Ueli Seiler ist im Schlössli nicht mehr genehm

Ein halbes Jahrhundert war er im anthroposophischen Schlössli Ins die Vaterfigur, nun ist Ueli Seiler als Seminarleiter fristlos entlassen worden – weil er sich aus Sorge um den Verlust alter Werte Neuerungen widersetzt.

Nach 34 Jahren als Leiter der Bildungsstätte Schlössli Ins trat Ueli Seier Ende 2006 zurück. Jetzt wurde er als Seminarleiter entlassen.

Nach 34 Jahren als Leiter der Bildungsstätte Schlössli Ins trat Ueli Seier Ende 2006 zurück. Jetzt wurde er als Seminarleiter entlassen. Bild: Manu Friederich (Archiv)

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Das Schlössli Ins ist vielen ein Begriff: Die vor sechzig Jahren von Ruth («Müeti») und Robert («Ätti») Seiler gegründete Schul- und Heimgemeinschaft ist eine weit herum bekannte und geachtete anthroposophische Lebens- und Bildungsstätte. Im Laufe der Zeit ist die Institution zum veritablen Inser «Dorf im Dorf» geworden und beherbergt derzeit 52 Schulkinder – neben externen Kindern und Jugendlichen, die die Schlössli-Schule besuchen. In seinem Leitbild rühmt sich das Schlössli Ins unter anderem als «eine sich stets weiterentwickelnde Gemeinschaft», in der «gegenseitige Achtung und Wertschätzung, Ehrlichkeit, Eigenständigkeit und Authentizität» wichtig seien – wodurch man «immer wieder das Vertrauen zueinander finden» könne.

Dieses gegenseitige Vertrauen scheint derzeit allerdings arg erschüttert zu sein – zumindest auf Führungsebene: Ueli Seiler, 71-jährig, Sohn des Schlössli-Gründerehepaars, der seit fünfzig Jahren hier wirkt, die Heimstätte 34 Jahre leitete und seit seinem Rücktritt als Gesamtleiter Ende 2006 immer noch das Seminar für Sozial- und Heimpädagogik betreut, ist von der jetzigen Schlössli-Leitung entlassen worden – bereits Mitte Juni. Dies zeigen zwei dem «Bund» vorliegende Mail-Kopien der jetzigen Schlössli-Leiterin Elisabeth Steiner an die Mitarbeitenden. Darin werden diese zum Stillschweigen verpflichtet.

«Frontalangriff auf Leitung»

Weil Seiler «zur Rettung der alten Schlössli-Werte» schon Anfang April «einen Aufstand angekündigt» habe und plane, «die Mitarbeiterschaft zu spalten und aufzuwiegeln», und weil er ihre Führungsqualitäten infrage gestellt und «einen Frontalangriff» auf die Schlössli-Gesamtleitung gestartet habe, erhalte er die Kündigung und werde «per sofort freigestellt», steht in den Mails. Seiler werde also «nicht mehr als Seminarleiter oder Mitarbeiter in den Höfen und Häusern, die vom Verein Schlössli Ins gemietet sind, verkehren». Allerdings: Als Präsident der Stiftung Seiler, die die rund zwanzig Schlössli-Häuser verwaltet, hat Ueli Seiler weiterhin alle Schlössli-Schlüssel im Sack. Es ist also nicht so einfach, ihm den Zugang zu «seinem» Schlössli generell zu verwehren.

Elisabeth Steiner hielt im Mail immerhin fest, der an einer Vorstandssitzung getroffene Entlassungsentscheid ändere nichts an ihrer «Wertschätzung und Achtung gegenüber Ueli Seiler und an seiner geleisteten Arbeit». Es gehe jedoch nicht an, dass ein Mitarbeiter «über so lange Zeit mit seinem unloyalen Verhalten den Betrieb, vor allem die Arbeit mit den Kindern, dermassen untergräbt und unsicher macht».

«Es wurde menschlich kalt»

In einer «Richtigstellung» schrieb Seiler den Mitarbeitenden daraufhin, er habe passiv zuschauen müssen, «wie die Schlössli-Werte von Quartal zu Quartal in den Morast eines sogenannten professionellen, bürokratischen, staatsgläubigen Betriebes versanken». Die «ehemalige Schicksals- und Lebensgemeinschaft Schlössli Ins» sei «zur Arbeitsorganisation degradiert» worden: «Das Private durfte nicht mehr mit Beruflichem vermischt werden. Im Schlössli wurde es menschlich kalt.» Die fristlose Kündigung bezeichnete er als Angriff auf seine Integrität: «Mich wie einen Verbrecher zu behandeln, ist eine Verletzung meiner Persönlichkeitsrechte.» Und er vertrat die Ansicht, dass «nur ein neuer Vorstand die Krise im Schlössli überwinden kann.»

