Asylpolitik

«Wir könnten mit den Flüchtlingen grillieren»

Private möchten Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Wegen bürokratischer Hürden scheint dies im Kanton Bern aber noch weit entfernt.

Nadja Schnetzler aus Biel möchte Flüchtlinge aufnehmen.

Nadja Schnetzler aus Biel möchte Flüchtlinge aufnehmen. Bild: Valérie Chételat

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Normalerweise vermietet Nadja Schnetzler ihr kleines Gästehaus mitten in Biel oder bringt dort Freunde und Bekannte unter. Nun würde sie aber die umgebaute Garage mit Badezimmer und einfacher Kochgelegenheit gerne syrischen Flüchtlingen ein paar Monate zur Verfügung stellen. «Wir haben das in der Familie diskutiert, als es hiess, die Schweiz wolle 500 syrische Flüchtlinge aufnehmen. Das ist lächerlich wenig», sagt sie. Deshalb schrieb sie der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) einen Brief. Einerseits habe sie überrascht, dass die Flüchtlingshilfe ihr geantwortet habe, dies sei im Moment nicht möglich. Andererseits verstehe sie, dass alles in geordneten Bahnen ablaufen müsse, sagt Schnetzler. Aber am liebsten wäre sie in die Türkei gefahren und hätte sechs syrische Flüchtlinge mitgenommen. «Das war mein Impuls.»

Man könne auch einer Hilfsorganisation Geld spenden, sagt Schnetzler zu ihrer Motivation, Flüchtlinge privat aufzunehmen. «Aber eigentlich muss uns das etwas nähergehen.» Auch für ihre beiden Kinder im Teenageralter erhofft sie sich wertvolle Erfahrungen aus Begegnungen mit Flüchtlingen. Wenn Flüchtlinge in den Asylheimen lebten, gebe es keinen Austausch. Begegnungsort der Flüchtlinge mit der Bieler Familie wäre der Garten, den sie gemeinsam nutzen würden. «Wir könnten zum Beispiel mit den Flüchtlingen grillieren», sagt Schnetzler.

Grosse Hilfsbereitschaft in Bern

Im Oktober letzten Jahres hat die Schweizerische Flüchtlingshilfe Private aufgerufen, Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen. Schweizweit haben sich 150 Personen mit einem Angebot gemeldet. Ein Viertel der Angebote stammte aus dem Kanton Bern, sagt Stefan Frey, Mediensprecher der SFH. Doch die Umsetzung harzt, deshalb sind auch bei Nadja Schnetzler noch keine Flüchtlinge eingetroffen. Bis jetzt wurden noch keine syrischen Flüchtlinge bei Privaten platziert, im Kanton Aargau soll es zumindest in Kürze so weit sein. «Im Kanton Bern ist es ziemlich komplex», sagt Frey. Aber er wolle niemanden verdächtigen, nicht genug zu unternehmen.

Grundsätzlich begrüsse der Kanton Bern die Unterbringung von Flüchtlingen bei Privaten, heisst es beim kantonalen Migrationsamt. Vor einem halben Jahr wurden die Berner Behörden von der SFH kontaktiert, seither ist das Amt am Abklären. «Form und Machbarkeit tangieren stark die Asylsozialhilfeweisung und die Leistungsverträge mit den Leistungsvertragspartnern des Kantons», schreibt das Amt auf Anfrage. Was dies genau bedeutet, ist nicht klar. Aber eine Gesetzesänderung sei nicht nötig.

Grundsätzlich stellt sich das kantonale Migrationsamt hinter die anderen Kantone und verweist auf die Aussage des Präsidenten der Vereinigung Kantonaler Migrationsbehörden (VKM). Ihr Präsident Marcel Sutter hatte gesagt, es sei leider nicht so einfach, Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen. Das Berner Migrationsamt erachtet es als wichtig, dass es ein gemeinsames Vorgehen der Kantone gibt. «Das Migrationsamt begrüsst, dass der Vorstand der VKM dieses Thema im August besprechen will.» Das Migrationsamt hält fest, dass durch die Aufnahme von Flüchtlingen durch Private eine Entlastung entstehen könnte. Das Bundesamt für Migration prognostiziert steigende Asylzahlen, für 2014 rechnet es mit 24'000 neuen Asylgesuchen. Gemäss dem Verteilschlüssel muss der Kanton Bern 13,5 Prozent der Asylsuchenden übernehmen.

