Wie die Zulg Bern fast zum Verhängnis wurde

Nach dem Beinahe-Hochwasser vom Mittwochabend hat sich die Lage in der Berner Matte am Donnerstag wieder entspannt. Doch Experten warnen: Da das Wetter weiterhin unbeständig bleibt, hält die Hochwassergefahr in den kommenden Tagen an.

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Die Gewitterwolke, die sich am Mittwoch über dem Eriz entlud, war eindrücklich: Zehn Kilometer hoch war das Ungetüm. Entsprechend gross war auch die Regenmenge, die innert kurzer Zeit über dem Gebiet niederging und Bäche und Wasserläufe anschwellen liess. Die sonst so zahme Zulg führte um 16 Uhr rund 2,7 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Um 17.20 Uhr waren es 190 Kubikmeter. Die Abflussmenge hat sich damit versiebzigfacht. Die Folge: Eine gewaltige Flutwelle bahnte sich ihren Weg nach Steffisburg und Heimberg, wo die Wassermassen schliesslich in die Aare mündeten und den Fluss zwei Stunden später in Bern bedrohlich ansteigen liessen.

Mit 415 Kubikmeter pro Sekunde lag die Abflussmenge der Aare beim Berner Schönausteg nur knapp unter der Schadensgrenze von 420 Kubikmeter. Dass es nicht zum Äussersten gekommen ist, ist auch dem Regulierungskonzept zu verdanken, das laut Kanton gegriffen hat.

Aare bis Schwäbis rückgestaut

Ausgehend von den sehr hohen Messwerten, die die Station an der Zulg an die Zentrale des AWA in Bern übermittelte, sei der zu diesem Zeitpunkt zu 70 Prozent geöffnete Hochwasserstollen in Thun geschlossen worden, sagt Bernhard Schudel, Leiter Gewässerregulierung beim kantonalen Amt für Wasser und Abfall (AWA). Die Durchflussmenge wurde innert einer halben Stunde sukzessive gedrosselt, der Stollen war eine halbe Stunde später – sprich um 18 Uhr – vollständig geschlossen.

Dass die Messstation Schwäbis zwischen 17.30 und 18 Uhr dennoch ein Ansteigen der Aare-Abflussmenge um fast ein Fünftel auf 390 Kubikmeter pro Sekunde registriert hat, erklärt Schudel damit, dass es bei Heimberg zu einem Rückstau gekommen sei, den die Wassermasse aus der Zulg verursacht habe: Das aus dem Thunersee abfliessende Aarewasser wurde vom Zulgwasser bis zur Messstation Schwäbis zurückgestaut und hat dort über die Pegelstandanzeige eine vermeintlich höhere Abflussmenge suggeriert.

Gewitterwolke blieb an Ort

Ob Zufluss, Rückfluss oder Abfluss: Eine Frage bleibt. Hat man diese Wassermassen denn nicht vorhersehen können? Die Wetterlage sei derzeit «schwierig und unberechenbar», sagte Adrian Stolz, Meteorologe bei Meteo Schweiz. Es sei zwar damit zu rechnen gewesen, dass es «entlang des Alpennordhangs» zu Gewittern kommen werde. Doch auch mit der modernsten Technik sei es nicht möglich, die genauen Gebiete zu erfassen. So habe nicht ermittelt werden können, dass sich die Gewitterwolke im Eriz entladen würde, so der Meteorologe. Dass im Eriz innert kurzer Zeit derart grosse Mengen an Regen gefallen seien, habe nicht nur mit der Grösse der Gewitterwolke zu tun gehabt, sondern auch mit dem schwachen Höhenwind. Weil es am Mittwoch wenig Wind gehabt habe, sei die Gewitterwolke nicht «verfrachtet» worden, sagt Stolz. Dies mit dem Resultat, dass punktuell sehr viel Regen gefallen sei. Bereits einige Kilometer vom Eriz entfernt sei es trocken gewesen.

Das gleiche Phänomen hat am Dienstag im Raum Zürich beobachtet werden können. Während bei der Messstation Zürichberg ein Wert von 51 Millimetern gemessen wurde, fielen im fünf Kilometern entfernten Kloten lediglich 17 Millimeter.

Erhöhter Brienzersee-Pegel

Und das Wetter bleibt vorerst unbeständig, besonders in der Deutschschweiz ist mit weiteren Gewittern zu rechnen. Für dieses Gebiet hat Meteo Schweiz bis heute Vormittag eine Wetterwarnung herausgegeben. Allerdings wird der Wind gemäss Stolz zunehmen, sodass sich die Regenmengen auf grössere Gebiete verteilen sollten.

«Die derzeitige Lage erfordert eine erhöhte Wachsamkeit», sagte gestern auch Bernhard Schudel. Dennoch sei nach Absprache mit den Einsatzkräften der Stadt Bern der Entlastungsstollen wieder geöffnet worden. Die Durchflusskapazität liegt derzeit bei 70 Prozent. Gleichzeitig mit der Regulierung des Aarewasser-Abflusses müssen die Behörden nämlich auch den Thuner- und den Brienzersee im Auge behalten. Der Brienzersee hat gegenüber dem Thunersee einen erhöhten Wasserstand. Die Schleusen am Brienzersee sind vollständig geöffnet. «So konnte der Pegel seit Dienstag um 25 Zentimeter gesenkt werden.» Der Entlastungsstollen in Thun muss nun seinerseits verhindern, dass der Thunersee unkontrolliert ansteigt.

Auch Erdrutsche möglich

Obwohl die Pegel der beiden Seen gestern Abend 52 (Thunersee) beziehungsweise 59 Zentimeter (Brienzersee) unter der Schadensgrenze lagen, ist die Hochwassergefahr noch nicht gebannt, wie Edith Oosenbrug vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) bestätigte. Allerdings sei es schwierig, abzuschätzen, wo im Bernbiet die Gefahr am grössten ist. Dies, weil es fast nicht möglich sei, die Gewitter genau vorauszusehen. Klar sei aber, dass es derzeit nur wenig brauche, dass kleinere Flüsse und Bäche über die Ufer träten.

Nicht nur die Seepegel seien wegen des gefallenen Niederschlags und des vielen Schmelzwassers hoch, sagt Oosenbrug. Auch die Böden seien mittlerweile sehr nass und könnten kaum noch neues Wasser aufnehmen. Aufgrund der durchnässten Böden sei durchaus möglich, dass es in den nächsten Tagen auch zu Erdrutschen kommen könnte, sagte Oosenbrug. (Der Bund)

Erstellt: 06.07.2012, 06:50 Uhr

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