Sind die bisherigen Berner Regierungsräte so gut wie gewählt?

Zur Bedeutung des Amtsinhaberbonus bei den Regierungsratswahlen vom kommenden 30. März.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei den Berner Regierungswahlen von Ende März treten gleich alle bisherigen Regierungsräte wieder an. Einige von ihnen schon zum zweiten und dritten Mal, Barbara Egger als Dienstälteste sogar zum vierten Mal, und alle hoffen sie auf den sogenannten Amtsinhaberbonus. Die rot-grüne Regierungsmehrheit tritt gar mit dem Wahlspruch «Bewährte Regierung» im Wahlkampf auf, um diesen Bonus zu unterstreichen. Einzig der Berner-Jura-Sitz ist heiss umkämpft. Es tritt der bisherige Regierungsrat Perrenoud gegen den eher unbekannten SVP-Neuling Bühler an. Können die Bisherigen davon ausgehen, dass sie so gut wie gewählt sind? Und wie viel macht der Amtsinhabervorteil bei kantonalen Exekutivwahlen in der Schweiz konkret aus?

Zur Beantwortung dieser Fragen haben wir sämtliche 71 kantonalen Gesamterneuerungswahlen nach dem Majorzprinzip zwischen 2000 und 2012 analysiert. Von den insgesamt 736 Kandidaturen waren 160 (22 Prozent) Frauen und 576 (78 Prozent) Männer. Weiter entfielen 21 Prozent der Kandidaturen auf die FDP, 19 Prozent auf die CVP, 17 Prozent auf die SP. Erst auf Platz vier folgt die wählerstärkste Partei, die SVP, mit einem Anteil von 15 Prozent. Sie hatte ausserdem auch die geringsten Wahlchancen von den vier wählerstärksten Parteien. Etwa die Hälfte (49 Prozent) der SVP-Kandidaturen scheiterte an dem Versuch, einen der kantonalen Regierungssitze zu gewinnen. Diese Erfolgsquote liegt signifikant unter derjenigen der SP (75 Prozent), der CVP (76 Prozent) und der FDP (83 Prozent) und nur knapp über derjenigen der Grünen (44 Prozent), die aber eine erheblich geringere Stammwählerschaft besitzen als die SVP. Parteilose Kandidaturen hatten es ebenfalls schwer. Indes, acht Kandidaten schafften den Einzug in die Exekutive, ohne die Unterstützung einer Partei zu haben.

Nur 7 Prozent Bisherige abgewählt

Knapp die Hälfte der Kandidierenden (45 Prozent) stellte sich der Wiederwahl, die restlichen 55 Prozent des Kandidatenfelds waren Neukandidierende. Die Wiederwahlrate betrug hohe 93 Prozent. Mit anderen Worten: Nur 7 Prozent der wieder kandidierenden Regierungsrätinnen und -räte wurden abgewählt beziehungsweise traten nicht mehr zu einem allfälligen zweiten Wahlgang an. Noch eindrücklicher ist der prozentuale Bonus, den ein Amtsinhaber gegenüber Herausforderern besitzt. Wenn man für alle anderen möglichen Erfolgsfaktoren kontrolliert, so resultiert immer noch ein «Vorsprung» von 18 Prozent an Wählerstimmenanteilen, den ein Amtsinhaber gewissermassen «von Amtes wegen» im Vergleich zu erstmalig Antretenden aufweist. Das ist deutlich höher als etwa in den USA, wo der Vorsprung bei Kongresswahlen, mit dem ein Amtsinhaber ins Wahlrennen steigt, auf etwa 8 Prozent geschätzt wird, während er bei Präsidentschaftswahlen sogar noch etwas niedriger liegt. Der Unterschied hängt vor allem damit zusammen, dass man sich in der Schweiz nicht bloss zwischen einem demokratischen und einem republikanischen Kandidaten entscheiden muss, sondern es weitaus mehr Wahlmöglichkeiten gibt.

Nach zehn Amtsjahren verblasst

Ein derart grosser Amtsinhabervorteil lässt wieder kandidierende Magistratinnen und Magistraten ruhig schlafen. Denn unter normalen Umständen ist ihre Wiederwahl so gut wie garantiert, selbst dann, wenn ihre Partei bei den zumeist gleichzeitig stattfindenden kantonalen Parlamentswahlen Stimmen einbüsst. Nur Fälle von grober Misswirtschaft oder Skandale gefährden eine Bestätigungswahl. Doch kein (Wahl-)Glück währt ewig. Die Stimmenanteile eines Kandidaten können bei der ersten Wiederwahl zwar rapide ansteigen und sich auch danach noch erhöhen, aber weniger stark als bei der ersten Wiederwahl. Bei etwa zehn Amtsjahren beginnen sie jedoch zu sinken. Zumeist reicht es gleichwohl für eine Wiederwahl, aber ein Glanzresultat zu erzielen, fällt mit zunehmender Amtsdauer immer schwerer.

