Wachstum überall

Der Uetendorfer SVP-Nationalrat Albert Rösti ist einer der grossen Sieger der Zuwanderungsinitiative. Obwohl der Bauernsohn Kulturland schützen will, sollen sich auch die ländlichen Gebiete entwickeln können.

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Herr Rösti, am Sonntag haben Sie im Restaurant Krone in Aarberg in der vordersten Reihe gejubelt. Was steckt hinter dieser Pose?
Die Erlösung nach einer grossen Anspannung, nachdem wir aufgrund der Umfragen lange nicht daran geglaubt haben, dass die Abstimmung zu gewinnen ist. Es ist sonst nicht meine Art, so zu jubeln. Nach einer solchen Abstimmung muss man gemeinsam weitergehen und die Reihen schliessen, das bringt dem Land Stabilität.

Welche Rolle spielten Sie bei der Abstimmungskampagne?

Die Kampagne habe ich nicht geleitet, ich war Mitglied des Initiativkomitees. Ich habe aber recht viele Auftritte wahrgenommen, auch verschiedene Medienauftritte. Es ergab sich so, dass ich für Toni Brunner in die «Tagesschau» musste, danach war ich auch bei Schawinski. Dadurch bin ich etwas mehr in den Fokus gerückt, als dies das Organigramm vorgesehen hätte. Ich bin aber Wahlkampfleiter 2015, und die Zuwanderungsfrage ist eines der Hauptthemen, es war die SVP-Initiative.

Sie haben früh gemerkt, was die Leute im Zusammenhang mit Zuwanderung bewegt, und haben die Zersiedelung thematisiert.
Speziell ist bei mir, dass ich aus der Landwirtschaft komme und der Kulturlandverlust für mich ein Thema ist. Wenn man von den 34 000 Wohnungen für die jährlich 80 000 Zuwanderer ausgeht, entspricht das zweimal der Stadt Thun. Letztlich ging es um die Wertefrage, ob man die Schweiz mitten in Europa zur Grossstadt werden lassen will oder ob wir die traditionelle städtische und ländliche Schweiz mit Tourismus haben wollen.

Am Wochenende sind in Thun und Interlaken zwei Bauprojekte im Sog der Initiative an der Urne bachab geschickt worden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Die Stimmbürger schätze ich so mündig ein, dass sie die Vorlagen auch sonst abgelehnt hätten. Es ist aber ein Signal dafür, dass die Leute nicht mehr bereit sind, das schönste Kulturland zu verbauen. Wenn man am Hartlisberg oben steht, kann man sehen, dass es nicht mehr allzu viel grüne Flächen gibt.

Aber die SVP ist ja nicht für Raumplanung. Sie war gegen die Zweitwohnungsinitiative und das Raumplanungsgesetz und macht auch bei der Kulturlandinitiative der Lobag nicht mit.
Das muss ich zurückweisen, dass die Raumplanung für die SVP kein Thema ist. Das Raumkonzept Schweiz des Bundesrates setzt aber auf drei Metropolitanregionen und die Hauptstadtregion. Dort, wo das Bevölkerungswachstum stark ist, wird weiter verbaut. Das ist genau dort, wo wir die besten Kulturlandflächen haben, im Mittelland. Der ländliche Raum hingegen, der eine weniger starke Prognose in der Bevölkerungsentwicklung hat, soll kaum mehr einzonen können. Damit wird dort die Entwicklung behindert. Die SVP hat ein Raumplanungspapier entwickelt, bei dem ich die Federführung innehatte. Es heisst darin, dass sich der ländliche Raum wirtschaftlich ebenso entwickeln können soll. Von der Haltung, dass im ländlichen Raum geschützte Natur ist und in den Zentren die Arbeitsplätze sind, muss man wegkommen.

Dann finden Sie es gut, wie im Kanton Bern Raumplanung betrieben wird? Jede Gemeinde macht Raumplanung für sich.
Wir sind damit einverstanden, dass man nicht für mehr als 15 Jahre einzonen können soll. Aber letztlich soll es in der Autonomie jeder Gemeinde liegen, dass sie sich entwickeln kann, wenn sie das Potenzial hat. Grössere Infrastruktur und Verkehr muss man kantonal und national planen. Wenn ländliche Gemeinden aber kaum mehr Flächen für Wohnraum einzonen dürfen, wäre das eine Abwärtsspirale für die dezentralen Regionen. Gleichzeitig würden die Dichteprobleme in den Zentren noch grösser.

