Von Partys und Drogen hat er noch lange nicht genug

Der Chemielaborant Daniel Allemann testet seit 16 Jahren für Partygänger Drogen auf ihre Zusammensetzung.

Allemann testet ganz nüchtern Drogen auf ihre Zusammensetzung.

Allemann testet ganz nüchtern Drogen auf ihre Zusammensetzung.

(Bild: Manu Friederich)

Beamte arbeiten von 9 Uhr bis 17 Uhr, heisst es. Daniel Allemann, Labormit­arbeiter des bernischen Kantonsapothekeramts, arbeitet regelmässig von 17 Uhr bis 9 Uhr. Zehnmal im Jahr besucht der 59-Jährige zusammen mit Sozial­arbeitern ausgewählte Technopartys. Vor Ort analysiert er für die Besucher Partydrogen wie Ecstasy, Speed und Kokain auf ihre Zusammensetzung. Ein 59-Jähriger, der an Partys Drogen testet, das muss ein schräger Vogel sein. Vielleicht ein wirrer Chemiker, der eine etwas gar grosse Faszination für illegale Substanzen verspürt? Weit gefehlt. Allemann begrüsst freundlich, spricht ruhig und argumentiert klar. Er rauche nicht einmal Zigaretten, sagt er: «Für einen Suchtmenschen wäre die Analyse von Drogen die falsche Tätigkeit.»

Allemann ist gelernter Chemielaborant, hat in der Krebsforschung gearbeitet und gilt heute als Pionier in Sachen Drug-Checking – so der englische Fachausdruck für die Substanzanalyse von illegalen Drogen. Vor 16 Jahren war er am schweizweit ersten Drug-Che­cking-­Projekt beteiligt. Es hiess Pilot E und kam durch eine Zusammenarbeit zwischen dem Kantonsapothekeramt der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (GEF) mit der Suchthilfestiftung Contact-Netz zustande. Allemann entwickelte extra für dieses Projekt ein mobiles Labor, welches noch heute – in weiterent­wickelter Form – im Einsatz ist.

«Der Labor­blick ist unvollständig»

Allemann hatte aber schon zuvor erste Erfahrungen mit Drug-Checking gesammelt: Als er Anfang der 90er-Jahre noch für das Pharmazeutische Institut der Universität Bern tätig war, betreute er eine Pharmazeutin bei ihrer Doktorarbeit. Diese habe herausfinden wollen, welche Qualität das Heroin hat, das auf der Gasse konsumiert werde, erinnert er sich. «Unser Problem war, an den Stoff heranzukommen.» So entschied er sich kurzerhand, ein Praktikum im Fixerstübli zu machen. «Die Junkies gaben mir dann ein bisschen von ihrem Heroin, und ich teilte ihnen im Gegenzug das Ergebnis der Analyse mit.» Gleichzeitig entwickelte sich bei ihm auch ein Interesse für die Sicht der Konsumenten. «Der Labor­blick ist unvollständig», sagt er. Die Wirkungen von Drogen liessen sich nicht rein pharmazeutisch erklären.

Als vor 16 Jahren Pilot E startete, sorgte es für grosse Diskussionen. Mittlerweile geniesst Allemann aber in Fachkreisen grosse Anerkennung für seine Pionierarbeit. Ein Poster zu Drug-Checking, das er gestaltet hat, wurde an einem Fachkongress prämiert. Und auch in der Politik stösst seine Tätigkeit heute auf grosse Akzeptanz. Bei der Bekanntgabe des neuen Projekts Drogeninfo Bern plus (siehe Kasten) am letzten Mittwoch waren jedenfalls kaum kritische Stimmen zu vernehmen. Unumstritten ist Allemanns Engagement aber noch immer nicht. «Ich kann nachvollziehen, dass Leute das Gefühl haben, Drug-Checking animiere zum Drogenkonsum», sagt er. Er stehe aber «voll und ganz» hinter dem, was er mache.

Überblick über den Martk

Den Nutzen der Drogenanalyse sieht er gar nicht in erster Linie bei der Identifikation von gefährlichen Substanzen. «Die Dealer haben kein Interesse, die Konsumenten umzubringen», sagt er. Das Drug-Checking biete die Möglichkeit, frühzeitig einen Überblick über die Entwicklung des Drogenmarktes zu bekommen. Zudem strahle etwa die Seriosität des Labors auf die Prävention über. «Diese wirkt dank des technischen Equipments glaubwürdiger.» Nicht zuletzt sei es aber auch schlicht und einfach ein facettenreicher Job, der ihm Spass bereite. Er schätze etwa die Arbeit in einem interdisziplinären Team. «Wichtig ist mir auch, dass meine Tätigkeit einen direkten Nutzen hat und nicht bloss von der Wissenschaft beachtet wird.» Ans Aufhören denke er deshalb noch lange nicht.

Manchmal hat er es aber auch satt, «den Nanogrammen hinterherzurennen». Diese seien lediglich eine Meldung auf dem Computer. «Man sieht sie nicht, man riecht sie nicht», sagt er. Er könne deshalb nicht, «wie ein Maurer», nach getaner Arbeit auf sein Werk blicken. «Das vermisse ich manchmal.» In solchen Momenten greift er jeweils nach dem Fotoapparat und schiesst ein paar Bilder. Das Fotografieren ist nämlich, neben den Drogen, seine zweite grosse Leidenschaft.

Der Bund

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