Weshalb aber schneiden Amtsinhaber regelmässig besser ab als neu kandidierende Herausforderer? Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Zum einen hat dies mit den individuellen Qualitäten von Amtsinhabern zu tun. Sie sind in der Regel die erfahrenen und talentierteren Politiker und setzen sich deshalb regelmässig gegen neue Herausforderer durch. Das häufig vorgebrachte Beispiel des unbesiegbaren Boxchampions veranschaulicht dies wohl am besten: Amtierende Boxweltmeister gewinnen ihre Titelkämpfe deshalb so häufig, weil sie einfach besser sind als ihre Herausforderer. Auf die Politik übertragen, bedeutet dies: Die «Siegerqualitäten», die bereits bei der Erstwahl eines Kandidaten entscheidend waren, werden auch seine Wiederwahl begünstigen – und zwar auch dann, wenn ihm das Amt selbst keinerlei Vorteile verschaffen würde. Zudem versuchen hochkarätige Herausforderer, die einem Amtsinhaber ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen bieten könnten, diesen häufig aus dem Weg zu gehen und treten erst dann an, wenn ein Amtsinhaber zurücktritt. Als Konsequenz davon erwächst Amtsinhabern selten mal wirklich echte Konkurrenz, was sich in der Folge in einer höheren Wiederwahlrate niederschlägt.

Wähler für den Status quo

Schliesslich spielen auch psychologische Ursachen für den Amtsinhaberbonus eine wichtige Rolle. So ist etwa bekannt, dass Wählerinnen und Wähler im Zweifelsfall für den Status quo – bei Wahlen ist dies gleichbedeutend mit der Wiederwahl des Amtsinhabers – stimmen. Zudem ist der Name eines Amtsinhabers in der Regel bekannter als derjenige von Herausforderern. Bei kantonalen Exekutivwahlen, bei welchen man fünf oder mehr Namen auf einen leeren Wahlzettel schreiben muss, spielt der Wiedererkennungswert eines Kandidatennamens deshalb eine wichtige Rolle. Allerdings ist mit fortlaufender Amtsdauer auch mit einem Regierungsverschleiss zu rechnen, der sich in abnehmenden Wiederwahlchancen ausdrückt.

Folgerungen für Berner Wahlen

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Berner Regierungswahlen? Erstens: Die Chancen stehen gut, dass am 30. März 2014 nach der Auszählung der Wahlbezirke im Kanton Bern alle bisherigen Mitglieder der Regierung wiedergewählt werden. Zweitens: Beim entscheidenden Jura-Sitz verfügt SP-Regierungsrat Perrenoud trotz einer für ihn schwierigen Legislaturperiode und teilweise heftiger Kritik an seiner Amtsführung aufgrund seines Bisherigenbonus über die besseren Karten als der neue und im Kanton kaum bekannte Herausforderer. Drittens: Die Bäume wachsen auch für Bisherige nicht in den Himmel. Vor allem nicht, wenn sie sehr lange im Amt sind. So ist etwa davon auszugehen, dass Barbara Egger, die mit zwölf Amtsjahren Dienstälteste, ihr Glanzresultat der letzten Wahlen kaum wiederholen wird.

Thomas Milic arbeitet als Oberassistent und Adrian Vatter ist Professor am Institut für Politikwissenschaften der Universität Bern. (Der Bund)

Erstellt: 08.03.2014, 11:52 Uhr

Artikel zum Thema

Autonomisten im Berner Jura stellen sich nun doch hinter Perrenoud

Im Berner Jura kann SP-Regierungsrat Philippe Perrenoud bei den Wahlen vom 30. März nun doch auf die Unterstützung der linksautonomistischen PSA zählen. Mehr...

Die SVP kann auf Sitzgewinne hoffen

Wer sind die voraussichtlichen Wahlgewinner und wer die Wahlverlierer? Eine «Bund»-Analyse der Grossratswahlen von 2010 zeigt: Die besten Erfolgschancen bei den Wahlen im März hat die SVP. Mehr...

Trotz Verlusten präsentiert sich kämpferische FDP als Siegerpartei

Die FDP des Kantons will «fit» die Wahlen gewinnen und drei zusätzliche Sitze im Parlament erobern. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Schlangenfrauen: Kontorsionistinnen während einer Aufführung im Cirque de Soleil in Auckland. (14. Februar 2019)
(Bild: Hannah Peters/Getty Images) Mehr...