So beendete Pulver Oehens Karriere

Valentin Oehen, jahrelang Kopf der rechtsbürgerlichen Nationalen Aktion, passt in kein gängiges Schema. 
Einen Schlussstrich unter Oehens Karriere setzte der heutige Regierungsrat Bernhard Pulver.

Valentin Oehen zu Hause in Köniz.

Valentin Oehen zu Hause in Köniz. Bild: Adrian Moser

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Valentin Oehen polarisiert. Damals wie heute. Seit in der Schweiz über die Ecopop-Initiative gestritten wird, steht nämlich auch das Lebensthema des einstigen Nationalrats der Nationalen Aktion für Volk und Heimat (NA) wieder auf der politischen Agenda: Ökologie und die angeblich ausser Kontrolle geratene demografische Entwicklung. Wogegen nicht zuletzt die Einwanderung beschränkt werden müsse, wie dies eben Ecopop zum Ziel hat. Doch mehr dazu später.

Denn eigentlich – das betont Valentin Oehen allen rechts-braunen Schubladisierungen zum Trotz immer wieder – sieht sich der erste Berner NA-Nationalrat als erster Ökopolitiker der Schweiz. Und darum wird Oehen diesen Satz im Gespräch auch noch ein paar Mal wiederholen: «Eine ökologische Politik ohne Berücksichtigung der Demografie ist nicht möglich.» Er habe bereits dazu publiziert, als noch niemand von den Grünen sprach, so wie es sie heute gibt; geschweige denn feststand, dass diese politisch klar links einzuordnen sind. Von den Grünliberalen gar nicht zu reden, denen er ebenfalls vorwirft, sich an seinem Gedankengut vergriffen zu haben.

Valentin Oehen bietet Wasser mit und ohne Kohlensäure an und hält für das Treffen extra ein Dossier mit alten Streitschriften und aktuell beantworteten Schüleranfragen bereit. In der sonnigen Stube eines grossen Wohnblocks am Rand von Köniz beginnt er zu erzählen. Als wäre es gestern gewesen, sagt Oehen über seinen Abschied aus der Politik: «Es war an einer Sitzung der Ökologisch-­liberalen Partei im Tessin, als uns Herr Pulver sagte: Eine Liste mit Oehen darauf – und ihr fliegt sofort aus den Grünen Schweiz.» Das war vor den Nationalratswahlen 1991, und das definitive Ende der Politkarriere des Valentin Oehen.

«Feigenblatt-Geschichte»

Ab 1987 war der junge Bernhard Pulver nämlich acht Jahre lang Generalsekretär der Grünen Schweiz und führte dabei natürlich auch Gespräche mit Vertretern im Tessin. Und in dieser Funktion soll der heutige Berner Regierungsrat – was die arrivierte Politik zuvor jahrelang nicht schaffte – nebenbei also die Karriere des umstrittenen Rechts-Politikers beendet haben. Dass sich Oehen danach im Tessin trotzdem noch einmal von einem Bündnis Altlinker für eine erfolglose Grossratskandidatur überreden liess, bezeichnet der einstige NA-Nationalrat rückblickend als «Feigenblatt-­Geschichte». Da ein gewisser Giuliano Bignasca zu dieser Zeit ebenfalls eine Protestbewegung namens Lega dei Ticinesi aufbaute, blieb die grüne Splittergruppierung Svolta ecopolitica chancenlos. Heute sagt Valentin Oehen über diese Zeit: «Wenn schon, dann war die Politik der Lega richtig rassistisch.»

