Stille Schafferin mit Ambitionen

Die Spiezer Gemeinderätin Ursula Zybach wird am Montag zur höchsten Bernerin gewählt. Die SP-Frau hat sich aber auch als Regierungsratskandidatin ins Spiel gebracht.

Ursula Zybach schwingt sich fürs Foto extra auf das Velo.

Ursula Zybach schwingt sich fürs Foto extra auf das Velo. Bild: Franziska Scheidegger

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Frei werdende Ämter und die Verfügbarkeit der Politiker müssten aufeinanderpassen – wie die Löcher eines halbierten Käses, sagt Ursula Zybach. Die Spiezer SP-Grossrätin wird heute zum Beginn der Junisession zur Präsidentin des Grossen Rats gewählt und für ein Jahr als höchste Bernerin amten. Letztes Jahr kandidierte sie als Gemeindepräsidentin von Spiez, die Wahl gegen die SVP-Frau Jolanda Brunner hat sie allerdings verloren. Vor zweieinhalb Monaten wurde sie von der SP Spiez als Nachfolgerin für den Sitz von Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer nominiert. Sie sei in einem guten Alter, sagt Zybach, die in diesem Jahr 50 wird. Bis die nächste SP-Regierungsrätin zurücktrete, dauere es vermutlich lange. Die Möglichkeit für eine SP-Frau Grossratspräsidentin zu werden, sei nach dem üblichen Turnus in acht Jahren.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob sie die logische Grossratspräsidentin ist. Zybach gehört dem Grossen Rat seit 2014 an. Ihr Vorgänger, Carlos Reinhard von der FDP, wurde vor einem Jahr sogar nach nur zwei Jahren Parlamentserfahrung zum Präsidenten gewählt, was für Kritik gesorgt hatte. In der SP-Fraktion gibt es Frauen, die deutlich mehr Jahre auf dem Buckel als Grossrätin haben.

Seit 29 Jahren aktiv in der SP

Bei der SVP sei es nach wie vor Brauch, dass verdiente Grossräte das Präsidium übernehmen würden, sagt Jürg Iseli. Der ehemalige Präsident der Finanzkommission ist seit 12 Jahren Grossrat und wird das Präsidium nächstes Jahr übernehmen. «Bei frischen Grossräten ist es schwierig, sich überhaupt ein Bild von ihnen zu machen», sagt er. Zybach sei in ihrem ersten Grossratsjahr nicht oft ans Mikrofon getreten, und er habe auch sonst nichts mit ihr zu tun gehabt. Nicht gut findet er zudem, dass sie im Präsidialjahr auch Regierungsrätin werden will. «Das ist etwas unfair, weil sie die Repräsentationsauftritte als Plattform nutzen kann», sagt er.

Die in Spiez aufgewachsene Zybach ist seit 29 Jahren Mitglied der SP. Sie habe seit Beginn an «Ämtli» übernommen. In Basel, wo sie aus beruflichen Gründen eine Zeit lang gelebt hatte, liess sie sich auch fürs Kantonsparlament aufstellen, im Kanton Bern amtete sie zuletzt als Partei-Vizepräsidentin, und in Spiez ist sie seit 2012 Gemeinderätin. Doch als Honorierung für ihre Parteiarbeit will sie das Grossratspräsidium nicht verstehen. Auch dass sie von der Partei speziell gefördert wird, ist für Ursula Marti, Präsidentin SP Kanton Bern, nicht zutreffend. Vielmehr gehöre Zybach zu jenen Personen mit einem guten Profil für Führungsämter. Sie sei fachlich kompetent, beruflich und politisch erfahren. «Und sie ist bereit, Führungsämter zu übernehmen», sagt Marti. Ihre Ambitionen auf einen Regierungssitz dürften sie bei der Wahl zur Grossratspräsidentin ein paar Stimmen kosten, sagt Zybach. Ebenso wie die Geschichte um den Berner Marsch. Bis anhin hatte sie sich geweigert aufzustehen, wenn das Lied gespielt wurde (siehe «Bund» vom 16. Mai).

In der Aussenseiterrolle

Seit ein paar Jahren setzt Zybach ganz auf Politik. Ihre langjährige Tätigkeit in der Geschäftsleitung der Krebsliga Schweiz hat sie 2013 aufgegeben. Doch ob ihre Ambitionen, sich beruflich ganz der Politik zu widmen, aufgehen, ist fraglich. Die parteiinterne Konkurrenz für die Regierungsratswahlen ist gross. Neben der Nationalrätin Evi Allemann hat Zybach eine Aussenseiterrolle inne. Wenn es mit der Regierungsratskandidatur nicht klappen sollte, würde sie wieder im Bereich der öffentlichen Gesundheit arbeiten, sagt Zybach. «Im Gesundheitswesen bin ich gut vernetzt.» Zurzeit ist sie Präsidentin des Fachverbands Public Health Schweiz und der Stiftung Stillförderung Schweiz.

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass sich ihre politischen Vorstösse meistens um Gesundheitsthemen drehen. Auch dass sie mit dem Sparkurs des Gesundheitsdirektors Pierre Alain Schnegg (SVP) nicht einverstanden ist, liegt auf der Hand. Ihre Kritik am Regierungsrat ist aber grundsätzlicher. «Es gibt Leute in der Regierung, die sind in Silos unterwegs», sagt sie. Dabei brauche es vielmehr Politiker, die bereit seien, zuzuhören, neue Lösungen zu finden und andere Meinungen zu akzeptieren.

Politik habe sie mit der Muttermilch eingeimpft bekommen, sagt Zybach. Ihr Vater ist ihr Vorvorgänger als Finanzvorsteherin in Spiez und ihre Mutter habe sich für das Frauenstimmrecht engagiert. Obwohl Zybach schon lange politisch tätig ist, ist sie vielen kein Begriff. «Sie ist eine stille Schafferin, die sich nicht aufdrängt», sagt Marti. Doch sie arbeite genau und denke strategisch. Und sie ist nicht verlegen darum, sich in dem Licht zu präsentieren, das ihr als richtig erscheint. Deshalb zwitschert sie locker auf den sozialen Medien und wünscht, für das Pressefoto mit Velo abgelichtet zu werden. Dieses sei nur ihr Transportmittel, sagt sie. Für Hobbys scheint ihr vorerst wenig Zeit zu bleiben. Denn im Käse hat es gerade viele Löcher. (Der Bund)

Erstellt: 06.06.2017, 06:52 Uhr

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