«Selektion produziert Verlierer»

Unzufriedene Schüler, überforderte Lehrkräfte, gestresste Eltern: Für Hans Joss, Lehrer und ehemaliger Dozent der Pädagogischen Hochschule, macht der Sek-Übertritt ein ganzes Schulsystem krank.

Radikaler Kritiker des selektiven Schulsystems: Hans Joss.

Radikaler Kritiker des selektiven Schulsystems: Hans Joss. Bild: Adrian Moser

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Die SP forderte die Primarlehrer jüngst auf, im Fach Französisch auf Noten und Übertrittsentscheide in Bezug auf die Sekundarschule zu verzichten. Sie als ehemaliger Sekun­darlehrer und Dozent der PH kritisierten danach öffentlich, dass Zuweisungsentscheide sowieso zu viele Fehlprognosen enthielten. Wie kommen sie darauf?
In den 1970er-Jahren war ich in der Stadt Bern beteiligt an der Umstellung des Modells 4/5 (4 Jahre Primar-/5 Jahre Sekundarschule; Anm.d.Red.) auf 6/3. Damals stellten wir uns die Frage, ob man eine zuverlässige Prognose der Schulleistungen einzelner Schüler abgeben könne. Wir waren sehr umtriebig in dieser Frage und lancierten gar ein Nationalfondsprojekt. Unter dem Strich kam her­aus, dass das Lehrerurteil am zuverlässigsten für eine Prognose ist. Aber: Das Urteil ist nur ein Jahr lang gültig. Das heisst, nach einem Jahr kann ein Kind an einem ganz anderen Ort stehen.

Die Lehrer beobachten die Kinder heute aber im Gegensatz zu früher über 18 Monate hinweg. Das ist doch genug Zeit, um eine zuverlässige Prognose abgeben zu können?
In diesem Jahr gab es erstmals Kontrollprüfungen für jene Kinder, deren Eltern und Lehrer sich in der Frage des Übertritts nicht hatten einigen können. Die Experten, welche die Kontrollprüfungen durchführten, stellten fest, dass 34 Prozent der Schüler, welche die Prüfung machten, besser abgeschnitten haben, als die Prognose der Lehrer war.

Das heisst, die Prognosen der Lehrerinnen und Lehrer waren falsch?
Prognosen sind Trefferwahrscheinlichkeiten. Bei näherer Betrachtung ist es deshalb nicht weiter verwunderlich, dass die Prognosen nicht stimmten. Es ist wissenschaftlich belegt, dass jede Note um bis zu zwei Punkte variieren kann, je nach Lehrer, der die Schüler ­beurteilt. Wenn man also Noten für eine Prognose brauchen will, die drei Jahre gültig sein soll, dann ist das genauso «falsch» wie die Expertenergebnisse.

Sie kritisieren also grundsätzlich die Notengebung?
Nein, nicht grundsätzlich. Nur wenn man sie für eine Prognose braucht, aufgrund deren man Kinder verschiedenen Schultypen zuordnet für die nächsten drei Jahre. Die Selektion braucht von ­allen Beteiligten viel zu viel Energie und führt am Ende auch viel zu oft zu Stigmatisierungen, die ein Leben lang anhalten können.

Was wäre Ihre Lösung dafür?
Ich habe mich intensiv mit dem finnischen Schulsystem auseinandergesetzt und war auch ein paar Mal in Finnland. Dort gibt es keine Selektion. Vom 1. bis zum 9. Schuljahr besuchen alle Kinder dieselbe Klasse. Die Finnen schafften den Wechsel von einem selektiven System, wie wir es kennen, zu einem selektionsfreien System, indem sie konsequent auf innere Differenzierung im Unterricht setzten. Das heisst, jeder Schüler wird entsprechend seinen Fähigkeiten, individuellen Begabungen und Interessen gefördert. Die Schüler gehen innerhalb einer Klasse auch unterschiedliche Lernwege.

