«War eine alleinstehende Frau sexuell aktiv, galt sie als verdächtig»

Historikerin Tanja Rietmann hat das dunkle Kapitel administrative Versorgung im Kanton Bern untersucht.

Historikerin Tanja Rietmann hat die administrativen Versorgungen des Kantons von 1884 bis 1980 untersucht.

Historikerin Tanja Rietmann hat die administrativen Versorgungen des Kantons von 1884 bis 1980 untersucht.

(Bild: Valérie Chételat)

Marcello Odermatt@cellmob

Frau Rietmann, am 11. April findet der Gedenkanlass für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen statt. Als Historikerin haben Sie sich in Ihrer Dissertation mit dem Thema beschäftigt. Worum geht es?
Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, aber auch alte Leute, die mehrheitlich aus der sozialen Unterschicht stammten, von staatlich angeordneten Massnahmen betroffen. Damit wollten die Behörden gemäss offizieller Lesart das Leben dieser Leute verbessern. Diese Massnahmen bedeuteten aber oft eine massive Intervention in das Leben und die persönliche Freiheit dieser Menschen. Die Massnahmen, die heute unter dem Begriff fürsorgerische Zwangsmassnahmen gefasst werden, reichten von zwangsweisen Anstaltsunterbringungen über Sterilisationen bis hin zu Kindswegnahmen.

Wie ist es zu solchen Interventionen gekommen?
Die rechtlichen Grundlagen dieser Massnahmen fussen vielfach im Armenrecht des 19. Jahrhunderts. Um die Fürsorgekassen zu entlasten und sie vor «Missbräuchen» zu schützen, wurden Gesetze erlassen, die zum Beispiel zwangsweise Anstaltsversorgungen ermöglichten. In den Anstalten sollten die Leute umerzogen und diszipliniert werden, um nach ihrer Entlassung ein normkonformes Leben führen und ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten zu können. Obwohl die Armutsproblematik vor allem seit den 1950er-Jahren weit weniger ausgeprägt war, griffen die Behörden weiterhin auf diese Rechtsgrundlagen zurück, um allgemein sozial abweichende Verhaltensweisen zu sanktionieren. Im Zentrum standen Begriffe wie «Liederlichkeit» und «Arbeitsscheu». Diese waren sehr vage und liessen sich auf eine breite Palette von unerwünschtem Verhalten anwenden.

In Ihrer Arbeit haben Sie die Situation für den Kanton Bern analysiert. Was haben Sie festgestellt?
In meiner Arbeit habe ich sogenannte administrative Anstaltsversorgungen untersucht. Dies waren Anstaltsversorgungen, die auf der Grundlage kantonalen Rechts verfügt und im Kanton Bern zwischen 1884 und 1980 angewandt wurden. Ein Resultat meiner Untersuchung ist, dass solche Versorgungen mit grosser Regelmässigkeit angewandt und als wichtiges Instrument der Fürsorgepraxis betrachtet wurden. So wurden in dieser Zeit vom Kanton insgesamt 14 489 Versorgungsentscheide verfügt. Wichtig ist hier anzumerken, dass diese Zahl nicht der Zahl der Betroffenen entspricht, da viele Personen im Lauf ihres Lebens mehrere Male administrativ versorgt wurden. Die meisten Entscheide wurde zwischen 1910 und 1940 gefällt. Im Jahr 1914 beispielsweise erfolgten 370 Versorgungsentscheide.

Warum gerade in dieser Zeit?
Als Erklärung können ökonomische Krisenzeiten, schwach ausgebaute soziale Sicherungssysteme und insbesondere auch eine gesellschaftlich ausgesprochen intolerante Haltung gegenüber nicht normkonformen Verhaltensweisen genannt werden.

