Wenn Kinder plötzlich reüssieren

Ein grosser Teil der Schüler im Kanton, denen Lehrer die Realschule nahelegen, können doch in die Sek. Ein erstmals durchgeführter Kontrolltest führt zu diesem Ergebnis. Das erstaunt die Behörden und wirft Fragen auf.

In welche Schule geht das Kind künftig? Für viele Eltern ist dies eine alles entscheidende Frage.

In welche Schule geht das Kind künftig? Für viele Eltern ist dies eine alles entscheidende Frage. Bild: Valérie Chételat

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So richtig glücklich ist niemand in dieser Zeit. Die Kinder nicht, die Eltern nicht, die Lehrer nicht. Geht es um den Übertritt von der Primar- in die Sekundarschule, liegen die Nerven vieler Beteiligter blank. Vor allem auch dann, wenn die Beurteilung des Lehrers oder der Lehrerin in eine andere Schultypempfehlung mündet, als sich dies die Eltern für ihr Kind wünschen. Um diese belastenden Auseinandersetzungen zu minimieren, hatten Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und Lehrer sich in der Übertrittsfrage nicht einigen konnten, in diesem Jahr erstmals die Möglichkeit, an einer Kontrollprüfung teilzunehmen, um so allenfalls die Lehrerempfehlung zu korrigieren.

Das Resultat der Prüfungen hat selbst die Verantwortlichen der Erziehungsdirektion überrascht, wie Erwin Sommer, Vorsteher des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung, sagt: Von den 326 Schülerinnen und Schüler im Kanton, die diese Kontrollprüfungen zum Sek-Übertritt absolvierten, weil sich Lehrer und Eltern nicht über die künftige Niveaueinteilung des Kindes einigen konnten, haben es knapp 35 Prozent der Schüler oder 113 Kinder in die Sek geschafft. In die Spez-Sek schafften es 1,2 Prozent oder 4 Schüler. In einigen Gemeinden gelang gar über der Hälfte der an die Prüfung angetrabten Kinder der Sprung in die Sekundarschule. Somit werden sie künftig einen anderen als den von ihren Lehrkräften empfohlenen Schultyp besuchen. So etwa in den beiden Schulgemeinden Muri-Gümligen und Hilterfingen-Oberhofen, in denen 16 Schüler und Schülerinnen zur Prüfung angetreten sind. Auch in der Stadt Bern konnten 33 Prozent der Schülerinnen und Schüler an der Prüfung ihr Niveau heben und gelten nun als Sekundarschüler.

Hohe Ansprüche von Eltern

Nebst den Prüfungsresultaten verbindet vor allem die beiden Schulgemeinden Muri-Gümligen und Hilterfingen-Oberhofen auch sonst so einiges: Beide haben, nebst La Neuveville, die höchste Übertrittsquote von Primarschülerinnen und -schülern in die Sekundarschule. Diese liegt zwischen 70 und 80 Prozent.

Die Eltern in den beiden Gemeinden sind in der Regel gut ausgebildet – entsprechend anspruchsvoll sind dann aber auch deren Bildungsansprüche an die Schule. «Würde es nach den Wünschen der Eltern gehen, müssten wir hier gar keine Realstufe führen», sagt Jean Reusser, Schulleiter der Mittelstufenschule Hilterfingen-Oberhofen.

Auch in Muri ist die Realstufe für viele Eltern keine Option in der Schullaufbahn ihres Kindes, wie Roland Näf sagt. Er ist Schulleiter der Schule Seidenberg – und SP-Kantonalpräsident. Entsprechend schwierig gestalten sich in beiden Gemeinden die Gespräche zum Übertritt der Schüler in die Sekundarschule, wenn sich Lehrer und Eltern nicht einig sind. Nicht selten ist es deshalb in der Vergangenheit zu Rechtsverfahren gekommen.

