Trotz unterschiedlicher Meinungen harmoniert es im Zirkus Harlekin

Das Clown-Paar stammt aus Russland, das Zirkusorchester aus der Ukraine. Gibt es Konflikte wegen der Krim-Krise? Nein, sagen alle vier. Engagierte Diskussionen gibts aber schon – auch während des «Bund»-Besuchs.

Trotz Krim-Krise keine Misstöne: das Clown-Duo Slobi aus Russland umrahmt von Mitgliedern der ukrainischen Zirkuskapelle.

Trotz Krim-Krise keine Misstöne: das Clown-Duo Slobi aus Russland umrahmt von Mitgliedern der ukrainischen Zirkuskapelle. Bild: Adrian Moser

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Aus dem Zugfenster sieht man das Harlekin-Zelt in der Ebene stehen, als wäre ein Ufo gelandet. Die Haltestelle Neubrück ist ein Perron neben der eingleisigen Strecke. Rundherum gibt es putzige Häuschen. Würde man alles im Massstab 1:87 verkleinern, ergäbe das die perfekte H0-Märklin-Anlage. Am ersten Tag nach der Ankunft hoben die Kamele den Kopf, wenn das BLS-Züglein vorbeiratterte. Jetzt nicht mehr. «Is Swezij» seien die Kamele, sagt der Mitarbeiter aus Belarus, der sie betreut, «aus Schweden».

Der Boden ist nass und weich, die Tiere werden es beim Kreisen in der Manege sofort merken. Der Oberländer Zirkus war noch nie in diesem Emmentaler Dorf. Ob die Leute kommen? «Sie kennen uns noch nicht», sagt Pedro Pichler, der den Zirkus mit seiner Geschäftspartnerin Monika Aegerter vor 22 Jahren ins Leben gerufen hat. «In der Branche gab man uns zwei Jahre», sagt der Direktor und lacht. Er ruft einen Teil der ukrainischen Zirkuskapelle in den Barwagen, auch das Clown-Ehepaar aus Russland. Der Besucher komme wegen der Krim-Krise. «Er will wissen, ob das ukrainische Orchester nicht mehr für euch spielen will», erklärt Pichler. Nein, zwischen ihnen gebe es keine Probleme.

«Ich habe oft in die Ukraine telefoniert», sagt Vadim, der Kapellmeister. Die Leute hätten ihm gesagt: «Es stimmt nicht, was bei euch berichtet wird.» Vadim, der gut Deutsch spricht, glaubt, die Hintergründe zu kennen: Die USA hätten bereits die UdSSR zerstören wollen. «Ukrainer und Russen sind Brüder, doch Amerika will, dass wir Feinde werden.»

Gestenreicher Disput – kein Streit

Im Hintergrund diskutieren der russische Clown und der ukrainische Posaunist angeregt und gestenreich. «Ich sage nicht, dass Putin alles richtig macht, aber das hat er gut gemacht», sagt der Kapellmeister über den Krim-Coup. Der Besucher ist überrascht: Wer ist hier der Ukrainer? Vadims Meinung unterscheidet sich von jener des Posaunisten, auch wenn beide aus der Stadt Winnyzja südwestlich von Kiew stammen.

«Putin schätzt die Leute in der Ukraine», sagt der russische Clown auf Deutsch. «Es ist normal, dass eine Regierung etwas für ihre Landsleute tut.» Die jetzige ukrainische Regierung bestehe aus «Banditen» und sei «illegitim».

Nun wird das auf Russisch geführte Gespräch etwas chaotisch: Ein Heckenschütze in Kiew erhalte 40 000 Dollar pro Abschuss, Demonstranten auf dem Maidan bekämen Geld, und in der dort verteilten Suppe habe es Drogen. Alle Regierungen in der Ukraine seien korrupt gewesen, Janukowitsch sei nur der Sündenbock. Was ist mit den russischen Soldaten ohne Abzeichen auf der Krim? Die russische Clown-Frau sagt, ukrainische Soldaten hätten russische Uniformen getragen und strikte Anweisung gehabt, russisch zu sprechen. Es seien Provokateure, die die Menschen aufwiegelten: «Die Menschen haben kein Problem, nur die Politik treibt sie auseinander.» Das zeige sich hier im Zirkus: «Wir arbeiten alle gut zusammen.» Im Westen werde vieles falsch eingeschätzt, etwa Julia Timoschenko, die Frau mit dem berühmten Haarzopf. «Es heisst, gute Frau, aber sie ist schlechte Frau.» Auch im Fall des Kriegs mit Georgien habe man im Westen fälschlicherweise gesagt, die Russen hätten angegriffen. Der Westen liebe drastische Analogien: Jeder Politiker oder Diktator, der dem Westen nicht passe, bekomme das Etikett «Gitler» umgehängt – wie Hitler auf Russisch heisst, weil es im Alphabet kein H gibt.

Keine Konflikte wegen Nation

«Bitte gut schreiben», ermahnt der Clown den Besucher, bevor er sich mit den Kollegen zurückzieht, um Schminke aufzutragen und die Kostüme anzuziehen. Die Vorstellung beginnt. Das Vorzelt, vorher finster und trist, ist hell erleuchtet und riecht nach Popcorn. Die Zuschauer sind zahlreich gekommen, um den neuen Zirkus zu begutachten. Kinder schwenken auf ihren Sitzen bunte Leuchtstäbe, die eine Ukrainerin feilbietet.

Pichler spielt Pedro, den dummen August. Monika Aegerter führt durchs Programm und erbittet für die russischen Clowns einen Applaus: «S Duo Slobi us Rrrrrussland.» Die ukrainische Kapelle schmettert sekundengenau los.

Nach der Vorstellung kommt Pichlers Tochter Nicole in den Barwagen. Sie ist mit einem Ukrainer verheiratet. «Die Lager sind geteilt, jeder glaubt seine eigenen Verschwörungstheorien.» Konflikte gebe es manchmal, sagt sie, aber nie wegen der Nationalität, es seien «normale Arbeitskonflikte – wie überall.» (Der Bund)

Erstellt: 02.04.2014, 10:57 Uhr

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