«Vom Aussenseiter zum Präsidenten»

Interview

Nach dem jüdischen Kalender beginnt heute das Jahr 5775. Zwischen Neujahr und dem höchsten Feiertag Jom Kippur liegt eine Zeit der Einkehr und Besinnung – Zeit für ein Gespräch mit Ralph Friedländer, der seit Mai die Jüdische Gemeinde Bern (JGB) präsidiert.

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Markus Dütschler

Ein gutes Neues, Herr Friedländer. Weshalb feiern die Juden am heutigen Tag Neujahr?
Rosch Haschana bedeutet das Gleiche wie auf Italienisch «capo d’anno»: Kopf des Jahres. Heute beginnt das Jahr 5775, gerechnet ab der Erschaffung des Menschen nach dem biblischen Bericht.

Der Feiertag ist aber nicht immer am gleichen Datum.
Er bewegt sich, aber nicht so stark wie der Ramadan bei den Muslimen. Unser Kalender ist lunisolar, berücksichtigt also Sonne und Mond.

Am 3. Oktober folgt Jom Kippur, 
der höchste jüdische Feiertag. Worum geht es bei Jom Kippur?
Übersetzt wird es als Versöhnungstag. Übers ganze Jahr, aber besonders zwischen Neujahr und Jom Kippur, soll der Mensch sein Leben in Ordnung bringen, anderen vergeben und für sich um Vergebung bitten. Es heisst, dass Gott entscheidet, wen er ins Buch des Lebens schreibt. Darum wird 25 Stunden lang gefastet, auch kein Wasser getrunken.

Ihre Eltern sind nicht gläubig. Verstehen sie sich trotzdem als Juden?
Aber sicher. Es ist möglich, Atheist und Jude zu sein.

Vor dem Hintergrund des nichtreligiösen Elternhauses erstaunt 
Ihr Interesse am JGB-Präsidium.
Meine Vorgängerin Edith Bino fragte mich, ob ich es eines Tages übernehmen würde. Als ich merkte, dass es für meine Kandidatur eine breite Unterstützung gibt, sagte ich zu. Viele sahen in mir eine unparteiische Person. Für mich war es wie ein Traum: vom Aussenseiter und Nichtmitglied zum Präsidenten.

Im Judentum lassen sich Religion, Kultur und Ethnie kaum auseinanderhalten. Wie definieren Sie sich?
Es hat tatsächlich verschiedene Aspekte. Die religiöse Dimension wurde für mich erst in jüngerer Zeit wichtig. Nur Gelehrsamkeit und eine Affinität zu Bildung wäre mir heute zu wenig. Ich finde es wichtig, dass nicht nur die Kultur, sondern auch die religiöse Tradition weitergegeben wird. Die Rituale geben mir eine grosse Ruhe, besonders der Sabbat.

Der arbeitsfreie Samstag war Vorbild für den christlichen Sonntag und den muslimischen Freitag.
Es heisst, der regelmässig wiederkehrende Wochenfeiertag sei ein Geschenk der Juden an die Menschheit. In Asien kannte man das bisher nicht, aber jetzt gibt es auch dort Bestrebungen, ein Wochenende einzuführen.

Den Wert mancher Rituale kann man auch wissenschaftlich erklären.
Tatsächlich macht die UNO eine Kampagne für regelmässiges Händewaschen, weil dies entscheidend hilft, die Verbreitung von Krankheiten zu verhindern. Im Judentum galt immer die Vorschrift, sich rituell die Hände zu reinigen.

Sie haben an verschiedensten Orten der Welt gelebt. Suchten Sie dort jeweils den Kontakt zu Juden?
Ja. Ich besuchte Synagogen und jüdische Vereinigungen, auch Israeli-Clubs, deren Mitglieder oft nicht religiös sind. Das hat mir den Einstieg in die fremde Gesellschaft enorm vereinfacht.

Als Genfer, Tessiner und Deutschschweizer verkörpern Sie geradezu perfekt die «idée suisse».
Ich fühle mich in allen drei Landesteilen zu Hause und bin trilingue.

Die JGB ist eine Einheitsgemeinde. Alle Strömungen sollen Platz finden. Erzeugt das keine Spannungen?
Die hat es immer wieder gegeben. Wir versuchen, nicht ausschliesslich einen Mittelweg zu gehen, der alle gleichermassen frustriert, sondern unter einem Dach Verschiedenes anzubieten. So gibt es einen Frauengottesdienst oder einen Familiengottesdienst, in denen Frauen und Männer nicht getrennt sitzen.

Im JGB-Monatsbrief vom August teilten Sie der Gemeinde mit, es gebe mehr antisemitische Äusserungen und Drohungen. Wie sehr hat sich die Gefahr verschärft?
Es hatte mit der Gaza-Demonstration in Zürich zu tun. In dem Zusammenhang gab es auf Facebook hetzerische Beiträge, in denen auch die JGB als Ziel genannt wurde. Das ebbt jeweils wieder ab, aber völlig sorglos sind wir nie.

Die Berner Synagoge geniesst wegen der Bewachung der US-Botschaft vis-à-vis einen «Kollateralschutz».
Das mag sein, aber es ist kein Bestandteil des Pflichtenhefts der dortigen Sicherheitsleute.

Wie oft erklären Sie den Leuten, 
das Sie nicht der Pressesprecher der israelischen Regierung sind?
Seit Jahrzehnten werden Juden in Europa auf Vorgänge im Nahen Osten angesprochen. Ich habe mir angewöhnt, über die JGB Auskunft zu geben, aber nicht über die Lage im Nahen Osten.

Als Privatmann haben Sie aber bestimmt eine Meinung.
Ich bin über die Berichterstattung über den Konflikt nicht immer glücklich. Es gibt einen Aggressor, der klar die Zerstörung Israels als Ziel formuliert – und einen Staat, der überleben will. Man darf das nicht auf die gleiche Stufe stellen. Das bedeutet nicht, dass ich alles bejahe, was die israelische Regierung tut. Juden in aller Welt gehören zu den kritischsten Beobachtern Israels.

Es gibt evangelikale Israel-Fans, die Judenmission befürworten oder gegen Muslime hetzen. Trotzdem wollen Sie vermehrt nichtjüdische Gönner für die JGB finden.
Mir ist klar, dass es eine Gratwanderung ist. Wir arbeiten mit allen Religionen konstruktiv zusammen, so im Haus der Religionen, und distanzieren uns von islamophoben Äusserungen. Ich glaube aber, dass die Mehrheit auch der von Ihnen genannten Gönner und Sympathisanten unsere Haltung teilt, die auf gegenseitigem Respekt beruht.

Der Bund

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