Ernährung

Wenn Nahrungsmittel Werte transportieren, statt satt zu machen

Die gesunde Ernährung von Kindern ist heute ein viel diskutiertes Thema. Doch schon früher bissen sich die Schulen am Essen der Kinder die Zähne aus, wie die neue Zeitschrift des historischen Vereins zeigt.

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Die Frage nach dem «richtigen» Essverhalten von Kindern kommt immer wieder auf den Tisch. Unlängst forderte eine Berner Stadträtin, das vegetarische und vegane Ernährungsangebot in städtischen Institutionen auszubauen – was auch einen Einfluss auf städtische Kindertagesstätten hätte. Und auch vor den Schulen macht das Thema nicht halt: Was gehört in eine Znünibox, wie kann die Bewegung der Kinder im Unterricht gefördert werden, wie viel Fleisch – wenn überhaupt – soll in der Kantine auf dem Teller landen? Um diese Fragen drehen sich kantonale Aktionsprogramme und private Initiativen, welche im Kanton Bern seit einigen Jahren existieren. Die Schule soll also regulieren, womit die Gesellschaft zu kämpfen hat: mit Übergewicht und Bewegungsmangel bei Kindern.

Dass die Schule die Essgewohnheiten der Kinder beeinflussen will, ist allerdings nicht neu: Schon vor 200 Jahren wurde versucht, den Kindern auf der hölzernen Schulbank die Bedeutung einer gesunden Ernährung klarzumachen. Die «Berner Zeitschrift für Geschichte» widmet ihre neueste Ausgabe dem Thema – und zeigt, dass die Nahrung weit mehr ist als nur ein Mittel, um satt zu werden.

Mit Rechnen zum gesunden Essen

Ein Blick in uralte Mathematikbücher hilft, den Umgang der Schule mit dem Thema Essen zu erkennen: Denn die Bücher geben Aufschluss über die Kultur, in welcher sie entstanden sind, wie die Autoren der Schrift «Ernährung macht Schule – seit 200 Jahren» schreiben. Dies, weil sie mit lebensnahen Themen operieren und somit aufzeigen, welche Lebensmittel als vermittelnswert und didaktisch sinnvoll angesehen wurden.

Während im 19. Jahrhundert die Rechenbücher erstmals mit Beispielen aus der Welt der Nahrungsmittel angereichert wurden, wurde das Rechnen im darauffolgenden Jahrhundert immer mehr dazu genutzt, den Kindern gesunde und natürliche Lebensmittel schmackhaft zu machen. So wurden Wein und Getreide im Laufe der Zeit vermehrt durch Milch und Früchte ersetzt: «Zunehmend setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch die sekundären Lerneffekte im Rechenunterricht besser kontrolliert und gesteuert werden sollten», schreibt der Mitautor und Herausgeber der Zeitschrift, Lukas Boser.

Und so zeigt sich, dass die Verwendung von Nahrungsmitteln im Unterricht durchaus einen pädagogischen Charakter haben kann. In den Schulzimmern im 19. Jahrhundert wurde etwa noch mit Alkohol und Tabak gerechnet, später jedoch verbannten die Lehrbuchautoren diese aus der Schullektüre – auch, weil mit dem Einsetzen der industriellen Revolution der Alkoholkonsum in der Gesellschaft beachtlich anstieg. «Die 1830er-Jahre gelten in der Literatur international als die Zeit der ‹ersten Schnapswelle›», so die Autoren. Als Gegenreaktion bildete sich daraufhin zuerst in Nordamerika, später in Europa eine Abstinenzbewegung. Im 21. Jahrhundert schliesslich tauchten die Suchtmittel in den Klassenzimmern wieder auf – zu Präventionszwecken.

Kaffee als Dauerbrenner

Anders sieht es beim Genussmittel Kaffee aus: Dieses konnte sich über die Jahre hinweg bis heute im vielen Lehrmitteln halten. Da rechnen am einfachsten fällt, wenn die Rechenbeispiele «nahe an der Lebenswelt der Kinder» sind, lässt sich aus den Mathematikbüchern auch ein Wandel über die Zeit ablesen. So durchkreuzten in den Köpfen der Berner Schulkinder früher Zeppelins die Luft oder Glühbirnen liessen ihr Licht erstrahlen. Später dann, im Jahr 1945, hielten Spaghetti und Ravioli Einzug in die Berner Schulbücher und die Gedankenwelt der Kinder.

Steuermittel Armenspeisung

Nicht nur mit Rechenbeispielen wurden die Kinder mit gesunder Ernährung vertraut gemacht: Auch die sogenannten Schülerspeisungsprogramme trugen zur Beeinflussung der Kleinen bei. Im 19. Jahrhundert kamen Kirchen und Gemeinden für die Finanzierung von Mahlzeiten für die ärmsten Schulkinder auf. Im Winter 1882/83 nahmen im ganzen Kanton über 8'000 Kinder an vergleichbaren Programmen teil, wie aus einem Bericht aus jener Zeit hervor geht. Die Speisungsprogramme waren auch eine sozialpolitische Massnahme, um die Kinder zum Schulbesuch zu bewegen. Man musste Tausenden von armen Kindern «noch immer mit Sprüchen und Lehrsätzen den Hunger stillen, statt mit Brot», zitieren die Autoren die Schulinspektoren, welche 1894 die sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Schulen beklagten.

1904 unterstützte der Bund die Kantone erstmals finanziell bei der Durchführung dieser fürsorglichen Massnahmen – mit einem jährlichen Beitrag von 80 Rappen pro Kind. Die Speisen für die mittellosen Kinder wurden über die Zeit immer gesünder, die Ansprüche an die Qualität des Essens immer höher. Gab es in den Anfängen nur Milch und Brot für die hungrigen Schüler, kamen später Äpfel dazu. Auch hier: Die gesunde Ernährung der Schüler ist ein Dauerthema.

Doch die Schulbehörden mussten auch eingreifen, denn die Versorgung der Schüler war auch für das lokale Gewerbe attraktiv. So stellte die Firma Wander im Jahr 1939 im Berner Schosshaldequartier einen Antrag, den Kindern Ovomaltine auszuschenken. Die Anfrage wurde von der Oberlehrerkonferenz der Stadt Bern ausgeschlagen: aus erzieherischen Gründen («Erziehung zur Nüchternheit und Mässigung»), wie es hiess.

Die «Berner Zeitschrift für Geschichte» BEZG ist das Organ des Historischen Vereins des Kantons Bern und erscheint viermal jährlich. Infos unter: www.hvbe.ch (Der Bund)

Erstellt: 29.09.2014, 15:33 Uhr

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