Spitex-Betriebsleiterinnen gehen auf die Barrikaden

Die Kader-Frauen kritisieren das Ausgabeverhalten des Verwaltungsrates. Dieser relativiert die Vorwürfe.

Spitex-Mitarbeitende haben gegen die Sparmassnahmen des Kantons protestiert – nun gilt ihre Kritik aber auch dem eigenen Verwaltungsrat.

Spitex-Mitarbeitende haben gegen die Sparmassnahmen des Kantons protestiert – nun gilt ihre Kritik aber auch dem eigenen Verwaltungsrat.

(Bild: Manu Friederich (Archiv))

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg wählte deutliche Worte: «Es ist nicht Aufgabe des Staates, überdimensionierte Organisationen zu finanzieren», sagte er letzten November in der Spardebatte im Grossen Rat als es um die Spitex ging. In den Spitex-Organisationen gebe es Bereiche, die man aufheben könnte, ohne die Versorgung der Patienten zu gefährden. Als Schnegg dies sagte, waren in der Spitex Bern bereits entsprechende Umwälzungen im Gang.

«Bel-Etage» ausgemistet

So hatte der neue Geschäftsleiter Daniel Piccolruaz den Betriebsmanager entlassen und die sogenannten «Bel-Etage-Reglemente» revidiert, wie er und fünf der sechs Betriebsleiterinnen gegenüber dem «Bund» erklären. Dabei habe man ein Bonusprogramm und eine zusätzliche Ferienwoche für «Managementkräfte» gestrichen.

Zudem seien Einzahlungen an eine zweite berufliche Vorsorgeversicherung für Kadermitarbeiter gestoppt worden. Der Verwaltungsrat hatte Piccolruaz explizit mit dem «Change Management» beauftragt. Der Betriebswirtschaftler sei für die Einführung einer «neuen Führungsstruktur» mit einer «flacheren Hierarchie» verantwortlich, schrieb der Verwaltungsrat in der Medienmitteilung zu Piccolruaz’ Einstellung im Juni letzten Jahres.

Offenbar ging der Manager in seinem Veränderungsdrang aber zu weit. Ende Januar gab der Verwaltungsrat Piccolruaz’ Entlassung per Ende Juni bekannt. Und zu Beginn dieser Woche machte die «Berner Zeitung» publik, dass der Geschäftsführer per sofort freigestellt werde. Die Entlassung führte aber umgehend zu einer Solidarisierung der Spitex-Betriebsleiterinnen mit Piccolruaz. Sie fordern vom Verwaltungsrat einen Rückzug der Kündigung. Zudem soll Verwaltungsratspräsidentin Rahel Gmür pensioniert und der Verwaltungsrat «zweckmässig» besetzt werden. Dabei geht es um die Einbringung betriebswirtschaftlicher Fachkompetenzen in das Gremium aus Juristen, kaufmännischen Angestellten und ausgebildeten Lehrpersonen.

«Zu meinen Beurteilungen zur Spitex stehe ich nach wie vor.»Pierre-Alain Schnegg, Regierungsrat (SVP)

Exorbitante Honorare?

Die Entlassung Piccolruaz’ wurde offiziell damit begründet, dass die Geschäftsführung der Spitex Bern wieder im Rahmen eines Vollzeitpensums wahrgenommen werden soll. Denn Piccolruaz leitet hauptamtlich die Spitex Seeland. An einer in diesen Tagen durchgeführten Informationsveranstaltung für die Belegschaft argumentierte der Verwaltungsrat denn auch, dass das Arbeitsverhältnis mit dem Geschäftsleiter von Anfang an befristet gewesen sei. Dem widerspricht allerdings die erwähnte Medienmitteilung zur Einstellung Piccolruaz’, wonach ihn der Verwaltungsrat «definitiv gewählt» habe.

Der wahre Grund für die Freistellung des Geschäftsführers liegt womöglich woanders. In einem Briefwechsel zwischen den Betriebsleiterinnen mit Verwaltungsratspräsidentin Gmür werden unter anderem das «schwer verständliche Ausgabeverhalten auf Führungsebene» und die «überdimensionierten Overhead-Kosten» kritisiert. Dies sei besonders stossend, weil die Löhne der Pflegefachkräfte an der Front in den letzten Jahren stagniert hätten. Gegenüber dem «Bund» ist etwa die Rede davon, dass die Verwaltungsratspräsidentin ein Honorar von 180'000 Franken beziehe und ein Generalabonnement für die 1. Klasse zur Verfügung gestellt bekomme. Ein solches Honorar wäre im Vergleich tatsächlich exorbitant. Erhält doch etwa die Präsidentin der fünfmal ertragsreicheren Regionalspital Emmental AG ein Honorar von 24'500 Franken.

Präsidentin und Angestellte

Verwaltungsratspräsidentin Gmür nimmt zu den Gründen für die Freistellung Piccolruaz’ und zu den Forderungen der Betriebsleiterinnen nicht Stellung. Sie verweist auf eine Medienorientierung am kommenden Montag. Zur Frage der Entschädigung hält sie aber fest, dass es sich bei den 180'000 Franken um ihren Lohn und nicht um das Honorar fürs Präsidium handle. «Ich bin seit zwölf Jahren bei der Spitex Bern angestellt.» Im Jahr 2016 bestand rund ein Viertel ihres Lohnes aus Entschädigungen aus externen Mandaten. «Diese Beträge kamen direkt der Spitex Bern zugute», sagt Gmür.

Die Querelen zwischen operativer und strategischer Führung haben zu einer grossen Verunsicherung unter den 450 Mitarbeitenden, aber auch unter den Genossenschaftern von Spitex Bern geführt. Diese werden im Mai über eine Wiederwahl des Verwaltungsrates zu befinden haben. Ein Grossteil der Genossenschafter sind Mitarbeitende der Rubmedia AG. «Wir bedauern sehr, dass es zu diesem Zerwürfnis gekommen ist», sagt Pascal Rub. Als Sponsor erwarte Rubmedia, «dass sich allfällige Differenzen in Verhandlung und Dialog überbrücken lassen», hält Rub fest.

Regierungsrat Schnegg wiederum lässt durchblicken, dass er mit seiner Spitex-Kritik in der Spardebatte auch die Spitex Bern gemeint habe. Die Gesundheitsdirektion könne auf die Vorgänge in der Organisation keinen Einfluss nehmen. «Zu meinen Beurteilungen in der Spardebatte stehe ich nach wie vor ohne Vorbehalt», sagt Schnegg.

Der Bund

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