Wenn die Wahlen zur Wall Street werden

In einem Onlinespiel werden mit den Ergebnissen der kantonalen Wahlen gehandelt. Es zeichnen sich klare Tendenzen ab.

Wie an der Börse wird im Internet zurzeit heiss gehandelt. Anstatt um Wertpapiere geht es jedoch um Wahlresultate.

Wie an der Börse wird im Internet zurzeit heiss gehandelt. Anstatt um Wertpapiere geht es jedoch um Wahlresultate. Bild: Keystone

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Wer im Kanton Bern politische Veränderung will, muss sich sputen. Noch bleibt eine Woche, um an den Wahlen vom 30. März teilzunehmen. Glaubt man dem Trend, ist die Sache allerdings seit Wochen geritzt: Die Grünliberalen legen zu, Freisinnige sacken ab.

Zwar existiert auf kantonaler Ebene keine Meinungsumfrage. Anhaltspunkte liefert aber der Prognosemarkt auf www.wahlfieber.ch. Anstelle von Aktien werden hier zukünftige Ereignisse gehandelt, eben die Wahlen in den Grossen Rat. Diese Wahlbörse prognostiziert den Ausgang der Wahlen.

Die Frage: Wie werden die Parteien abschneiden? Für die Händler stehen nicht persönliche Vorlieben im Vordergrund, sondern nur das Wahlergebnis, das zu erwarten ist. Wenn ein Händler den prognostizierten Marktanteil einer Partei für überbewertet hält, verkauft er diese Papiere. Umgekehrt kauft er Aktien einer Partei, wenn er sie für zu tief bewertet hält.

Grünliberale hoch im Kurs

Der gestrige Marktstand: Seit Wochen sind die Trends mehr oder weniger stabil. Die grossen Sieger werden die Grünliberalen sein, die ihren Wähleranteil um 1,58 Prozent steigern werden und auf 5,65 Prozent Wähleranteil gelangen. 2010 erreichten sie 4,1 Prozent. Dann legt die SP zu mit immerhin 0,78 Prozentpunkten und die SVP mit 0,28 Prozentpunkten. Damit werden sich die zwei grössten Parteien im Kanton Bern gut halten können. Die grösste Partei, die SVP, startete bei Börseneröffnung wohl überbewertet und pendelt sich nun bei rund 27 Prozent (2010 26,6) ein; und die SP bei 19,64 Prozent (2010 18,9 Prozent).

Auf Siegerkurs liegen offenbar auch EDU und die Automistischen Linken im Berner Jura. Die BDP hingegen als drittgrösste Partei dürfte ihren aus dem Stand gewonnen, hohen Wähleranteil von 2010 nicht halten können. Die Politbörsianer sagen ihr einen Verlust von 0,33 Prozentpunkten, von 16 auf 15,7 Prozent voraus. Einmal mehr zu den Verlierinnen gehören die Freisinnigen. Ihnen wird ein Verlust von 0,83 Prozentpunkten prognostiziert. Ihre Aktie liegt noch bei 9,51 Prozent (2010 10,3). Und auch die Grünen werden heuer einbüssen müssen: Ihr Wert sinkt um 0,64 Prozentpunkte auf 9,37 Prozent. Ebenfalls verlieren werden EVP, CVP und SD.

Longchamp: «Plausibel»

Natürlich sind diese Werte mit Vorsicht zu geniessen. Das Ganze ist eine Spielerei an der aktuell nur 21 Personen teilnehmen. Insbesondere der rapide, kurzfristige Aufstieg der PSA Anfang Februar (siehe Grafik links) ist nicht zu erklären. Allerdings: Insgesamt decken sich die Zahlen mit einer «Bund»-Analyse vom 15. Februar, die sich auf die Listenverbindungen und möglichen Sitzzahländerungen stützt. Und auch Claude Longchamp, Leiter des Forschungsinstituts gfs.bern, beurteilt die Aktienwerte als plausibel.

Zwar bestehe bei einer eher geringen Teilnahme die Gefahr, dass eine kleine Gruppe die Börse beeinflussen könnten, um ihrer Partei zu helfen. Zudem seien die Prognosen statisch. Mögliche Parteientrends würden kaum berücksichtigt. Laut Longchamp sei der Status quo für den Kanton Bern allerdings nicht abwegig. Das Mehrparteiensystem sei gemässigt, eine starke polarisierte Debatte über einen Richtungswechsel habe nicht stattgefunden. Entscheidender seien die regionalpolitischen Zustände in den Wahlkreisen. «Eine gesamtbernische Öffentlichkeit existiert nicht», so der Politologe.

Hält BDP ihre Stärke?

Berücksichtigt man aber auch noch die Schweizerischen Parteientrends, dann machen die Zahlen ebenfalls Sinn. Denn, so Longchamp: «Gesamtschweizersich betrachtet haben zwei Parteien nach den nationalen Wahlen 2011 immer gewonnen: Das sind die Grünliberalen und die BDP. Die SP und die SVP blieben mehrheitlich stabil, wobei die SP 2012 etwas zulegen konnte, 2013 dann aber wieder verlor. Umgekehrt gelte dasselbe für die SVP. Ebenso seien die grossen Verliererinnen die FDP und die CVP.»

Insofern sei die Prognose nachvollziehbar – allerdings mit einem Unterschied: «Im Kanton Bern ist die BDP, die 2010 aus dem Stand 16 Prozent Wähleranteil machen konnte, ein Spezialfall.» National bewege sich die Partei zwischen 6 und 7 Prozent. Die entscheidende Frage sei, ob die BDP ihre Stärke halten könne.

Eine Meinungsumfrage, wie sie das gfs.bern-Institut für nationale Wahlen erstellt, hätte laut Longchamp an dieser Ausgangslage für die Parteienstärken im Übrigen zwar nicht viel verändert. Sie hätte aber den Wahlkampf sicher belebt und für eine fundiertere Analyse mehr hergegeben. Die Überraschung am Wahltag sei nun dafür allenfalls grösser. (Der Bund)

Erstellt: 21.03.2014, 20:01 Uhr

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