«Statt am Patienten findet die Pflege zunehmend am Computer statt»

Hansueli Albonico, Mitbegründer und Leiter der komplementärmedizinischen Abteilung am Regionalspital Emmental in Langnau, tritt aus Protest zurück.

Tritt zurück: Hansueli Albonico.

Tritt zurück: Hansueli Albonico.

(Bild: Beat Schweizer)

«Unter den gegebenen Umständen» sei es ihm nicht mehr möglich, die komplementärmedizinische Abteilung am Regionalspital Langnau «verantwortungsvoll aufrechtzuerhalten»: Das hat der 64-jährige Hansueli Albonico in seinem Kündigungsbrief geschrieben. Er tritt aus einer gewissen Resignation heraus «mit grossem Bedauern» zurück, wie er sagt, nachdem er diese Abteilung 1997 mitbegründet hatte und sie seither leitet. Denn immerhin: Die Schaffung der Langnauer Komplementärmedizin-Abteilung war für ein Akutspital in der Schweiz eine Pioniertat, die auch landesweit grosse Beachtung fand. Albonico hat diese Abteilung seither persönlich auch geprägt – zusammen mit seinem Ärzte-, Pflege- und Therapeutinnenteam, wie er betont. Und er hätte sie «unter anderen Vorzeichen» ganz gerne auch über die Zeit seiner Pensionierung hinaus noch einige Jahre geleitet.

«Unerträglicher Spagat»

Albonico wirft vor allem deshalb das Handtuch, weil er glaubt, gegenüber den Patientinnen und Patienten und auch in Bezug auf sein Team – dem auch seine Frau Danielle Lemann, Ärztin und ehemalige SP-Grossrätin, mit einem 20-Prozent-Pensum angehört – die Verantwortung nicht mehr übernehmen zu können. Nach dreijähriger Erfahrung mit der Fallpauschalen-Abrechnung (DRG) und neu auch mit dem Swiss-DRG-System stelle er fest, dass dies «zu einem unerträglichen Spagat zwischen der ärztlich-pflegerischen Verantwortung und dem Druck durch die Verwaltung führt». Dieser wirtschaftliche Druck wirke sich vor allem auf die sogenannte «Liegedauer» aus. Dies erschwere gerade in einer derartigen Abteilung mit vielen komplexen Fällen, auch mit psychosomatischen Patienten und mit Sterbenden, eine «ärztlich korrekte und menschliche Behandlung und Betreuung». Oder pointiert gesagt: «Es ist nicht so einfach, Sterbenden vorzuschreiben, sie hätten spätestens am Tag acht zu sterben.»

Sein Team sei sich gewohnt, die Patientinnen und Patienten ausgesprochen individuell zu behandeln – mit umfassenden ärztlichen, pflegerischen und therapeutischen Massnahmen. Doch das Fallpauschalensystem und der damit verbundene betriebswirtschaftliche Druck führten zu einer «Standardisierung, Ökonomisierung und Computerisierung», sodass die Pflege «statt am Patienten zunehmend am PC stattfindet». Dazu kämen die schwierigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen im Kanton Bern, die die Arbeit an der Front zunehmend erschwerten. Als Stichworte nennt Albonico «etwa das Fehlen eines Planungsinstrumentes, die ungelöste Spitaldichte, der verschärfte Konkurrenzkampf mit den Privatspitälern und das Fehlen eines Palliativ-Care-Konzepts für den verantwortungsvollen Umgang mit sterbenden Menschen in den Berner Spitälern».

Dazu kämen die Schwierigkeiten innerhalb der Regionalspital Emmental RSE AG, zu der die Regionalspitäler Burgdorf und Langnau gehören: «In wenigen Jahren hat der Verwaltungsrat zweimal gewechselt, die Direktion fünfmal, der Finanzchef dreimal und die PR-Verantwortliche ebenfalls dreimal.» Dies mache eine nachhaltige Aufbauarbeit schwierig.

«Fehlende Wertschätzung»

Albonico vermisst ein wirkliches Bekenntnis der RSE-Führung zur komplementärmedizinischen Abteilung. Diese sei innerhalb der RSE «das schwächste Glied in der Verdrängungskette» und werde vor allem auch aus Ärztekreisen immer wieder angefochten. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermissten von der RSE-Leitung her denn auch jene Wertschätzung, die sie für die Weiterführung ihres grossen Engagements benötigten.

Nach seiner Ende 2011 erfolgten Kündigung per 30. Juni 2012 (er zieht sich dann voll in seine Hausarztpraxis zurück) erwartet Hansueli Albonico von der RSE-Leitung zumindest Klarheit über die Zukunft der komplementärmedizinischen Abteilung, denn: «Es geht um unsere Patientinnen und Patienten – und um die Zukunftsperspektiven der Mitarbeitenden. Betroffen sind rund ein Dutzend Pflegefachfrauen, etliche Hilfskräfte, zwei Oberärzte mit allerdings sehr kleinen Pensen, zwei Assistenzärztinnen und drei Teilzeit-Therapeutinnen. Sie haben ein Recht darauf, zu wissen, ob und wie es weitergeht. Die Umbaupläne des Spitals Langnau lassen nämlich erahnen, dass da für eine eigenständig funktionierende kleine Komplementärmedizin-Abteilung kein Platz mehr vorgesehen ist.» Derzeit umfasst die Abteilung 8 bis 10 Betten und ist ungenügend belegt – auch wegen «unentschlossener Unterstützung durch die RSE AG und allzu zurückhaltender PR gegen aussen», wie Albonico bedauert.

«Hervorragende Möglichkeiten»

Adrian Schmitter, CEO der Regionalspital Emmental AG, betont dagegen, die Fallzahlen seien im vergangenen Jahr und auch bereits im Januar angestiegen, und man werde an der Komplementärmedizin festhalten. An seiner letzten Strategiesitzung im Dezember habe der Verwaltungsrat dieses Angebot bestätigt.

Albonicos Rücktritt werde er aber erst an seiner nächsten Sitzung am 22. Februar zu Kenntnis nehmen und das weitere Vorgehen beschliessen können. Angesichts des «äusserst fähigen und kompetenten Komplementärmedizin-Teams in Langnau, insbesondere in der Pflege» ergäben sich, «mit einer guten Nachfolge Albonicos», für die Zukunft «hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten».

Der Bund

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