Interview

«Wichtig ist: Weder zu nervös noch zu ruhig»

Der amtierende Berner Festsieger Claudio Capelli freut sich auf das 75. Eidgenössische Turnfest – auch weil es ein Heimspiel wird.

Claudio Capelli war als Kind zum ersten Mal dabei und bestreitet nun als gestandener Mann sein viertes Turnfest.

Claudio Capelli war als Kind zum ersten Mal dabei und bestreitet nun als gestandener Mann sein viertes Turnfest. Bild: Adrian Moser

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Claudio Capelli, wie erklären Sie einem Laien die Faszination des Eidgenössischen Turnfestes?
Faszinierend ist vor allem, dass der Anlass so riesig ist und dass Spitzen- und Breitensportler gemeinsam ein Fest feiern. Vielen, die einmal dabei waren, hat es den Ärmel reingezogen. An einem Eidgenössischen sieht man auch, wie unglaublich viele Turner es in der Schweiz gibt und wie viele verschiedene Disziplinen.

Von Aerobic über Geräteturnen bis zu Faustball ist am Turnfest alles zu sehen. Was ist in diesem Gemischtwarenladen das Verbindende?
Die Sportart ist tatsächlich sehr vielseitig. Alle Turner verbindet aber die Freude, etwas mit ihrem Körper zu leisten und Tolles vorzutragen.

Ist die Breite der Sportart ein Grund, warum ein Eidgenössisches Turnfest in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen wird als etwa ein Schwingfest?
Es mag schon sein, dass Schwingen als Nationalsport fassbarer ist – dabei geht es Mann gegen Mann. Das erklärt vielleicht den riesigen Rummel um das Eidgenössische Schwingfest. Ich hoffe aber, dass auch das Turnfest in Biel viele Zuschauerinnen und Zuschauer anlockt.

Turnen ist doch eigentlich auch fast ein Schweizer Nationalsport. Die sportliche Leistung der Spitzenturner ist zudem sicher anspruchsvoller als jene der Kranzschwinger. Und schliesslich gibt es viel mehr Turner als Schwinger in der Schweiz. Warum bewegt das Turnfest dennoch nicht weit über die Turnerkreise hinaus?
Ich weiss es nicht. Wir haben einen riesigen Trainingsaufwand und geben unser Bestes. Wenn ich dann sehe, wie Sportler, die nur halb so viel trainieren, viel populärer sind, ist das manchmal schon frustrierend. Schliesslich musst du aber auf dich selber schauen und mit dem zufrieden sein, was du hast. Unser Sport bietet enorm viel, wir können uns zum Beispiel an Europa- und Weltmeisterschaften messen, was Schwinger wiederum nicht können.

Sind Sie manchmal etwas neidisch auf die Schwinger?
Nein, neidisch nicht. Wir hätten aber natürlich gerne dieselbe Medienpräsenz. Das täte dem Turnsport gut und würde vielleicht sogar wieder steigende Mitgliederzahlen bringen.

Das Bild eines Eidgenössischen Turnfestes ist geprägt von den Grossgruppenvorführungen, wo Tausende von gleich angezogenen Turnern synchron dasselbe machen. Das erscheint Aussenstehenden fast militärisch.
Als grosse Gruppe so etwas auf die Beine zu stellen und tatsächlich synchron zu turnen, ist extrem schwierig. Wenn die Choreografie gelingt, ist es sehr schön zuzuschauen. Mit dem Militär hat das wenig zu tun.

An wie vielen Eidgenössischen Turnfesten waren Sie schon dabei?
Biel ist das vierte. In Bern 1996 war ich noch ein Kind und wusste gar nicht so recht, was das eigentlich ist. Danach war ich in Basel und in Frauenfeld.

Was ist Ihre schönste Erinnerung?
Als ich an der Schlussfeier in Frauenfeld als Turnfestsieger aufs Podest durfte und die vielen Leute mir zujubelten, das war ein sehr spezieller, berührender Moment. In unserer Sportart haben wir nicht immer so viele Zuschauerinnen und Zuschauer.

Sie trugen sechs Jahre lang den Titel Turnfestsieger. Was brachte Ihnen das?
Am Anfang war ich gefragt in den Medien, das Interesse der Öffentlichkeit liess dann aber schnell wieder nach.

Wurden Sie nicht mit Sponsorenanfragen überhäuft?
Nein, überhaupt nicht. Das gibt es in unserem Sport nicht so.

Sind die Turner diesbezüglich zu wenig engagiert? Sie persönlich haben zwar eine Website, die ist aber veraltet, und auf Facebook sind Sie auch nicht sehr aktiv.
Möglicherweise kümmern wir uns zu wenig um unsere Selbstvermarktung. Meine Website wird aber jedenfalls demnächst erneuert.

Was ist Ihr Ziel für dieses Turnfest?
Das erste Ziel, dass ich nach einer Verletzung überhaupt turnen kann, habe ich schon erreicht. Ich werde am Samstag sicher zum Kunstturnwettkampf an sechs Geräten antreten. Und wenn ich antrete, dann möchte ich immer auch gewinnen. Das wird aber sehr schwierig, es gibt ein paar gute Konkurrenten.