Anruf bei Bernhard Pulver: «Mit Herrn Oehen als Person hatte ich nie einen Konflikt, aber mit ihm als politische Figur.» Dass Valentin Oehens Enttäuschung an besagter Sitzung gross gewesen sei, könne er zwar nachvollziehen: «Die Nationale Aktion wurde jedoch in erster Linie durch ihre ausländerfeindliche Politik wahrgenommen.» Und die Grünen hätten sich nebst der Ökologie bereits damals auch für Werte wie Solidarität, Menschlichkeit und soziales Engagement eingesetzt. Woraus Pulver folgert: «Vielleicht realisierte Herr Oehen an dieser Sitzung auch, dass er als Rechtsbürgerlicher – von einigen sogar als Rechtsextremer – statt nur als ökologischer Wachstumskritiker wahrgenommen wurde.» Als Generalsekretär der Grünen Schweiz habe er sich überdies stets auch gegen die Aufnahme weiterer ideologisch geprägter Organisationen gewehrt, etwa der Revolutionär Marxistischen Liga oder der Progressiven Organisation Schweiz (Poch). Und Bernhard Pulver räumt ein, er und die Grünen hätten mit Valentin Oehen durchaus auch Berührungspunkte gehabt, ja sogar Seite an Seite gekämpft. Etwa bei der Weber-Initiative gegen den Ausbau der Nationalstrassen.

Warum wurde Grün links?

Darum die Frage, die sich immer wieder stellt: Warum, Herr Oehen, haben die Bürgerlichen damals das aufkommende Umwelt-Thema an die Linken verloren? Die lapidare Antwort: «Wir von der Nationalen Aktion waren einfach 20 Jahre zu früh.» Und mit einem Schmunzeln fügt der Berner Alt-Nationalrat an: «Und dann nutzten die linken Politiker einfach die Chance besser, die sich zum Beispiel im Kampf gegen die Atomkraft bot.» Dass er ebenfalls an Demonstrationen gegen Kaiseraugst dabei war, werde heute gerne unterschlagen. Erst recht, dass er dafür von den Linken angefeindet, ja einmal sogar tätlich angegriffen wurde. Den bürgerlichen Politikern hält er darum auch heute gern nochmals seinen Lieblingssatz vor: «Eine ökologische Poli­tik ohne Berücksichtigung der Demografie ist nicht möglich.» Auch wenn deren Einsicht bis heute ausbleibe. Bekanntlich empfehlen aktuell alle Parteien, sogar die Mehrheit der SVP-Parlamentarier im Bundeshaus, die Volksinitiative von Ecopop abzulehnen.

Hätte ein Bürgerlicher in der Schweiz Kapital aus der aufkommenden Umweltbewegung ziehen können, dann wohl Christoph Blocher. Ihm wird ja der Kompromiss zur Beilegung des Streits um Kaiseraugst zugeschrieben. Doch Oehen sagt über Blocher: «Staatspolitisch mag ich seine Haltung teilen, das ökologische Sensorium fehlt ihm aber völlig.»

Ewige Suche nach der Partei

Nach einer guten Stunde sind die Gläser auf dem Tisch in der Zweieinhalbzimmerwohnung noch immer unangetastet. Und der 83-Jährige beantwortet jede Frage noch immer minutiös, als wäre alles erst gestern passiert. Zwischendurch fragt Valentin Oehen höflich, ob alles beantwortet und verstanden wurde. «Vieles ist ja schon lange her, das wissen die meisten nur noch vom Hörensagen.»

Oehens Karriere verlief zwar steil, aber kurvenreich. Im Luzernischen geboren, begann seine Berufskarriere an der Forschungsanstalt für Milchwirtschaft im Liebefeld. Dort arbeitete er im milchwirtschaftlichen Kontroll- und Beratungsdienst und in der bakteriologischen Forschung. Nachdem er wegen der Annahme des Nationalratsmandates aus dem Bundesdienst flog, spezialisierte sich der Vater von fünf Kindern auf Bodenbiologie und arbeitete einige Jahre als bodenbiologischer Berater. 1979 kaufte er schliesslich einen Bauernhof und zog im Jahr darauf ins Südtessin.

