Sekundarlehrer sind «nicht ganz glücklich» über Quarta-Entscheid

Aus Gymnasiumsperspektive ist der Quarta-Entscheid des Grossen Rates pädagogisch sinnvoll. Aus Sicht mancher Sekundarlehrer ist er gesellschaftspolitisch fragwürdig.

Gymnasiale Bildung den Gymnasien: Technik-Klasse am Gymnasium Lerbermatt in Köniz.

Gymnasiale Bildung den Gymnasien: Technik-Klasse am Gymnasium Lerbermatt in Köniz.

(Bild: Adrian Moser (Archiv))

Dölf Barben@DoelfBarben

Der Grosse Rat hat am Dienstag entschieden: Ab Sommer 2017 wird gymnasialer Unterricht nur noch an Gymnasien durchgeführt. Konsequenzen hat dies insbesondere für jene gut zwei Dutzend Gemeinden, die an ihren Oberstufenzentren gymnasialen Unterricht (GU9) anbieten. Das sind Klassen für Neuntklässler, die an ihrer Sekundarschule das erste von vier Gymnasiumsjahren absolvieren, die Quarta. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver hatte die Situation in Bezug auf den gymnasialen Unterricht im 9. Schuljahr im Kanton Bern als Flickenteppich bezeichnet. Dieser verschwindet nun.

Die Gymnasien sind froh darüber. Nun lässt sich für sie verwirklichen, was als ungebrochener vierjähriger gymnasialer Bildungsweg bezeichnet wird. Wenn alle Schülerinnen und Schüler von Anfang an am Gymnasium unterrichtet werden, müssen zu Beginn des zweiten Jahres, der Tertia, nicht über 90 Prozent der Klassen neu gebildet werden. Es sei «ganz klar», sagt Leonhard Cadetg, Rektor des Seeland-Gymnasiums und Präsident der Konferenz der Schulleitungen der Gymnasien des Kantons Bern, dass bei einem ungebrochenen Bildungsweg schliesslich bessere Leistungen erzielt würden. Aus diesem pädagogischen Grund seien die Gymnasien seit langem erpicht darauf gewesen, die Quarten selber zu führen.

Cadetg betont, die Reorganisation bedeute nicht, dass die Sekundarschulen keine gute Arbeit geleistet hätten. Im Gegenteil: «Wir haben hohen Respekt vor der Arbeit der Sekundarlehrkräfte», sagt Cadetg. An den Gymnasien wird die Integration der Schülerinnen und Schüler kaum grössere Probleme verursachen, weder in Bezug auf das Personal noch in Bezug auf die Schulräume. Grund dafür ist die geplante Reduktion der Lektionenzahl über die gesamte gymnasiale Ausbildung hinweg.

«Wir hatten keine Lobby»

Weniger positiv wird der Grossratsentscheid bei den Sekundarlehrern aufgenommen. Lamentieren nütze nun nichts mehr, sagte am Mittwoch Urs Kaufmann, Schulleiter in Wattenwil. Über Jahre hinweg hat sich der Vorsitzende der Konferenz der Schulleitungen der Oberstufenzentren des Kantons Bern gegen die sogenannte Quarta-Lösung eingesetzt. «Aber unsere Argumente», findet er, «sind kaum gehört worden – wir hatten keine Lobby.» Argumente hatte er indessen viele gehabt. Dass der Unterricht an den GU9-Klassen jenem in den Quarta-Klassen der Gymnasien in nichts nachstehe, ist für ihn nicht einmal das Wichtigste. Kaufmann betont ein anderes: Für einen ungebrochenen vierjährigen Bildungsweg an den Gymnasien einen gebrochenen dreijährigen Bildungsweg auf der Sekundarstufe in Kauf zu nehmen, sei aus gesellschaftspolitischer Sicht ein Blödsinn. Mit der Aufhebung der GU9-Klassen würden die stärksten Schülerinnen und Schüler – die künftige Elite – schon nach der achten Klasse separiert und in der Folge die Oberstufenzentren der Gemeinden verlassen. Gerade in ländlichen Gebieten könne dies Konsequenzen für die Vereine und damit für den Zusammenhalt in den Gemeinden haben. Auf der anderen Seite vermute er, sagt Kaufmann, dass nicht alle Kinder, die heute eine GU9-Klasse besuchen würden, auch tatsächlich bereits nach der 8. Klasse an ein Gymnasium übertreten würden. Für solche Kinder kommt künftig ein Übertritt nach der 9. Klasse immer noch infrage – allerdings «verlieren» sie ein Jahr.

Und wie ist es für die Sekundarlehrer selber? Sie seien bestimmt «nicht ganz glücklich», sagt Kaufmann. Schliesslich seien es sehr motivierte Kinder, die an den Oberstufenzentren fehlen würden. Vielleicht werde dadurch das eine oder andere Projekt nicht mehr realisierbar sein. Die Sekundarlehrkräfte «werden es aber schon packen», sagt er.

Der Bund

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