Als Titelverteidiger stehen sie unter Druck.
Ja, die anderen setzen sich meistens zum Ziel, den amtierenden Turnfestsieger zu schlagen. Wichtig ist, dass ich weder zu nervös noch zu ruhig bin.

An den Europameisterschaften in Moskau im April sind sie ganz knapp an einem Diplom vorbeigeschrammt. Sie haben das danach als einen der bittersten Momente in Ihrer Karriere bezeichnet. Haben Sie immer noch daran zu beissen?
Nein, unterdessen konnte ich das wegstecken. Ein Fehler beim letzten Element am letzten Gerät, das war schon brutal. Niederlagen gehören aber zum Sport. Eigentlich sollte ich mich über den 9. Rang im Mehrkampf freuen.

Man spricht häufig von der «Turnerfamilie». Was versteht man darunter?
Ein spezielles Zusammengehörigkeitsgefühl. Aus Freude, mit anderen Menschen zusammen zu sein, unternehmen die Turner ganz viel gemeinsam. Man fühlt sich auch anderen Vereinen verbunden, obschon man sie gar nicht näher kennt. Und die lange Tradition des Turnens verbindet uns sicher auch.

Haben Sie als Spitzensportler überhaupt Kontakt zu Ihrem Verein?
Der BTV Bern ist nach wie vor mein Verein. Ich zeige mich dort so oft wie möglich. Auch den TV Rapperswil, wo ich in der Jugendriege war, versuche ich mindestens einmal im Jahr zu besuchen. Die meiste Zeit bin ich aber hier in Magglingen mit dem Nationalkader zusammen. Seit ich zwölf war, trainiere ich hier.

Auf das Turnfest hin werden die vier Turner-F «frisch, fromm, fröhlich, frei» wieder öfter bemüht. Welche gelten noch für Sie?
Fröhlich und frei zu sein, das ist sicher nicht schlecht.

An Turnfesten fliesst meist viel Alkohol. Befürchten Sie Negativschlagzeilen?
Alkohol gehört zu jedem Grossanlass. Problematisch wird es, wenn einige beginnen, zu randalieren. Beim letzten Eidgenössischen hatten wir diesbezüglich aber kaum Probleme.

Wie halten Sie es mit Alkohol?
Ab und zu ein Glas Wein oder Bier schadet sicher nicht.

Was wird das Spezielle am diesjährigen Turnfest sein?
Aussergewöhnlich ist sicher, dass das Festgelände über mehrere Gemeinden verteilt ist und dass es direkt am See liegt. Ich freue mich sehr, wieder einmal fast zu Hause zu turnen. (Der Bund)

Erstellt: 13.06.2013, 13:35 Uhr

Oberturner der Nation

Claudio Capelli ist ein Aushängeschild der Schweizer Kunstturnerszene. Er ist in Lätti, einem Ortsteil von Rapperswil im Seeland, aufgewachsen. Seit kurzem wohnt er in Biel. Capelli arbeitet in einem 30-Prozent-Pensum für das Bundesamt für Sport im Bereich Sportpolitik/Grossanlässe in Magglingen. Die übrige Zeit trainiert er vor allem – während dreier bis fünf Stunden und an sechs Tagen pro Woche. Der 26-Jährige zählt bereits 4 Mehrkampf- und 21 Schweizer-Meister-Titel im Einzel (Boden, Sprung und Barren) zu seinem Palmarès. Vergangenen Sommer erreichte er an den Olympischen Sommerspielen in London den Mehrkampffinal und belegte Rang 17. Daneben nahm er seit 2005 an je drei Welt- und Europameisterschaften teil. Damit turnt Capelli in derselben Liga wie der legendäre Sepp Zellweger. Beim letzten Eidgenössischen vor sechs Jahren in Frauenfeld wurde Capelli Turnfestsieger. Er gehört dem BTV Bern an.

Region Biel im Ausnahmezustand

Diesen Donnerstag beginnt in Biel das 75. Eidgenössische Turnfest. Der grösste und älteste Breitensportanlass der Schweiz wird seit 1832 durchgeführt. Dieses Jahr werden 60000 Turnende (darunter 17'000 Jugendliche) und 120'000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Geturnt wird in 100 Disziplinen und Kategorien. Höhepunkte des ersten Festwochenendes sind die Eröffnungsfeier heute Abend, der Kunstturnwettkampf am Samstag und die Jugendschlussfeier am Sonntag. Vom 18. bis zum 22. Juni findet zudem jeden Abend auf der grossen Bühne eine «Soirée fantastique» mit Tanz, Magie und Komik statt. Im zweiten Teil des Turnfestes, vom 20. bis zum 23. Juni, stehen neben den Wettkämpfen ein Umzug am Samstag durch die Innenstadt und am Sonntag die Schlussfeier im Fussballstadion Gurzelen auf dem Programm. Das Fest hat ein Budget von 18 Millionen Franken und wird alle sechs Jahre durchgeführt.

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