In einem offenen Brief gab er später seiner Hoffnung Ausdruck, dass der Konflikt «nicht auf der Ebene der Mitarbeitenden ausgetragen» werde. Und er betonte, er habe das Schlössli nie in alte Zeiten zurückversetzen wollen: «Wer mich kennt, weiss, dass ich ein progressiver Mensch bin. Ich will, dass das Schlössli sich zu seinen geistigen Wurzeln vorwärtsentwickelt. Dafür braucht es Mitarbeitende, die dies auch wollen. Das ist bitter nötig, denn ein Baum ohne Wurzeln ist nicht lebensfähig.»Zuvor hatte Seiler in einem Memorandum rund zwanzig Massnahmen aufgelistet, die konkret umgesetzt werden müssten – mit ihm als Berater. Denn immerhin habe er sein ganzes Leben der Schlössli-Gemeinschaft gewidmet: «Das Schlössli ist auch mein Lebenswerk. Seit fünfzig Jahren arbeite ich in dieser Institution. Zuerst als Lehrer, dann zusätzlich als Hausvater und Heimleiter, jetzt als Seminarleiter. Das Schlössli ist für mich seit meiner Kindheit eine Herzensangelegenheit. Ich will mich auch in der Gegenwart und Zukunft mit vollem Herzen für das Schlössli einsetzen.»

Suche nach «gütlicher Lösung»

Ob und wie die jetzige Schlössli-Leitung dazu Hand bieten wird, ist allerdings ungewiss. Elisabeth Steiner liess gestern auf Anfrage aber immerhin durchblicken, man befinde sich «in einem laufenden Prozess» – mit dem Ziel, «eine gütliche Lösung» zu finden. Auch Ueli Bichsel, Präsident des Vereins Schlössli Ins und «seit 35 Jahren eng mit dem Schlössli verbunden», wiegelt ab: «Die nun an die Öffentlichkeit gelangten Schreiben mögen für Aussenstehende brisant sein, doch wir sind daran, eine interne Lösung zu finden.» Ueli Seiler sagte gestern nichts: Der Schlössli-Vorstand habe ihm eine Redeverbot auferlegt. (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2013, 06:28 Uhr

Das Erbe der Familie Seiler

«Werde, der du bist – wir helfen Jugendlichen, das zu werden, was sie eigentlich schon sind»: So umschrieb Ueli Seiler im Dezember 2006 im «Bund» das pädagogische Credo im Schlössli Ins. Dieses war 1953 von seinen Eltern Robert «Ätti» und Ruth «Müeti» Seiler-Schwab gegründet worden. Robert war Lehrer der Gesamtschule Reust, Ruth Bauerntochter aus Kerzers. Kennen gelernt hatten sie sich in der Kommunistischen Partei, aus der sie später allerdings austraten. Sie fühlten sich zum anthroposophischen Gedankengut Rudolf Steiners hingezogen und gründeten «ein Heim für Kinder, die es schwer haben», wie Ätti Seiler vor seinem Tod 2001 schrieb. 1972 übergaben Ruth und Robert Seiler das Schlössli ihren Söhnen Ueli und Michel. Michel übernahm dann den Emmentaler Berghof Stärenegg, der aus dem Schlössli herausgewachsen war.

Ueli Seiler trat 1963 als Lehrer in die Schlössli-Schule seiner Eltern ein und übernahm 1972 die Gesamtleitung. Auch neben der Schule war sein Engagement gross: So lancierte er etwa die Volksinitiative für freie Schulwahl im Kanton Bern (1978–1983), war Mitbegründer von Peter Zubers Aktion für abgewiesene Asylsuchende (AAA), die damals das Kirchenasyl initiierte. Und zehn Jahre war er als rot-grüner Politiker Vizepräsident der Freien Liste – in der Zeit, als diese mit Leni Robert und Benjamin Hofstetter zwei Regierungsratssitze eroberte. Ueli Seiler-Hugova unterrichtet auch immer noch als Pädagogik-Gastdozent an der Fachhochschule für Sozialtherapie in Prag. (wd)

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