Diese innere Differenzierung ist ja für die Schweiz nichts Neues. Sowohl der bisherige Lehrplan 95 wie auch der Lehrplan 21 schreiben genau das vor.
Das ist richtig. Nur macht es kaum jemand. Innere Differenzierung in einem System, das die äussere Differenzierung, also die Schaffung homogener Leistungsgruppen zum Ziel hat, funktioniert nicht. Lehrer sagen mir oft, dass nach der 4. Klasse ja die Selektion beginne und innere Differenzierung deshalb keinen Sinn mache. Die Haltung der finnischen Schulen ist ganz anders: Wir als Schule sind verantwortlich dafür, dass wir ein Kind während neun Jahren optimal fördern und dass jedes Kind optimale Lernbedingungen hat. Das Kind steht hier wirklich im Mittelpunkt. Nachhilfestunden gelten in Finnland als Systemfehler. Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, gibt es an jeder Schule Teachers for Special Education. Sie fördern das Kind in jenen Bereichen, in welchen es Schwierigkeiten hat. Das finnische Schulsystem ist aus all diesen Gründen viel ruhiger, es geht in den Schulen weniger hektisch zu und her als hier.

Die Möglichkeit, Schulschwierigkeiten zu beheben und Kinder individuell zu fördern, besteht hier ja auch, es gibt Heilpädagoginnen und Heilpädagogen an den Schulen.
Ja, aber sie können ihre beruflichen Kompetenzen nur beschränkt einsetzen. Ich führe oft Supervisionen mit heilpäda­gogischen Lehrkräften durch. Es zeigt sich dabei, dass die Schulleitungen häufig überfordert sind, die heilpädagogischen Lehrpersonen richtig zu integrieren. Zudem kommt es leider oft zu Konkurrenzsituationen. Die Kinder gehen in der Regel sehr gerne zu den Heilpädagoginnen. Das führt dann wieder zu Spannungen mit den Klassenlehrkräften. Daran sieht man, dass sich der Leistungs- und Konkurrenzgedanke an unseren Schulen überall durchzieht.

Unser Schulsystem mit seinem Leistungsprinzip bereitet die Kinder vielleicht besser auf die Realität in Wirtschaft und Gesellschaft vor als das finnische System.
Es ist doch nicht so, dass die Finnen keine Leistung erbringen! Sie haben ja in diversen Pisa-Studien besser abgeschnitten als wir. Aber im Gegensatz zu uns gehen die Finnen davon aus, dass Leistung in der Schule nur dann erbracht wird, wenn zwischen Lehrkräften, Schülern und ­Eltern Vertrauen herrscht und sich die Schüler in der Schule wirklich aufgehoben fühlen. Gegenseitiges Vertrauen ist die beste Basis für jegliche Lernvoraussetzungen, das ist psychologisch längstens unbestritten. Bei uns sieht die Realität leider anders aus: Eine kantonale Umfrage hat ergeben, dass sich 20 Prozent der Oberstufenlehrer, insbesondere der Realstufe, täglich überfordert fühlen. Dies hat man bei der Erziehungsdirektion zur Kenntnis genommen, passiert ist aber dar­aufhin nicht viel. Dabei fördert unser System aufgrund der Selektion genau diese Situation: unzufriedene Schüler, überforderte Lehrkräfte und gestresste Eltern.

Die Erziehungsdirektion fördert nun aber gerade deswegen die Flexibilisierung des 9. Schuljahrs, sodass sich Schüler besser auf ihr künftiges Berufsfeld oder die Mittelschule vorbereiten können und das 9. Schuljahr nicht zu einem Problemjahr verkommt.
Das ist der bildungspolitische Aushänger des Kantons Bern. Aber die Flexibilisierung nach der 8. Klasse ist ganz einfach viel zu spät. Die Flexibilisierung müsste ab der 7.Klasse beginnen. In Finnland ­begleitet eine Art schulinterner Laufbahnberater eine bestimmte Anzahl Kinder ab der 7. Klasse, um herauszufinden, welcher Weg für sie der richtige ist. Die Schüler besuchen ab diesem Zeitpunkt nur noch Wahlfächer, die sie optimal auf ihre künftige Laufbahn vorbereiten.

