Seine Materie ist Karbon, nicht mehr Blech

Christian Gassers Welt sind Autos. Früher kümmerte er sich um Oldtimer. Nun nimmt er mit einem Berner Rennstall am 24-Stunden-Rennen in Le Mans teil.

  • loading indicator
Dario Greco@HerrGreco

Dass Christian Gasser den Beruf des Automechanikers erlernte, ist dem Zufall geschuldet. Die Schnupperlehre als Polymechaniker war für den Neuntklässler bereits organisiert, als es ein Missverständnis mit dem Betrieb gab. Also arrangierte der Klassenlehrer für seinen Schüler ein paar Schnuppertage in einer Autogarage als Ersatz. Das war vor knapp dreizehn Jahren, seither ist es um Gasser geschehen. Autos sind seine Welt.

Doch aus dem 27-Jährigen ist kein normaler Automechaniker geworden. Ob daran die spezielle Anekdote, wie er zu seinem Beruf fand, schuld ist, kann er nicht sagen. Zum abendlichen Gesprächstermin in der Berner Innenstadt reist er jedenfalls mit dem Regionalzug an. Er stehe eben nicht gerne im Stau, begründet er. Später wird er noch sagen, dass ein Auto für ihn dazu da sei, möglichst bequem von A nach B zu kommen. Ihm zu glauben fällt schwer.

Wagen für gut situierte Herren

Gasser hatte es in seiner Karriere als Mechaniker kaum je mit Wagen zu tun, die nur dazu da sind, vom einen Ort an den anderen zu gelangen. Er absolvierte seine Lehre in der Sportgarage Graber in Toffen, einer auf Oldtimer spezialisierten Werkstatt. Diese Automobile sind mindestens 30 Jahre alt, häufig sehr teuer, und sie dienen meist älteren, gut situierten Herren als Hobby. In seiner Laufbahn wurden Gasser Wagen wie ein Ferrari 250 GTO oder ein Porsche 917 anvertraut – Modelle, die an Versteigerungen im Ausland auch schon zweistellige Millionenbeträge einbrachten.

Anfang Jahr hatte er genug. «Ich betreute unsere Kunden häufig an Klassiker-Rennen, aber dort fehlte mir die sportliche Herausforderung», begründet er. Er wechselte in einen Betrieb, der das pure Gegenteil einer Oldtimer-Garage ist, und ist jetzt Mechaniker beim in Münsingen beheimateten Rennstall Race Performance, der an einer europäischen Langstreckenserie teilnimmt. Dort schraubt Gasser an mit der allerneusten Technik ausgestatteten Boliden statt an alten, schweren Oldtimern. Seine Materie ist jetzt Karbon und nicht mehr Blech. Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten: Ein Rennstall wie Race Performance ist ebenfalls das Hobby von älteren und vermögenden Herren. Christian Gasser nennt es «hochprofessionelles Funracing».

40 Stunden am Stück wach

An diesem Wochenende nimmt das Berner Team am 24-Stunden-Rennen im französischen Le Mans teil, einem der grössten und geschichtsträchtigsten Motorsportereignisse weltweit. Für Gasser dauert das Rennen wesentlich länger. Wenn am Samstag um 15 Uhr der Start erfolgt, ist er schon seit Stunden auf den Beinen, er muss den Boliden bereitmachen. Nach dem Rennen packt er mit dem Team das Material wieder in die beiden Lastwagen, bevor die Heimreise beginnt. Ungefähr 40 Stunden ist er zu diesem Zeitpunkt wach.

Vom Rennen und den über 250'000 Zuschauern kriegt der Mechaniker kaum etwas mit. Er pendelt zwischen der Teamgarage und dem grossen Lastwagen. In dessen Anhänger hatte er sich bei der Anreise vor zwei Wochen ein Klappbett aufgestellt, seither übernachtet er dort. Er mag die Atmosphäre an der Strecke. «Ich will», sagt Christian Gasser, «diese Stimmung hautnah erleben und alles aufsaugen.» Richtig schlafen kann er während des Rennens aber nicht, obwohl es ihn nicht immer braucht. Sein Adrenalinpegel ist zu hoch. Er hat stets einen Knopf im Ohr und hört den gesamten Funk zwischen der Box und dem Auto. Sobald sich der Fahrer meldet, ist Christian Gasser hellwach, sein Puls schnellt in die Höhe und senkt sich erst wieder, wenn er weiss, dass alles in Ordnung ist.

Wenn alle paar Wochen ein Rennen ansteht, verstärken gegen 15 Personen den Berner Rennstall, ansonsten ist er ein Kleinstbetrieb. Nur zwei Mechaniker sind in Vollzeit angestellt, Gasser und sein Chef Urs Meier. Gasser mag die Ruhe und die familiäre Atmosphäre; die grosse Werkstatt, wie er sie zuvor während fast 12 Jahren erlebt hatte, vermisst er nicht. Nur die Oldtimer, die fehlen ihm ein wenig. Sein Traum ist es, einmal einen alten Ferrari zu besitzen. Seit seiner ersten Testfahrt in einem 250 SB schlägt sein Herz für die Marke mit dem springenden Pferd. «Diesen Wunsch werde ich mir wohl nie erfüllen können», sagt er. Gasser hat deshalb klein angefangen und vor Jahren einen BMW 2002 erstanden. Sobald er Zeit dazu findet, will er ihn restaurieren.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...