bibliothekskunden aus ihrer Lieblingsferienlektüre vorlesen. «Die Nutzer nehmen grundsätzlich mehr Einfluss auf den institutionellen Zweck der Bibliothek.» So sei diese mittlerweile für viele auch Arbeitsplatz, Treffpunkt und Ruheraum. Sie werde zu einem «Zuhause fernab der eigenen vier Wände. Jeder Dritte verlässt die Bibliothek, ohne etwas auszuleihen.» Ob künftig länger geschmökert werden kann, wird sich nach dem Pilotversuch zeigen. Doch in dieser tropischen Nacht scheinen sogar die Leseratten der Bibliothek fernzubleiben. (Der Bund)

Erstellt: 06.07.2015, 06:45 Uhr

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