Sie assen Gras und Tierkadaver

Wegen eines Vulkanausbruchs in Indonesien brach vor 200 Jahren in der Schweiz die letzte Hungersnot aus. Während es den Kanton Bern weniger hart traf, starben in der Ostschweiz viele vor Hunger.

Es war 1816 ein Müller. Der hatte das Glück, in schweren Zeiten Getreide einfahren zu können (oben links) So lud er sich,, seine Freunde und seinen Hund regelmässig zum Abendessen ein (unten links). Leider bekam der Pöbel Wind davon und lynchte die Wucherer, schlug deren Ohren ab und verübte einen Brandanschlag auf des Müllers Mühle (oben rechts). So fand der sich mausarm und von Eintreibern heimgesucht in seinem leeren Hause wieder (unten rechts). Der Wucherer – Glück und Ende. Verbleib unbekannt.

Es war 1816 ein Müller. Der hatte das Glück, in schweren Zeiten Getreide einfahren zu können (oben links) So lud er sich,, seine Freunde und seinen Hund regelmässig zum Abendessen ein (unten links). Leider bekam der Pöbel Wind davon und lynchte die Wucherer, schlug deren Ohren ab und verübte einen Brandanschlag auf des Müllers Mühle (oben rechts). So fand der sich mausarm und von Eintreibern heimgesucht in seinem leeren Hause wieder (unten rechts). Der Wucherer – Glück und Ende. Verbleib unbekannt. Bild: zvg

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Vor 200 Jahren brach auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus. Es war der heftigste Vulkanausbruch seit 7000 Jahren. Es starben 71 000 Menschen. Die gigantischen Mengen an Staub und Schwefelverbindungen, die in die Atmosphäre gespuckt wurden, verdeckten die Sonne und kühlten das Klima ab. Die Folge war eine grosse Hungerkrise in weiten Teilen Europas. Am schlimmsten traf es Süddeutschland und die Schweiz.

Das «Jahr ohne Sommer»

1816 befand sich die Eidgenossenschaft in einer Krise. Die Bevölkerung war gebeutelt von den Napoleonischen Kriegen, die erst 1813 zu Ende gegangen waren. Seitdem stand die einheimische Textilindustrie in direkter Konkurrenz zu England. Jene hatte während der Zeit der napoleonischen Importsperre ihre Textilproduktion mechanisiert. Nun konnte England die Waren zu Preisen verkaufen, mit denen die Schweizer Manufakturen nicht mithalten konnten. Als Folge brach die hiesige Textilwirtschaft ein.

Man hoffte nun auf gute Ernteerträge, da die letztjährigen Ernten aufgrund schlechter Sommer allesamt dürftig ausgefallen waren. Doch nun begann das Klima als Folge des Vulkanausbruchs 1816 erst richtig verrückt zu spielen. Im Sommer lag mindestens einmal im Monat Schnee. An zwei von drei Tagen regnete es. Im Herbst mussten die reifen Kartoffeln schliesslich unter einer dicken Schneedecke ausgegraben werden. Das Obst und die Trauben erfroren und verfaulten. Man sprach von nun an vom «Jahr ohne Sommer». Aufgrund der horrenden Ernteeinbussen explodierten die Getreidepreise. Während sie sich in der Westschweiz verdreifachten, versechsfachten sie sich in der Ostschweiz. Die Folge war eine Hungersnot, die im Frühjahr 1817 ihren Höhepunkt erreichte.

Dem grössten Teil der Bevölkerung blieb nichts, als ihre Ernährung mit sogenannter «Notnahrung» zu ergänzen. So wurden unreife Kartoffeln und verstorbene Pferde, Katzen und Hunde gegessen. In der Ostschweiz sahen sich die Leute gar gezwungen, Gras zu essen. Die Kleinkriminalität stieg an. Allerorts wurden Suppenküchen eingerichtet, wo die Ärmsten die Bäuche wenigstens mit Salzwasser füllen konnten. Trotzdem erlitten in Teilen der Ostschweiz bis zu zehn Prozent der Bevölkerung den Hungertod. Den Kanton Bern traf es weniger hart. In der Westschweiz und im Tessin waren die Verhältnisse nochmals um einiges besser. Warum sorgten die Kantone der Eidgenossenschaft also nicht für einen Ausgleich bei der Verteilung der Nahrungsmittel?

Solidarität war äusserst gering

Der Historiker Daniel Krämer, Dozent an der Universität Bern, hat zur letzten Hungerkrise in der Schweiz unlängst eine Dissertation publiziert. Im Gespräch mit dem «Bund» erläutert er, dass die Solidarität zwischen den Kantonen zu dieser Zeit äusserst gering gewesen sei. Den Bundesstaat gab es noch nicht. «Die Kantone grenzten sich ab», sagt er, «und die Nahrungsmitteltransporte wurden gegenseitig erschwert. Wenn zum Beispiel Getreide aus Italien am Gotthard auf Säumtiere umgeladen werden musste, wurde der Transport oft absichtlich verzögert.»

Man habe nicht gewollt, dass Nahrung an einem vorbeiziehe. «Zudem wollten viele Arbeiter einen Teil des Lohns für das Umladen in Getreide ausbezahlt haben. So konnten sie Druck ausüben.» Krämer zitiert hierbei einen preussischen Gesandten in der Schweiz, der 1817 nach Berlin meldete, es gebe hier «nirgends brüderliches Entgegenkommen, treues Mitteilen, gemeinsames Ausharren. Überall selbstische Sorge und einseitige verderbliche Massregeln; in schauderhafter Gestalt hat sich die innere Zerrissenheit dieses Bundesstaates offenbart.»

Kantone versäumten Hilfeleistung

Daniel Krämer beurteilt auch die Hilfeleistung einzelner Kantone als ungenügend. Nicht alle hätten alles getan, um das Elend zu verringern. «Dass die Westschweiz viel weniger zu leiden hatte, hat damit zu tun, dass die Kantone früh begonnen hatten, Nahrung zu importieren und die Preise zu senken», sagt er. Der Thurgau hingegen habe das Jahr 1817 gar mit grünen Zahlen abgeschlossen. Auch die Oberschicht habe sich kaum mit den Ärmeren solidarisiert.

Die Ernte im Sommer 1817 fiel dann aber glücklicherweise gut aus – und das Leid war überstanden. Dass die Hungersnot von einem Vulkan ausgelöst worden war, der sich auf der anderen Seite der Erdkugel befand, erkannte man erst hundert Jahre später.

(Der Bund)

Erstellt: 07.04.2015, 12:32 Uhr

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