«Wir machen aus jedem Bus das Beste»

Patrick Finger Der Inhaber einer Garage in Seftigen hat sich auf den VW-Bus spezialisiert – mit grossem Erfolg.

Patrick Finger, der «Volkswagen-Versteher».

Patrick Finger, der «Volkswagen-Versteher». Bild: akv

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Kann man ein Auto lieben, und wenn ja: Wie kann man es trotzdem verkaufen? Patrick Finger findet diese Frage heikel, aber Kundin A., die neben ihm steht und ihren VW-Bus des Jahrgangs 1978 mitgebracht hat, bejaht heftig: «Ich liebe ihn», sagt sie und tätschelt die blaue Flanke. Und nicht nur das: Wenn er vor ihrer Haustür steht, dann schläft sie nicht im Bett, sondern im Bus, der einst von einem Verwandten zum Wohnmobil ausgebaut worden ist und vier Schlafplätze bietet, welche sich der Nicht-Fan als beengend vorstellt, die Enthusiastin jedoch als Inbegriff der Ungebundenheit preist.

Der VW-Bus, auch «Bulli» genannt, ist nicht nur ein Transportmittel mit ziemlich grosser Ladekapazität und ziemlich schwachem Motor im Heck (1990 rutschte dieser, mit dem Modell T4, nach vorn). Er ist auch Kult: In den 1960er-Jahren diente er, womöglich mit Blümchen verziert, Hippies und anderen nach Freiheit Dürstenden als ideales, günstiges und doch geräumiges Transportmittel Richtung Fernost oder auch durch die Weiten Nord- oder Südamerikas. In dieser Zeit reisten A.s künftige Eltern damit durch Afrika, nach Indien, durch Pakistan, Afghanistan. Später machte die Familie jeden Sommer Ferien im Bus: A., nur ein paar Jahre älter als ihr Bus, kennt seit frühester Kindheit keine attraktivere Form des Reisens.

«nadisna zwäg» machen

Bei Patrick Finger, 33 Jahre alt, kam der Enthusiasmus etwas später und eher zufällig: Während seiner Lehre als Fahrzeugelektroniker kaufte er den ersten VW-Bus und machte ihn «nadisna zwäg», um ihn schliesslich weiterzuverkaufen. Darauf folgte der zweite, und irgendwann begann sich ein Geschäft zu entwickeln. Im August 2001, mit gerade 21 Jahren, gründete er eine Einzelfirma mit sich selber als einzigem Mitarbeiter; drei Jahre später stiessen erste Aushilfen dazu. Heute arbeiten, der Patron mitgerechnet, sechs Leute Vollzeit in der Garage, die seit Januar 2013 eine Aktiengesellschaft ist und sich Garage Finger.ch AG nennt. Zudem kommt Gattin Linda einen Tag in der Woche für Büroarbeiten und die Buchhaltung. «Und manchmal zum Putzen», sagt sie lachend. Ihr Vollzeitjob allerdings sind die vier Kinder zwischen drei und zwölf Jahren.

Wieso Kundin A. extra aus Zürich ins doch ziemlich abgelegene Seftigen im Gürbetal angereist ist, um an ihrem Van eine Sonnenstore reparieren zu lassen, die beim letzten Urlaub auf einer Mittelmeerinsel von einem Sturm beschädigt worden ist, wird rasch klar: Die Garage Finger führt sämtliche Arbeiten selber durch: Karosserie, Mechanik, Elektrik, Lack. Nur die Sattlerarbeiten werden auswärts vergeben. Was das bedeutet, ist an den diversen Restaurationsobjekten zu sehen, die, teilweise aufgebockt, in der Garage stehen: Oft müssen grosse, verrostete Karrosserieteile mittels Schweissbrenner herausgetrennt und durch neue ersetzt werden; ein VW-Bus mit Hochdach erhält gerade Scheibenbremsen anstelle der originalen Bremstrommeln, ein anderer ist soeben in alt­modischen Farben neu lackiert worden und strahlt vor sich hin.

Die Arbeit soll Spass machen

Patrick Finger ist längst selber zum Van-Fan geworden, und seine «Regel Nummer eins» lautet: «Wir machen aus jedem Bus das Beste». Das kann ins Geld gehen: 1000, 1500 Stunden für die Totalrestaurierung eines Busses aus den 1960er- oder 1970er-Jahren können da durchaus zusammenkommen. Die Regel Nummer zwei: Die Arbeit soll Spass machen. Ausgehen wird sie jedenfalls nicht: Im Moment sind zehn Busse in der Einstellhalle, sechs in der Werkstatt, und 22 auf dem Vorplatz.

Die simple aber effektive Philosophie hat dazu geführt, dass der Stamm der Kunden laufend zunimmt, und das allein durch Mundpropaganda und natürlich den Internet-Auftritt. Von weit her kommen Leute nach Seftigen. «Gerade war ein Kunde aus dem Bündnerland hier», erzählt Patrick Finger: «Er ist viereinhalb Stunden her- und viereinhalb zurückgefahren, und das nur für einen Service.»

Dass Fingers selber Ferien im VW Bus machen, versteht sich. Patrick Finger staunt dabei immer wieder, welche Emotionen diese Gefährte auslösen: «Man spricht alle an. Die Kinder rennen uns hinterher, Alte erinnern sich an ihre eigenen Ferien im VW-Bus; Junge finden ihn cool.» Und er spricht auch Leute an, die sich offensichtlich viel teurere Wohnmobile oder auch Hotelferien leisten könnten: Ein Kunde Patrick Fingers, der mit seiner Familie im VW-Bus verreist, ist Steffen M. Berger, Chefarzt und Klinikdirektor der Universitätsklinik für Kinderchirurgie am Inselspital Bern. «Vor kurzem haben wir ihn auf der Autobahn überholt», lacht Patrick Finger und gesteht ein, dass sein eigener Bus natürlich einen Motor «mit ein paar PS mehr» im Heck hat. (Der Bund)

Erstellt: 11.08.2014, 13:03 Uhr

Der Samba ist am gesuchtesten

Der erste VW-Bus, abgeleitet vom damals einzigen Volkswagen-Modell, dem Käfer, wurde 1950 vorgestellt und hatte wie dieser einen Vierzylinder-Boxermotor im Heck. Die als T1 bekannten ersten Busse sind die gesuchtesten Modelle, vor allem in der Luxusversion Samba. Gebaut wurde der T1 in Deutschland (bis 1967), in Australien und in Brasilien (bis 1975). 1967 kam der Nachfolger, der T2, auf den Markt.

In Deutschland wurde er bis 1979 gefertigt, in Argentinien bis 1986, in Mexiko bis 1996. In Brasilien wurde die Produktion erst letztes Jahr eingestellt, und zwar aus Sicherheitsgründen: Der T2 hat keine Knautschzone, und Airbags können ebenfalls nicht eingebaut werden.

Die neueren Modelle T3 (1979 bis 1992, noch mit Heckmotor), T4 (1990 bis 2003, mit Frontmotor und -antrieb) und T5 (ab 2003) sind für Sammler und Enthusiasten weniger interessant. (akv)

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