Die bernischen Schulen geniessen diesbezüglich ja viel Freiheit und könnten sich viel stärkere pädagogische Profile verpassen. Aber kaum eine Schule macht das.
Ich stelle mir manchmal auch die Frage, warum sich nicht mehr Schulen ein klares Profil geben und sich vor allem weiterentwickeln. Auf der einen Seite braucht es dafür Courage. Man muss hinstehen und den Eltern erklären, weshalb man den Unterricht, ja die Schule an und für sich auf einmal ganz anders gestalten will als bis anhin. Auf der anderen Seite braucht es vor allem auch ein Lehrerkollegium, das die pädagogische Weiterentwicklung einer Schule auch mitträgt. Im Moment laufen aber viele Lehrpersonen und Kollegien am ­Limit ihrer Möglichkeiten. Die Schule benötigt am Ende nicht mehr Mittel, sondern es müssten vor allem die Bemühungen von Schulen, sich zu entwickeln, unterstützt werden.

Eine gute Schule kostet doch Geld.
Nein, eben nicht zwingend. Die Bildungsausgaben in Finnland liegen unter dem OECD-Schnitt. Das finnische System ist billiger als unseres. Wir produzieren mit unserem System sehr hohe Kosten für Stützunterricht, heilpädagogischen Unterricht, Psychomotorik und so weiter. Mit solchen Angeboten verbuttern wir das Geld, anstatt das System als solches etwas genauer zu betrachten und zu ändern. In der Stadt Bern haben letztes Jahr Seniorinnen und Senioren 16'000 Stunden unbezahlte Leistung an Schulen erbracht. Ich gehöre auch zu diesen Senioren. Doch genau solche Einsätze verzerren die ganze Wahrnehmung und bringen das System in Schieflage. Diese Einsätze sind eine Verbilligung der Volksschule.

Das ist eine ziemlich harte Aussage.
Vielleicht eine etwas radikale. Aber als Präsident des Vereins Lesen und Schreiben habe ich viele Jahre beobachten können, wie unser Schulsystem Verlierer produziert. Das hat mich radikalisiert. Es gibt 70'000 Erwachsene im Kanton Bern, die nicht richtig lesen und schreiben können. Doch wenn ich auf der Erziehungsdirektion dieses Thema anspreche und sage, dass man die Volksschulen damit konfrontieren müsse, dann wird mir vermittelt, dass dies ein Tabuthema ist. Die Betroffenen wiederum melden sich nirgends, um Lesen und Schreiben nachholen zu können – trotz des Einsatzes unseres Vereins. Und zwar, weil sie sich schämen. Das ist ­genau der Punkt: Unser Schulsystem ­beschämt mit seiner Selektion einen Teil der Kinder und vermittelt ihnen, dass sie ganz einfach zu dumm sind für ­gewisse Lerninhalte. Das ist ein absolutes No-go, das darf in einem Schulsystem einfach nicht mehr passieren. (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2014, 11:26 Uhr

Breite Debatte zum Schulsystem

Im Kanton Bern haben in diesem Jahr erstmals die neuen Sek-Kontrollprüfungen in den Fächern Deutsch, Französisch und Mathematik stattgefunden. Die Prüfungen kommen dann zum Zug, wenn sich Lehrer und Eltern beim Übertritt der Schüler von der Primar- zur Sekundarschule nicht einigen können. In den letzten Jahren fanden im Schnitt 500 Einigungsgespräche statt, weil sich die Eltern mit dem Übertrittsentscheid der Lehrer nicht einverstanden erklärt hatten. Die Kontrollprüfungen dienen dazu, die Übertrittskonflikte zu beruhigen. Von den 326 zur Prüfung angetretenen Schülern erreichten in den einzelnen Fächer ein Drittel bis die Hälfte das Sek-Niveau. Die Resultate der Prüfungen lösten eine breite Debatte aus. Unter anderem darüber, wie zeitgemäss eine Selektion überhaupt noch ist. Die SP forderte die Primarlehrer jüngst auf, in Französisch auf Noten und Übertrittsentscheide zu verzichten. Dies weil im Französischunterricht bereits heute, wie im Lehrplan 21 vorgesehen, die Kompetenzen der Kinder beurteilt werden müssen. Dies widerspreche aber dem Selektionsgedanken, so die SP.

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