So ne Seich

Schon vor fünfzig Jahren hat Ernst Eggimann den Dialekt aus seinem Blümchenbett geholt. 
Ein Nachruf aus der jüngeren Generation der Mundartaktivisten, die er beflügelte. Und beflügelt, nach wie vor.

«Und i mues blybe»: Eggimann daheim in Langnau am 8. Mai 2009.

«Und i mues blybe»: Eggimann daheim in Langnau am 8. Mai 2009. Bild: Peter Studer

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Am Stubentisch erzählte Ernst Eggimann von den Emmentalern. Sein Langnauer Wohnhaus war umgeben von einem grossen, wilden Garten mit hohen Bäumen. Bäume standen aber auch im Haus: Mitten im Wohnzimmer ragten grosse, rohe Stämme bis unters Dach, und man wusste nicht recht, ob man drinnen oder draussen war, die Übergänge waren verwischt.

Eggimann war ein Zugezogener. Geboren wurde er 1936 in Bümpliz. Nach dem Studium zog er mit seiner Familie nach Langnau, wo er bis zu seiner Pensionierung als Sekundarschullehrer unterrichtete. Er erzählte davon, wie er in den frühen Siebzigerjahren die Langnauer mit einem Gedicht über grüne Kühe vor den Kopf stiess. Die Emmentaler verstanden keinen Spass, wenn ein städtischer Poet berndeutsch über ihre Kühe schrieb. Nachdem er damit sogar im Schweizer Fernsehens aufgetreten war, drehten sich die Leute am Stammtisch nach ihm um, wenn er den Gasthof Bären betrat. Einer sagte: Grüeni Chüe. So ne Seich.

Die kritische Auseinandersetzung mit seiner Wahlheimat kommt in verschiedenen Texten zum Ausdruck, 1981 etwa im Buch «E satz zmitts id wäut»:

hinder der lüdere wone myni vorfahre

em grossvatter sy grossvatter

i ha angscht dört düre z ga

är kenni mi

de heisst er mi ine

i di schwarzi chuchi vor hundert jahr

zeigt mer mi platz

und i mues blybe

Eggimann interessierten die Kräfte in der Mundart, die noch nicht geweckt waren. Die Mundartdichtung war in den Sechzigerjahren im Blümchenmanierismus und im Ton der Balzli-Gotthelf-Hörspiele stecken geblieben. Es war der Berner Pfarrer und Autor Kurt Marti, der es wagte, sie wiederzubeleben. Die Inhalte waren aktuell, ohne Kitsch, die Schreibweise dem Klang nachgebildet. Eggimann war ermutigt, ein vom Schriftsteller Walter Vogt angeregtes Experiment anzugehen, das sie «Modern Mundart» nannten: zuzuhören und die Sprache selbst dichten zu lassen. So entstand eine spielerische, rhythmische Lyrik, die oft die Sprache selbst zum Inhalt werden liess.

Reden und grunzen

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass sich in den Siebzigerjahren Exponenten der freien Musikszene daran machten, Eggimanns Gedichte zu vertonen. Auf der Platte «Reber singt Eggimann» wurde mit Klavier, Schlagzeug, Streichinstrumenten und Schwyzerörgeli lustvoll und virtuos gespielt, gesungen, gesprochen, gegrunzt, gemuht und improvisiert. Die Aufbruchstimmung der Eggimann’schen Lyrik hat in dieser Musik ihr Pendant gefunden.

Mit den zwei im Arche-Verlag erschienen Gedichtbänden «Henusode» (1968) und «Heikermänt» (1971) setzte Eggimann ein Ausrufezeichen in der Dialektliteratur. Sein Spiel mit Rhythmus und Klang der Wörter, mit Auslassungen und Wiederholungen, inspiriert die Spoken-Word-Szene bis heute. Zudem sind seine Texte in dem Sinne politisch, als sie kritisch und aufrührerisch sind und auf stille Weise eine Verweigerungshaltung offenbaren.

Eggimann war Mitglied der Gruppe ­Olten, einer Gruppe namhafter Autoren, die sich 1970 vom reaktionären und ­intellektuellenfeindlichen Schweizer Schriftstellerverein abspaltete. 1986 kandidierte er für die Grüne Freie Liste und sass bis 1997 im bernischen Grossen Rat. Über seinen Entscheid, in die Kantonspolitik einzusteigen, meinte Eggimann: «Als ich Gedichte schrieb, hatte ich immer wieder das Bedürfnis, dem Elfen­bein­turm zu entkommen, um der Wirklichkeit näher zu sein. Nun bin ich Politiker geworden und frage mich manchmal, was bei den Ritualen, die im Rat gespielt werden, mit der Wirklichkeit etwas zu tun hat. Wie, wenn das Dichten doch eine realistischere Tätigkeit wäre?»

Ein Weg, ehrenhalber

Vor vier Jahren zog sich Eggimann gesundheitshalber in sein Haus nach Südfrankreich zurück. 2012 war es ihm möglich, noch einmal nach Langnau zu reisen, wo ihm zu Ehren der Ernst-Eggimann-Weg eingeweiht wurde. Von seiner Krankheit hat er sich nicht mehr erholt. Der berühmte Emmentaler Dichter, der einst von Günter Grass zum Mundartschreiben ermuntert, von Ernst Jandl bewundert wurde und uns Mundartautoren noch heute ein Vorbild ist – am 16. Juni ist er 79-jährig in Frankreich gestorben.

Achim Parterre, geboren 1970, lebt 
als Autor in Langnau. Er ist Mitglied des Spoken-Word-Trios Die Gebirgs­poeten. Sein 2013 prämiertes Hörbuch «Aber hütt» ist eine Hommage an Ernst Eggimann. (Der Bund)

Erstellt: 19.06.2015, 12:12 Uhr

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