Um was für Fälle handelte es sich in der Regel?
Insgesamt waren viel mehr Männer als Frauen betroffen. Es waren etwa drei Viertel Männer, ein Viertel Frauen. Dabei existierten geschlechtsspezifische Problematiken. Männern wurde sehr oft missbräuchlicher Alkoholkonsum zur Last gelegt und ein unstetes Arbeitsleben. Bei den Frauen drehten sich die Vorhaltungen in der Regel um sittlich-sexuelle Verfehlungen. Ihnen warf man zum Beispiel ausserehelichen oder vorehelichen Geschlechtsverkehr vor oder allgemein «unsittliches» Verhalten. Es konnte bereits genügen, dass eine Frau alleinstehend war, regelmässig verdiente und sexuell aktiv war, damit sie als verdächtig galt. Generell ging es um das Abweichen von bürgerlichen Wertvorstellungen: regelmässige Arbeit, genügend Einkommen, Fleiss, Enthaltsamkeit. Erst seit den späten 1960er- und in den 1970er-Jahren wurden solche Normvorstellungen verstärkt hinterfragt, genauso wie die autoritären Beziehungsstrukturen, wie sie auf verschiedenen Ebenen vorherrschten.

Wie wurden solche Massnahmen legitimiert?
Legitimiert wurden die Massnahmen mit dem Verweis auf die Fürsorgekassen, deren Gelder es zu schützen galt, oder aber auch mit dem allgemeinen Interesse der Öffentlichkeit, dass individuell-moralisches Fehlverhalten nicht toleriert werden könne. Oft wurde auch angegeben, dass die Massnahmen im Interesse der Betroffenen lägen.

Wer war für die Entscheide über diese Massnahmen verantwortlich?
Im Kanton Bern hat der Regierungsrat darüber entschieden, in der Regel die Polizeidirektion, in einigen Fällen auch die Armendirektion. Die Massnahmen wurden aber auch von der Bevölkerung gestützt, da zum Beispiel die Stimmberechtigten den bernischen Versorgungsgesetzen zustimmten.

Gab es die Möglichkeit, sich dagegen zur Wehr zu setzen?
Im Kanton Bern wurde erst im Jahr 1965 die rechtliche Möglichkeit eingeführt, beim Verwaltungsgericht Beschwerde einzulegen. Zuvor war dies nicht möglich. Als eine der wenigen Möglichkeiten blieb den Leuten der informelle Weg, Briefe zu schreiben und den Regierungsrat zum Beispiel zu bitten, einer Anstaltsentlassung zuzustimmen. Mitunter hatte dies aber gegenteilige Wirkung: Eine Frau beispielsweise, die ohne klare Beweise wegen angeblicher Prostitution administrativ versorgt wurde, schrieb unzählige Briefe an die Behörden. Je mehr Briefe sie schrieb, desto mehr interpretierten die Behörden dies als uneinsichtiges Verhalten, sodass diese Frau von einer Anstalt in die nächste versetzt wurde. Diese Frau war am Schluss 15 Jahre in Anstalten versorgt.

Mit dem erwähnten Gedenkanlass sowie mit einem nationalen Gesetz plant die nationale Politik eine Rehabilitierung dieser Menschen. Ist es richtig, wenn die heutige Gesellschaft über eine frühere urteilt?
Es ist wichtig, dass eine Gesellschaft die eigene Geschichte kritisch aufarbeitet, Stellung bezieht und auf diese Weise sensibilisiert wird für Problematiken, die sich heute wiederholen. Viele Personen, die von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen waren, sind systematisch entrechtet worden. Diese Feststellung wird nicht erst aus heutiger Sicht gemacht. So wurde zum Beispiel bei der Einführung der administrativen Versorgung im Kanton Bern in den 1880er-Jahren von einzelnen Stimmen die klare Kritik geübt, dass die Massnahmen das Grundrecht der persönlichen Freiheit beschneiden würden und das Grundrechtsprinzip der Gewaltenteilung missachten würden. Es handelt sich also nicht allein um eine Beurteilung der Vergangenheit aus heutiger Sicht, sondern bereits damals hat es unterschiedliche Rechtsauffassungen gegeben.

Der Bund

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