Nicht in jedem Fall muss die Aufnahme von Flüchtlingen in Privathaushalten kompliziert sein. Aus der Notunterkunft Hochfeld beispielsweise wurden in den letzten eineinhalb Jahren mehrere Flüchtlinge im Asylverfahren von Privatpersonen aufgenommen. Die Privatpersonen mussten den Asylsuchenden einen Mietvertrag ausstellen und diesen dem Betreiber des Asylzentrums vorweisen. Dagobert Onigkeit von der Organisation Menschlicher Umgang mit Flüchtlingen bestätigt dies. Die Privatpersonen bekämen für die Aufnahme von Asylsuchenden 350 Franken, 300 Franken für die Miete und 50 Franken fürs Essen.

«Einfach mal machen»

Auch syrische Familien, die seit längerem in der Schweiz leben, haben in den letzten Monaten viele Flüchtlinge privat beherbergt. Die in der Schweiz lebenden Syrer konnten im Rahmen einer Aktion des Bundes Familienangehörige wie Eltern und Geschwister mit deren Kernfamilien in die Schweiz holen. Als der Bund realisierte, dass auf diesem Weg Tausende Flüchtlinge in die Schweiz kommen, erliess er Auflagen und stoppte die Aktion schliesslich. Fortan mussten die syrischen Gastfamilien vorweisen können, dass sie finanziell in der Lage sind, selber für die verwandten Flüchtlinge zu sorgen.

Das Schweizerische Rote Kreuz unterstützte die syrischen Gastfamilien, damit ein grosser Teil der Verwandten trotzdem in die Schweiz einreisen konnte. «Wir bezahlten Flüge in die Schweiz und leisteten subsidiäre Garantien», sagt Markus Mader, Direktor des Schweizerischen Roten Kreuzes. Dafür warf das SRK weit über eine halbe Million Franken auf. Für die Flüchtlingshilfe vor Ort setzte das SRK 5,5 Millionen Franken ein.

Für die Bielerin Nadja Schnetzler steht Geld nicht im Zentrum. «Ich gehe nicht davon aus, dass wir für die Aufnahme von Flüchtlingen entschädigt werden», sagt sie. Die aus Mexiko stammende Frau erinnert daran, dass die Schweiz früher unkompliziert Flüchtlinge aufgenommen hat, etwa in den 1970er-Jahren nach dem Militärputsch in Chile. «Ich bin sehr pragmatisch und finde, man muss einfach mal machen.» (Der Bund)

Erstellt: 15.07.2014, 08:09 Uhr

Syrer in der Schweiz 


Seit Ausbruch des Kriegs in Syrien im Jahr 2011 hat die Schweiz 3000 Asylgesuche
von Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes entgegengenommen. Sie wird bis Ende 2015 zudem 500 besonders verletzliche Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen, meist sind dies traumatisierte Frauen und Kinder. Im vergangenen Herbst hat der Bund überdies 3700 Syrern, die Verwandte in der Schweiz haben, vorübergehend erleichterte Visa gewährt. 2947 von ihnen sind bis Ende Juni eingereist. Von diesen haben 2171 ein Asylgesuch gestellt. Weiterhin dürfen ansässige Syrer Kinder oder Ehepartner als Familiennachzug in die Schweiz holen. Laut einer Sprecherin des Bundesamts für Migration hat der Bundesrat aber keinen Beschluss gefasst, zusätzlich 5000 Vertriebene aus Syrien aufzunehmen, wie dies Medien berichteten. (jho)

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