Unterstützte der Bieler Gymnasiast eine Terrorgruppe?

Ein 19-jähriger Jordanier, der in Biel aufgewachsen ist und das Gymnasium besucht hat, sitzt in Kenia in Haft – wegen Terrorverdacht. Am Mittwoch stand er vor Gericht.

Al-Shabaab-Milizen in der Nähe von Mogadiscio: Hat der Gymnasiast aus Biel mit der Terrorgruppe gekämpft?

Al-Shabaab-Milizen in der Nähe von Mogadiscio: Hat der Gymnasiast aus Biel mit der Terrorgruppe gekämpft? Bild: Keystone

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Abgekämpft wirkte M. N.*, als er sich gestern mit seiner kenianischen Anwältin im Malimani Law Court in der Hauptstadt Nairobi verteidigte. Der eher schmächtige 19-Jährige mit Brille erinnerte weniger an einen islamistischen Gotteskrieger als an den Kantonsschüler am französischsprachigen Gymnasium in Biel, der er bis vor etwas mehr als einem Jahr gewesen war. Damals war der eben erst Volljährige abgetaucht. Sein Verbleib blieb unklar – bis er vor kurzem in die Fänge einer kenianischen Anti-Terror-Einheit geriet.

Zum Gerichtstermin gestern war es gekommen, weil die Strafverteidigerin beantragt hatte, M. N. sei aus der Haft zu entlassen. Richter Paul Biwott lehnte dies nach einer kurzen Anhörung ab. Er schickte M. N. zurück in das Industrial Area Remand Prison. Im Gefängnis, laut früheren Medienberichten überfüllt und in prekärem Zustand, muss der in der Region Biel Aufgewachsene mindestens zwei weitere Wochen verbringen. Sollten sich die Vorwürfe gegen ihn erhärten, bleibt er gar Monate oder Jahre in Kenia hinter Gittern.

Wie ein Polizeireporter von vor Ort dem «Bund» berichtet, wird M. N. vorgeworfen, er sei Mitglied einer Terrorgruppe, der somalischen Al-Shabaab-Milizen, und er habe sich widerrechtlich in Kenia aufgehalten. Vor einer Woche habe der Angeklagte ein Geständnis abgelegt, das er aber widerrief.

Bei Bombardement verletzt

Der 19-Jährige war nach einem angeblichen Fluchtversuch mit einem Mietauto in einer Unterkunft im Zentrum Nairobis festgenommen worden. Dort soll er sich vor der Polizei versteckt haben, die nach ihm und mutmasslichen Mitstreitern wie dem deutschen Terrorverdächtigen Ahmed Khaled Müller fahndete. Gemäss einem Polizeireport, aus dem der kenianische Journalist zitiert, waren M. N. und ein Somalier namens Edogal gemeinsam aus Somalia in die kenianische Hauptstadt gelangt. Im Vorort Eastleigh, in dem viele somalische Flüchtlinge leben, hätten sie sich medizinisch behandeln lassen wollen. Die beiden seien im Nachbar- und Bürgerkriegsland bei einem Bombardement verletzt worden. Die Sicherheitskräfte hätten aber von der geplanten Verarztung und vom Aufenthalt erfahren und zugegriffen.

Reisepapiere zeigen, dass M. N. am 23. Februar des vergangenen Jahres in Kenia eingereist war. Sein Visum lief Ende April 2011 aus. Was er in mehr als einem Jahr unternommen hat, ist weitgehend unbekannt. «Er kann nicht erklären, was er einige Zeit lang hier tat», sagt ein kenianischer Offizier. Er ist überzeugt, dass M. N. in dieser Zeit nach Somalia reiste und nun in Kenia weitere Ausländer für den Bürgerkrieg rekrutieren wollte.

In seinem Blog hatte der junge Mann (vermutlich bereits 2007) geschrieben: «Die Vereinigten Staaten wollen in Somalia eine neue Front im – wie sie es nennen – Krieg gegen den Terror eröffnen.» Dazu stellte er ein Foto, das höchstwahrscheinlich Al-Shabaab-Milizionäre während einer Kampfpause zeigt. Gegenüber der Boulevardzeitung «Blick» bestritt vergangene Woche ein Anrufer aus Kenia, der M. N. gewesen sein soll, dass er ein Terrorist sei. Er habe in Kenia nur Ferien gemacht, sei entführt worden und habe monatelang an Cholera und Malaria gelitten.

Kein konsularischer Schutz

Das Eidgenössische Departement des Äusseren (EDA) ist nicht in den Fall involviert. M. N. besitzt keinen Schweizer Pass. Er ist Jordanier und hat in der Schweiz die Niederlassungsbewilligung C. «Der konsularische Schutz», erklärt EDA-Sprecher Pierre-Alain Eltschinger, «kann Schweizer, liechtensteinischen und österreichischen Bürgern sowie Staatenlosen und Flüchtlingen mit schweizerischen Reiseausweisen gewährt werden.»

Die Schweizer Botschaft in Nairobi darf sich demnach nur am Rande mit den mehreren Migranten aus der Schweiz beschäftigen, die in Somalia in den Jihad gezogen sind. Fälle von Schweizer Staatsangehörigen, die Gleiches taten, sind bislang nicht bekannt. M. N. steht ohne konsularischen Schutz vor Ort da, weil Jordanien in Kenia nicht vertreten ist.


* Name der Redaktion bekannt. (Der Bund)

Erstellt: 24.05.2012, 06:42 Uhr

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