Schüler sind die Leidtragenden

Von den Kontrollprüfungen haben sich Lehrer und Schulleitungen deshalb eine Entlastung erhofft, sagen die beiden Schulleiter. Indes: Dass 50 Prozent der Schüler nach der Prüfung entgegen der Lehrerempfehlung neu als Sek-Schüler gelten, damit haben die beiden Schulleiter nicht gerechnet. «Eigentlich dachten wir, mit den Kontrollprüfungen den Beleg dafür zu schaffen, dass wir eine zu tiefe Realquote haben», sagt Roland Näf. «Nun ist das Gegenteil passiert. Wir werden künftig eine noch tiefere Realquote haben, sie wird vermutlich bald unter 20 Prozent liegen. Dieser Entwicklung stehe ich ehrlich gesagt etwas hilflos gegenüber.»

Die Leidtragenden in dieser Geschichte sind die Schülerinnen und Schüler. Das zumindest findet Schulleiter Näf. Der Druck auf die Kinder, in die Sekundarschule übertreten zu müssen, werde durch die tiefe Realquote nur noch grösser. Und: «Wenn so wenige Kinder die Realschule besuchen, befinden sich diese viel stärker in einer Sondersituation.» Und gerade in einer Gemeinde wie Muri-Gümligen oder auch Hilterfingen und Oberhofen ist diese Sondersituation für viele Kinder nicht sehr ermutigend.

Der soziale Druck

Denn der Bildungserfolg der Kinder ist in diesen Gemeinden «eine Prestigefrage der typischen Mittelstandsfamilien», wie Roland Näf sagt. Entsprechend gross ist der soziale Druck unter den Eltern, sich am Schulerfolg der Kinder zu messen und ihren Kindern die vermeintlich beste Schullaufbahn zu ermöglichen. Dies, obwohl es heute längstens nicht mehr die geradlinige, typische Berufslaufbahn gibt, die dann auch zum Erfolg führt. «Ich betone immer wieder, dass ein guter Realschüler am Ende weiter kommen kann als ein schlechter Sekundarschüler, doch das kommt gar nicht an», sagt Jean Reusser.

Dass nun über 50 Prozent der Kinder, welche die Kontrollprüfungen machten, doch noch in die Sekundarschule kommen, dafür haben sowohl Roland Näf wie Jean Reusser keine abschliessende Erklärung. Doch sie haben einige Vermutungen: Beide gehen davon aus, dass sich die Schülerinnen und Schüler gezielt durch Nachhilfeunterricht auf die Prüfungen vorbereitet haben. Denn das Kinder während der gesamten Schullaufbahn Nachhilfeunterricht besuchen, ist in den beiden Gemeinden weit verbreitet und normal. «Möglich ist aber durchaus auch, dass die Prüfungen schlicht zu leicht gewesen sind», sagt Roland Näf.

Falsche Lehrer-Beurteilung?

Doch ist dies wirklich der Grund für den Prüfungserfolg der Kinder? Oder lagen vielleicht nicht auch ganz einfach die Lehrkräfte mit ihren Einschätzungen und den daraus abgeleiteten Empfehlung daneben? Sowohl Reusser wie Näf glauben dies nicht. «Ich bin überzeugt, dass die Lehrkräfte kompetent genug sind, um zu beurteilen, ob ein Kind den Anforderungen einer Sekundarschule genügt oder nicht», sagt Näf.

Umstrittener Prüfungsinhalt

Auch bei der Erziehungsdirektion hat man keine Erklärungen dafür, weshalb am Ende 35 Prozent der Schüler den Sprung in die Sekundarschule trotz anderslautender Empfehlung doch noch schafften. «Am meisten wird der Prüfungsinhalt angezweifelt», sagt Erwin Sommer. Verschiedene Schulleiter im Kanton Bern empfänden die Prüfung als zu leicht. «Wir wollten aber bewusst keine reine Abweisungsprüfung schaffen, wie diese der Kanton Aargau kennt, sondern eine faire Situation», sagt Sommer.

Reüssiert haben an den Kontrollprüfungen nebst vielen Schweizer Kindern vor allem auch fremdsprachige Buben. Auch dafür hat man bei der Erziehungsdirektion noch keine Erklärung. Aber: «Wir werden die Prüfungsresultate noch detailliert auswerten und Interviews führen mit Lehrkräften, Eltern und Schülern», sagt Sommer. Der entsprechende Auswertungsbericht zu diesen ersten Kontrollprüfungen soll dann Ende Jahr vorliegen. (Der Bund)

Erstellt: 31.05.2014, 11:06 Uhr

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