Jede Gemeinde verfolgt diese Entwicklungsstrategie. Ich nehme an, Uetendorf, wo Sie Gemeindepräsident sind, will auch wachsen.
Wir sind eine Agglomerationsgemeinde. Aber auch Boltigen zum Beispiel sollte mässig wachsen, solange wir insgesamt ein Bevölkerungswachstum haben. Das macht mehr Sinn, wenn jede Gemeinde eine Entwicklungsmöglichkeit hat, als dass sich alles nur auf die Zentren konzentriert. Darin unterscheidet sich die Grundkonzeption der SVP von der Grundstrategie des Raumkonzepts Schweiz. In den Zentren ist es schon viel zu dicht, und auf der A 6 haben wir Stauprobleme. Jeder Arbeitsplatz, der im Oberland oder Emmental erhalten bleibt, verursacht weniger Verkehr und den Gemeinden Entwicklungsmöglichkeit. Mit der Zuwanderung hat es für die Zentren immer noch genug Leute.

Die SVP hat das Thema Zersiedelung und Kulturland für sich entdeckt, und das Rezept, das sie anbietet, ist Wachstum überall.
Jede Gemeinde soll sich entwickeln können. Eine dezentrale Besiedelung ist besser als eine Konzentration auf die vier Zentren - solange wir ein gesamtes Bevölkerungswachstum haben. Für den Kulturlandschutz sehen wir aber verschiedene Massnahmen. Wir wollen eine klare Waldabgrenzung, und es soll nicht auf Kosten von Fruchtfolgeflächen renaturiert werden. Die Dörfer sollen sich nicht immer weiter ausdehnen, sondern sollen vorerst nach innen verdichtet werden.

Diese Argumente decken sich mit der Kulturlandinitiative der Lobag, der Grünen und der BDP. Sollte die SVP da nicht mitmachen?
Ich unterstütze die Kulturlandinitiative der Lobag. Ein Grossteil des Lobag-Vorstandes sind SVP-Mitglieder, die mit der Kulturlandinitiative auf die BDP und die Grünen zugegangen sind, um eine breite Basis zu finden. Ich persönlich wollte sogar ins Komitee, aber sie wollten keine einzelnen Leute. Doch es gibt auch in unserer Partei Gewerbetreibende, die vor fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten warnen.

Genauso, wie sie fürchteten, nicht mehr genug Arbeitskräfte zu finden. Mit den ausländischen Arbeitskräften stellen Sie es sich so vor: Sie arbeiten hier, ohne sich niederzulassen und die Familie nachzuziehen, und haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen.
Das ist sehr pointiert. Die Familien können ja wie die Saisonniers auch befristet kommen. Auf meinem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb hatten wir immer ausländische Arbeitskräfte. Sie haben für ihre Verhältnisse gut verdient und konnten damit in ihrer Heimat etwas aufbauen. Aber es kann nicht sein, dass die jungen Arbeitskräfte der süd- und osteuropäischen Länder in die Schweiz kommen und dann hierbleiben, dann fehlen sie dort. Damit geht es diesen Ländern noch schlechter, der Sog wird noch grösser. Praktisch gleich, wenn auch auf höherem Niveau, verhält es sich innerhalb der Schweiz zwischen dem ländlichen und dem städtischen Raum. Eine Bergbauerfamilie soll deshalb etwa auch eine Ferienwohnung oder einen Nebenerwerb betreiben können, statt in die Stadt zu ziehen. Für die Gesamtentwicklung ist das besser.

Vor kurzem wurden Sie als möglicher Nachfolger von Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP) genannt. Würden Sie sich zur Verfügung stellen?
Nein, das ist im Moment kein Thema. Offenbar wird aber meine politische Arbeit geschätzt. Es ist aber vor allem darum kein Thema, weil wir auf eidgenössischer Ebene für die Wahlen 2015 flächendeckende Listenverbindungen mit der FDP anstreben 2011 war das leider nicht möglich.

Trotzdem erleben Sie gerade ein Hoch. Nach Ihrem Rücktritt als Direktor der Milchproduzenten kam Ihre Karriere ins Stocken.
Der «Bund» hat das geschrieben, ich sei in den Niederungen der Gemeindepolitik angekommen. Im Moment läuft es gut, das hat aber nicht direkt mit der Abstimmung über die Masseneinwanderung zu tun, sondern eher damit, dass ich verschiedene Mandate ausüben darf, so auch die Wahlkampfleitung 2015. (Der Bund)

Erstellt: 12.02.2014, 06:50 Uhr

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