Politisch wurde Valentin Oehen als Erstes von der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei umworben, arbeitete jedoch einige Jahre für die Christlich­soziale Partei. Nach der Trennung wegen ideologischer Differenzen trat der Geschäftsführer einer Schmelzkäse­fabrik der Partei Junges Bern bei und kandidierte 1970 ein erstes Mal bei Grossratswahlen. Erfolglos – seine ökologisch ausgerichtete Propaganda kam bei der Wählerschaft noch nicht an. Als ­Oehen beim Jungen Bern jedoch für die Schwarzenbach-Initiative votierte, kam es erneut zum Bruch. Kurz darauf wurde Valentin Oehen vom kantonalen Vorstand der Nationalen ­Aktion, noch ohne Mitglied zu sein, als Delegierter für die Geschäftsleitung der NA Schweiz vorgeschlagen. Und bei den Nationalratswahlen 1971 gelang ­Oehen der Sprung in den Nationalrat. Nach dem Rücktritt James Schwarzenbachs und einem unglücklichen Intermezzo mit dem damaligen Basler Grossrat Rudolf Weber wurde Valentin Oehen 1972 Zentralpräsident der Nationalen Aktion und blieb dies bis 1980. In diese Zeit fiel die zweite Überfremdungsinitiative, welche die NA mit umstrittenen Slogans bewarb wie «Eine Million fremder Menschen wird uns als eidgenössischer Verelen­dungs-­Nachwuchs aufgepfropft» oder «Wir handeln. In staatlicher Notwehr». Mit dem Wegzug ins Tessin musste Oehen zwangsläufig nach langen Jahren auch aus Köniz’ Exekutive zurücktreten.

Wie nationalistisch darf es sein?

Ab 1983 stellte die Nationale Aktion mit Valentin Oehen und Markus Ruf in Bern zwei Nationalräte; doch Rufs nationalistische Politik stiess zunehmend auch parteiintern auf Widerstand, und so versuchte die Geschäftsleitung Ruf auszuschliessen. Der Versuch jedoch scheiterte ,und der nationalökologisch orientierte Oehen verliess die Partei. Später wechselte Ruf zum Landesring und wurde schliess­lich abgewählt. Oehen versuchte sein Glück im Bernbiet ein letztes Mal mit seiner neuen Ökologisch Liberalen Partei, blieb 1987 jedoch ebenfalls erfolglos. «Trotz einem beachtlichen persönlichen Resultat reichten die Listenstimmen nicht, und die Partei wurde wie im Wahlkampf versprochen wieder aufgelöst», erinnert sich Oehen.

Nun macht Valentin Oehen zum ersten Mal eine kurze Pause, trinkt etwas Wasser und bilanziert: «Mit einer siebenköpfigen Familie ging ich mit der Politik zwar ein grosses Risiko ein.» Denn Wahlkämpfe seien schon damals «nerv­lich äusserst anstrengend gewesen, besonders in der Opposition». Bis auf vereinzelte Vorfälle seien seine Frau und die Kinder jedoch unbehelligt geblieben von seinen Engagements.

Valentin Oehen gehörte zwar lange zur Politik, blieb aber trotzdem immer Opposition: «Ich bedauere nichts, das Ganze war jedoch ein Dauerabnützungskampf.» Da sei es kein Wunder, dass er nach dem offiziellen Abschied aus der Politik Herzprobleme bekommen habe. Über diese Zeit sagt Oehen: «Ich hatte damals eigentlich bereits abgeschlossen.» Darum will sich der Gründer und langjährige Vizepräsident der einstigen Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungsfragen – wie der 1967 gegründete Verein Ecologie et Population (Ecopop) früher hiess – auch jetzt nicht mehr in der Tagespolitik engagieren. Obwohl Oehen seit ein paar Jahren wieder Mitglied der Schweizer Demokraten ist und unter anderem regelmässig für deren Mitgliederzeitung schreibt. Seine jüngsten Grenzerfahrungen hingegen gibt Valentin Oehen seit Jahren als Natur- und Geistheiler weiter. (Der Bund)

Erstellt: 28.08.2014, 12:51 Uhr

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