«Wir kämpfen weiter, aber es ist beschwerlich»

Vor einem Jahr verwüsteten ein Hochwasser und Murgänge das Gasterntal. Doch die Bewohner zuhinterst im wilden Tal geben ihre Sommerexistenzen nicht auf. Freiwillige Helfer bestärken sie in ihrem Entschluss.

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Anita Bachmann@anita_bachmann

Der Kleinbus von Kander-Reisen windet sich die steile, ausgesetzte Strasse durch die enge Chlus empor. Ein gutes Dutzend Senioren nutzen den milden Herbsttag für einen Ausflug ins Gasterntal, das beim Hochwasser im letzten Herbst von der Aussenwelt abgeschnitten wurde. Regen und Schneeschmelze liessen die Kander, die zuhinterst im Gasterntal entspringt, zu einem reissenden Fluss anschwellen. Mitgeführtes Schwemmmaterial verstopfte Brücken, der Fluss trat über die Ufer, flutete den Lawinenschutztunnel und verwüstete Mitholz. Auch das Lötschental auf der anderen Bergseite wurde getroffen.

Im oberen Teil der Chlus zeugt nur noch der weggespülte Wanderweg von der Gewalt des Wassers. Spätestens für die Wandersaison 2013 soll auch dieser Teil des Wegs wieder begehbar sein.

Ein riesiges Geröllfeld

Anders präsentiert sich die Situation zuhinterst im Gasterntal, hinter dem Weiler Selden, wo die Busfahrt endet. Die rechte Kanderseite, wo vorher ein Strässchen zum Berggasthaus Heimritz führte, ist immer noch gesperrt. Die Strasse wurde teilweise von Murgängen weggerissen. Stattdessen führen auf der linken Talseite ein Weg und eine provisorische Brücke aus Holzstämmen über die Kander. Dort breitet sich ein riesiges Geröllfeld aus. Mit den vereinzelten Baumaschinen mutet es an wie eine Baustelle.

Urs Rauber sitzt auf einem Bagger und will noch schnell die Motorkarette mit Kies füllen. «Vorher war hier eine schöne Wiese», sagt er schliesslich auf der Terrasse des Gasthauses. Gegenüber hatte sich ein gewaltiger Murgang gelöst und einen riesigen Schuttkegel hinterlassen. Insgesamt ging im Gasterntal durch Murgänge rund ein Drittel des Kulturlandes verloren. Es sei nicht einfach, wenn man miterlebe, wie schnell man viel verliere, sagt Rauber. Das Heimritz sei für seine Familie eine Sommerexistenz. Rauber führt den Land- und Gastwirtschaftsbetrieb mit einfachen Übernachtungsmöglichkeiten in der fünften Generation.

Unmittelbar nach dem Ereignis seien Zweifel aufgekommen, aber nachher hätten sie sofort wieder daran geglaubt, sagt Rauber. Daran geglaubt, dass man in dieser Wildnis existieren kann. «Wir wissen schon lange, dass wir mit der Natur leben müssen.» Noch im letzten Herbst erstellte der Zivilschutz eine provisorische Fussbrücke, womit das Heimritz wieder erreichbar war. Im Frühling folgte ein Viehtriebweg, den die Landwirtschaftsbetreiber befahren dürfen. Für Gäste des Heimritz gibt es aber keine Zufahrt mehr. Es sei kein Ort, wo jeder hinfahren können müsse, sagt der Kandersteger Gemeinderat Urs Weibel. Man habe die Gegend als Wandergebiet definiert. Die Bäuertgemeinde liess drei neue Brücken bauen, eine davon ist der Alpsteg gleich hinter Selden.

Trotzdem spricht Rauber von Minimallösungen für das Heimritz. «Das Minimum wurde gemacht, für uns wäre etwas mehr besser», sagt er. So sei etwa das Bachbett etwas zurückversetzt worden, nach dem Unwetter floss die Kander unmittelbar am Viehstall unterhalb des Gasthauses vorbei. Jetzt betrage die Distanz 25 Meter, was dem erlaubten Mindestabstand entspreche. Dennoch fliesst der Bach jetzt nicht nur näher am Heimritz vorbei, das Bachbett liegt auf dem Schuttkegel auch höher als vorher. «Bei Gewittern hält die Kander uns auf Trab», sagt Urs Rauber.

Lehrlinge bauen Wanderweg

Aber Rauber mag sich nicht nur beklagen. Positiv erlebt hätten sie, dass die Touristen diesen Sommer trotzdem gekommen seien und viele auch ihre Hilfe angeboten hätten. «Es ist eine riesige Solidarität zu spüren», sagt er. Die vielen Freiwilligen gäben ihnen Mut. So etwa die Lernenden der Baufirma Frutiger AG, die zurzeit in einem Lehrlingslager einen Wanderweg zwischen Selden und Heimritz bauen und einen verschütteten Stall wieder instand setzen. Es sei üblich, dass die rund 30 Lernenden im letzten Lehrjahr jeweils in den Genuss einer solchen Woche kämen, sagt Ernst Steinhauer, Lehrlings-Koordinator bei der Frutiger AG. In diesen Lagern würde jeweils etwas Bauliches realisiert, wofür keine Versicherung zahle. Über den Rotary Club Niesen habe er erfahren, dass im Heimritz Hilfe benötigt würde.

«Zukunft Gastere» – für alle

«Wir glauben an die Zukunft», sagt Urs Rauber. Aufgeben sei keine Option, weder für den Gastbetrieb noch für die Landwirtschaft. Beides gehöre zusammen, man müsse mit dem weitermachen, was vorhanden sei. «Wir kämpfen weiter, aber es ist ein beschwerlicher Weg.»

Das Heimritz ist der letzte Gastbetrieb im Gasterntal und wirkt nach dem Hochwasser noch abgelegener. Bei Selden, wo zwei weitere Gastbetriebe sind, wird nun eine Hängebrücke realisiert, damit die Wanderer nicht weiter unten Richtung Lötschenpass abbiegen. «Das Heimritz gehört zum Gasterntal, das bis zur Mutthornhütte reicht», sagt Gemeinderat Weibel. Der Gastwirtschaftsbetrieb sei zudem gegenüber vorher nicht eingeschränkt, der Landwirtschaftsbetrieb wegen des Kulturlandverlusts hingegen schon. Das Entwicklungsprojekt Zukunft Gastere, mit der Erschliessung des Gebiets und der Vermarktung lokaler Produkte als Ziel, habe seine Gültigkeit – auch für das Heimritz.

Nach wie vor gibt es aber viel Arbeit aufgrund des Hochwassers. «Die Aufräumarbeiten werden für uns auch im nächsten Sommer weitergehen», sagt Urs Rauber.

Der Bund

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